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Esther Dierkes als Josephe Asteron Bild: dpa

Opern-Uraufführung : Die Toten singen doch

Heilende Traumzeit: In Stuttgart erlebt Toshio Hosokawas Oper „Erdbeben. Träume“ nach einem Libretto von Marcel Beyer ihre Uraufführung.

          Es ist ein altes Lied, Marlene Dietrich hat es schon gesungen: „Man hat uns nicht gefragt, als wir noch kein Gesicht, ob wir leben wollten oder lieber nicht“. Auch der kleine Philipp, an der Staatsoper Stuttgart unerhört eindringlich zur Präsenz gelangt in Gestalt der japanischen Schauspielerin Sachiko Hara, ist nicht gefragt worden. Aber er hat überlebt – nicht nur das Erdbeben, sondern auch seine Eltern Josephe und Jeronimo. „Von deinen Eltern weiß man nichts“, sagt seine Ziehmutter Elvire. „Spricht man nicht“, ergänzt der Ziehvater Fernando. „Spricht man so wenig, wie du sprichst“, erklärt Elvire. Doch auf dem stummen Gesicht des sprachgestörten, vielleicht sogar autistischen Jungen steht die Frage: Wenn ich selbst schon nicht wollte, bin ich dann wenigstens gewollt worden? Denn der Mensch ist das Wesen, das sich gewollt wissen will. Wenn er schon den Grund zu sich selbst nicht zu legen vermag, will er etwas über diesen Grund, den andere gelegt haben, wissen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Marcel Beyer hat sich diese neue Rahmung für sein Opernlibretto ausgedacht. Denn in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“, 1807 veröffentlicht, gibt es keine Mutmaßungen darüber, wie das kleine Kind toter Eltern, das von den Eltern eines toten Kindes im Erdbeben von Santiago de Chile 1647 und mitten in den Wirren eines mordenden Mobs gerettet wurde, später einmal diese Welt ansehen würde. Kleist hatte sich mit seiner Novelle bereits von der Diskussion des achtzehnten Jahrhunderts entfernt, ob denn ein Gott, der solche Beben zulasse, zugleich allmächtig und allgütig sein könne. Die Frage Voltaires nach dem Erdbeben von Lissabon 1755 war eigentlich nicht mehr Kleists Frage. Die wahre Natur des Menschen, wann und wie sie sich zeigt – das interessierte Kleist viel mehr.

          Josephe und Jeronimo lieben sich über die Standesgrenzen hinweg. Doch das Standesrecht will vom Naturrecht der Liebe nichts wissen, weshalb beide zum Tode verurteilt werden. Das Erdbeben schenkt ihnen einen Aufschub des Lebens und danach das kurze Idyll zwischenmenschlicher Solidarität jenseits von Standesunterschieden. Erst dann, im Chaos von Not und Mangel sowie mit der Frage nach Sündenböcken für die Katastrophe, kehrt die Grausamkeit zurück.

          Der kleine Philipp gelangt zu unerhörter Präsenz durch die Schauspielerin Sachiko Hara. Bilderstrecke

          Doch den aus Japan stammenden Komponisten Toshio Hosokawa hat weder die Frage nach der Rechtfertigung Gottes noch jene nach der wahren Natur des Menschen vordringlich interessiert, sondern die der Heilung eines Traumas durch den Dialog mit den Ahnen. Das gibt es in vielen Kulturen der Welt, im japanischen No-Theater genauso wie bei den australischen Aborigines, die sich singend in eine „Traumzeit“ begeben, aus dem Jetzt ins Einst reisen, um sich von den Ahnen Kräfte zu holen. Marcel Beyer hat auf diesen Wunsch Hosokawas kongenial mit seinem Libretto reagiert. Es ist – knapp, präzise, suggestiv in seiner Sprache – zwar kein eigentliches Drama, sondern eher die lyrische Verdichtung einer Trauma-Erfahrung ohne allzu zwingende Verteilung des Textes auf die Figuren. Aber dieses Libretto nimmt die Vorstellung einer Lebenskräftigung durch den Dialog mit den Toten, also der Heilung von Grundlosigkeitsängsten durch die Berührung mit der Vorgängergeneration wunderschön und hochsensibel auf.

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