http://www.faz.net/-gqz-969i7

Pianist Michael Abramovich : Untergrundklassik

  • -Aktualisiert am

Vor dem Auftritt im „Pianosalon Christophori“ - der Pianist Michael Abramovich Bild: Matthias Lüdecke

In einem alten Berliner Busdepot entdeckt der rumänisch-israelische Pianist Michael Abramovich den polnisch-französischen Komponisten Frédéric Chopin. Das klingt unerhört neu.

          Fünfzehn Flügel stehen auf einem aus rohen Brettern gezimmerten Podest, einer oder zwei davon mit aufgeklappten Deckeln. Zahllose einzelne Flügelteile – Lyren, Pulte, Rahmen – hängen an den Wänden und stehen im Raum herum. Man könnte denken, man habe sich in einen Trödelladen verirrt. Ein großer Schrank mit Schallplatten in der Ecke, Stehlampen mit gemütlichen gelblichen Stoffschirmen, große Messingkronleuchter, Schwarzweißfotos von Musikern, nicht immer museumstaugliche Gemälde, und sogar der Panzer einer Riesenschildkröte: Vielleicht weil der Händlergott Hermes der Sage nach aus einem solchen Panzer die erste Kithara baute, vielleicht einfach nur so.

          Die Halle ist ein Teil des ehemaligen Busdepots der Berliner Verkehrsbetriebe in der Weddinger Uferstraße, jetzt finden hier etwa fünf Mal die Woche Konzerte statt, Klavier und Kammermusik, manchmal Jazz. Das ist „Pianosalon Christophori“, Berlins alternative Philharmonie.

          „Christophori“ ist flexibel

          Der Pianist Michael Abramovich ist eine Institution innerhalb dieser Institution. Seit drei Jahren spielt er dort das Gesamtœuvre von Frédéric Chopin für Soloklavier in chronologischer Reihenfolge, es ist jetzt schon die zweite Runde. Man weiß im voraus nie, welches Instrument Abramovich wählt, einen modernen Bösendorfer, einen etwa hundert Jahre alten englischen Flügel aus dem Hause Challen oder einen historischen Érard, das Standardinstrument der großen Musiker des 19. Jahrhunderts, auch Chopins. Die Konzerte sind so schnell ausverkauft, dass Michael Abramovich zwei oder drei Abende hintereinander gibt. Das geht, „Christophori“ ist flexibel.

          Abramovich, 47, wurde in Rumänien in eine Musikerfamilie geboren, er wanderte mit 13 Jahren mit seinen Eltern und Geschwistern nach Israel aus, studierte Klavier in Jerusalem und in New York. Seit über zwanzig Jahren lebt er nun in Berlin. Er hat die zart-zähe Figur eines Zirkusakrobaten; mit federnden Schritten kommt er auf die Bühne, stellt sich vor die Instrumente und erklärt, tanzend und singend, die Werke auf dem Programm, und das ist mehr als angebracht: Ein großer Teil von Chopins Werken sind nämlich Tänze.

          Verfremdung als zentrales Prinzip

          Ein nicht weniger wichtiger Bestandteil, erzählt Abramovich, sei Chopins Auseinandersetzung mit der Oper, die sein gesamtes Œuvre durchziehe. Schwer zu sagen, wie viele Menschen im Publikum ohne diese Erklärungen auf Anhieb Zitate etwa aus Bellini in Chopin-Werken, oder wiederum Zitate von Chopin in Wagners „Tristan und Isolde“ erkennen würden. Mit Abramovich scheint es leicht, offensichtlich, selbstverständlich.

          Im Jahre 1916 schrieb der russische Literaturwissenschaftler und Kunsttheoretiker Wiktor Schklowski seinen einflussreichen Aufsatz „Die Kunst als Verfahren“, in dem er die Verfremdung zum zentralen Prinzip der Kunst erhob: „Die Automatisierung frisst die Dinge auf, die Kleider, die Möbel, die Ehefrau und die Angst vor dem Krieg. (...) Und gerade um das Empfinden des Lebens wiederherzustellen, um die Dinge zu fühlen, um den Stein steinern zu machen, existiert das, was man Kunst nennt. Ziel der Kunst ist es, ein Empfinden des Gegenstands zu vermitteln, als Sehen, und nicht als Wiedererkennen.“

          Die Verkitschung begann schon zu seinen Lebzeiten

          Die Wiederbelebung Chopins ist eine besonders anspruchsvolle Aufgabe: Sein Œuvre ist überschaubar, voller Ohrwürmer und buchstäblich unter Bergen romantischer oder einfach nur kitschiger Interpretationen begraben. Man kennt seine Melodien aus Popsongs, schlimmer kann es nicht gehen. Chopins Verkitschung begann schon zu seinen Lebzeiten: Seine Mazurken und Polonaisen wurden als Tanzmusik gespielt, entstellt, vereinfacht, verkrüppelt und unzählige Male wiederholt.

          Weitere Themen

          Kadenz des Lebens

          100 Jahre Ingmar Bergman : Kadenz des Lebens

          „Und ich hörte zu wie ein Lehrbube“: Der Komponist und Schriftsteller Jüri Reinvere erzählt von seiner gemeinsamen Zeit mit Ingmar Bergman auf der Insel Fårö. Der Regisseur Bergman wäre heute hundert Jahre alt geworden.

          Konzert für Fische und Korallen Video-Seite öffnen

          Unterwasser-Festival : Konzert für Fische und Korallen

          Tauchausrüstung oder Schnorchel waren ein Muss beim Unterwasser-Festival vor den Florida Keys. Die am einzigen lebenden Korallenriff in Amerika abgespielten Rhythmen sollten die Aufmerksamkeit auch auf den Schutz des Ökosystems lenken.

          Topmeldungen

          Um eine solche Yacht könnte es sich handeln. Die wenigsten der potentiell betroffenen Yachten fahren jedoch unter französischer Flagge.

          Französische Luxussteuer : Die Steuer, die nur einer zahlt

          Steuern zahlen nur wenige gern. Richtig bitter ist es, wenn man sie als einziger zahlt. In Frankreich ist das jetzt passiert, weil die Regierung schlampig war.

          Fünf Jahre Kroatien in der EU : Feiern mit dem Barden des Hasses

          Nationalistische Strömungen, abwandernde Fachkräfte und eine lauwarme Einstellung zur EU: Jenseits des Fußballplatzes steht Kroatien nicht überall vizeweltmeisterlich da.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.