http://www.faz.net/-gqz-7qnii

„Wir sind keine Barbaren“ : Unser Fremdenhass ist doch ganz schön zivilisiert

  • -Aktualisiert am

Schau nicht zu den Schwarzen hin, Schatzi! Anne-Marie Lux und Matthias Thömmes als gutkleinbürgerliche „Barbaren“ im Nationaltheater Mannheim. Bild: Christian Kleiner

Wen das Affenfell juckt: Philipp Löhles flotte Ehekomödie „Wir sind keine Barbaren“ spielt mit den Ängsten der Mittelschicht. In Mannheim wurde sie uraufgeführt.

          Die Figurenkonstellation von Philipp Löhles neuem Stück ist klassisch modern, eine Versuchsanordnung wie bei Yasmina Reza oder Roland Schimmelpfennig: Zwei Paare aus dem Milieu der politisch korrekten Prosecco-Trinker, Milchaufschäumer und Mülltrenner, in herzlicher Abneigung miteinander verbunden, machen Smalltalk auf Teufel komm raus. Bei der Reza steckt der Teufel ja bekanntlich im Detail, in den unterschiedlichen Vorstellungen über Kindererziehung, Karriere und moderne Kunst.

          Bei Löhle, dem Hoffnungsträger der leichtfüßigen Gesellschaftssatire, ist es der Fremde, der an die Tür klopft und in Männern und Frauen Ängste und Schuldgefühle, unterdrückte Ressentiments und Lüste wachkitzelt. Im Nationaltheater Mannheim kocht bei der deutschen Erstaufführung von Löhles „Wir sind keine Barbaren“ die Mittelstandshölle der zivilisierten Barbarei allerdings auf Sparflamme. Löhle legt kleine Würstchen auf den Grill seiner Dialogkunst; sein alter Regisseursfreund Dominic Friedel röstet sie langsam braun, bis ihre dünne Haut aufplatzt und ihren unappetitlichen Inhalt freigibt: die Angst vor dem schwarzen Mann als Geschmacksverstärker neudeutscher Befindlichkeiten und Würze im Ehebett.

          Namenloses schwarzes Loch

          Barbara kocht, natürlich vegan, und findet den armen Menschen furchtbar süß. Wenn sie ihn als „pars pro toto“ bei sich aufnimmt, dann nur, weil sie nicht unempfänglich für Fremden-Augen wie „Gletscherseen in der Nacht“ und postkoloniale Sozialromantik ist und als vernachlässigte Frau eines tolpatschigen Heimwerkers von einem naturgewaltigen „Gotteshammer“ träumt: „Wenn ich Bobo sehe, kann ich das Unglück fast berühren.“ Ihr Mann Mario, bei Thorsten Danner ein winselndes Dickerchen im Schutzanzug, entwickelt als Sound-Designer Motorengeräusche für Elektroautos, aber im Bett ist der brüllende Tiger schon lange nur noch ein leise schnurrender Kater.

          Das Paar nebenan hat unüberhörbar noch ein geregeltes Sexleben, aber auch keine Lust, seine Privilegien mit einem dahergelaufenen Schmarotzer zu teilen. Die Fitnesstrainerin Linda schult Führungskräfte in Pilates und Balance Swing; und ihr Paul ist ein Pantoffelheld im Westernlook, der sich in seinem selbstgezimmerten Schutzraum verkriecht. Es sind keine geifernden Fremdenhasser, sondern normale Mitteleuropäer, die fair gehandelte Bananen kaufen, aber dann auch finden: Was genug ist, ist genug. Das Boot ist voll, eine Mietwohnung kein Asylantenheim und überhaupt: „Warum haben die Europäer das Pferd gezähmt und die Afrikaner nicht?“

          Die Männer unterhalten sich über Flachbildschirme, die Frauen über steingefiltertes Wasser und Yoga und tauschen sich wie kichernde Mädchen beim Junggesellinnenabschied über die sagenhafte Potenz der Afrikaner aus. Barbara sorgt mit ihrer „Gutmenschenscheiße“ ab und zu für Eklats, aber sie meint es nicht so. Der Fremde draußen vor der Tür ist nur eine Metapher, ein form- und namenloses schwarzes Loch. Das Andere schlechthin heißt für sie Bobo und für Mario Klint; es ist dunkelhäutig oder kaffeebraun, aus Afrika oder Asien, Pygmäe oder Riese, Sexualobjekt, potentielle Haushaltshilfe, vielleicht sogar Mörder.

          Pfiffig und mit Sorgfalt

          Löhle entwirft Bobo klugerweise als unsichtbare Projektionsfläche, aber am Ende setzt er ohne Not einen Krimiplot auf das feingesponnene Netz gefälliger Bosheiten und kultivierter Barbarei. Friedel bläst das Mörderspiel zum melodramatischen Schwarzweißvideo auf und lässt auch sonst keine Gelegenheit aus, subtile Konflikte zu vergröbern und zu vergrößern.

          Mal entstellt er seine Barbaren mit Affenmasken und eifrigem Lausen zur Kenntlichkeit, mal wirft sich Sabine Fürsts Domina-Barbara ein Tigerfell über oder lacht endlos am Mikrofon „Ist das geil!“. Der Heimatchor skandiert dazu ungefähr hundertmal das Schlüsselwort Angst.

          Der Chor der Ausländerfeinde, der das Geschwätz der aufgeklärten Ausländerfeinde mit Merkel-Rauten und einem groß geschriebenen WIR konterkariert und verstärkt, ist der Clou des Stücks: „Alle wollen haben, was WIR haben / WIR können nicht noch mehr abgeben / WIR lieben Kontrolle / WIR sind hier / Alles, was recht ist, gehört uns.“ Bei der Uraufführung in Bern im Februar, just am Vorabend der Schweizer Volksabstimmung über Massenzuwanderung, ließ Volker Hesse den Heimatchor der Wutbürger Berner Dialekt sprechen. Was damals immerhin ein Statement war, ist in Mannheim nur ein modischer Theaterchor, der in roten Overalls das Lied von der deutschen Ausländerfeindlichkeit als Nationalhymne oder auch Gospelsong singt.

          Gewöhnlich entstehen die Stücke des vielfach preisgekrönten Vielschreibers Löhle ebenso rasch, wie sie wieder vergehen; dieses wird in der nächsten Saison in Frankfurt, Dresden und Graz nachgespielt. Tatsächlich ist „Wir sind keine Barbaren“ deutlich pfiffiger und sorgfältiger konstruiert als etwa die beiden Auftragsarbeiten, die der ehemalige Hausautor zuletzt für Mannheim schrieb: „Supernova“ war nur ein alberner Schwarzwald-Western, „Du (Normen)“ ein kabarettistisch verwitzelter Streifzug durch die Evolutionsgeschichte des Neoliberalismus. Als Beitrag zur Ausländerdebatte sind Löhles „Barbaren“ zwar unterkomplex, aber als flotte Ehekomödie für den gehobenen Boulevard haben sie doch mehr Potential als in Friedels Affentheater.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Kim Jong-un veranstaltet Wasserstoffbomben-Party Video-Seite öffnen

          Nordkorea : Kim Jong-un veranstaltet Wasserstoffbomben-Party

          Mit einem Spektakel im Nationaltheater in Pjöngjang hat der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un seinen Wissenschaftlern für die Entwicklung atomarer Waffen gedankt. Dabei habe es Kunstaufführungen und ein Foto-Shooting mit dem Staatschef gegeben.

          Die Rückkehr des Barbaren

          Steve Bannon : Die Rückkehr des Barbaren

          Vor vier Wochen verlor er seinen Job im Weißen Haus. Nun hat Steve Bannon wieder Zeit für die populistische Revolution. Damit kann er sehr viel Schaden anrichten.

          Topmeldungen

          Die Stimmung bei der AfD-Spitze ist angeschlagen. Der Bundesvorsitzende Jörg Meuthen (links) versucht in den eigenen Reihen für Ruhe zu sorgen.

          Streit in der AfD : Kein Wort, zu niemandem

          Kurz vor der Bundestagswahl kann auch die AfD keinen Skandal mehr gebrauchen. Wie der Vorsitzende Jörg Meuthen verhindern will, dass Äußerungen von Frauke Petry weitere Kreise ziehen.
          Martin Sonneborn am Donnerstag im Verwaltungsgericht in Berlin

          Martin Sonneborn im Interview : Vielleicht handeln wir bald mit Devisen

          Die Partei „Die Partei“ hat sich mit dem Verkauf von Geldscheinen ein nettes Zubrot verdient. Das war rechtens, sagt nun ein Gericht. Dabei hat schon Satire-Parteigründer Martin Sonneborn ein paar Ideen, wie die Partei sonst zu Geld kommen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.