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„Trojanisches Pferd“ in Wien : Einem klassischen Gaul schaut man nicht ins Maul

  • -Aktualisiert am

Sieht dramatisch aus, ist dann aber doch nur Gruppengymnastik: Christiane von Poelnitz und Daniel Jesch als Athene und Hektor Bild: REUTERS

Kein kentaurischer Pakt: Matthias Hartmann versucht sich im Wiener Kasino mit Textcollagen und gezwungenem Humor am „Trojanischen Pferd“. Die besten Dramen über Troja wurden schon gespielt.

          Über den Helden Odysseus heißt es bei Homer im vierten Gesang der Odyssee: „Wie er auch jenes gewagt, der gewaltige Mann, und bestanden, als im hölzernen Roß die tapfersten der Griechen saßen, dem Volk der Troer Tod und Verderben zu bringen“ (in der Übersetzung von Johann Heinrich Voss). Viel mehr findet man in den homerischen Epen dann nicht mehr zum wohl berühmtesten Holzpferd der Geschichte.

          Ausführlichere Schilderungen zum Bau und Einsatz dieses sprichwörtlich gewordenen Danaergeschenkes sprudeln aus anderen antiken Quellen, aus Dramen, Lyrik und nicht zuletzt bildlichen Darstellungen. Überraschend hingegen ist, dass Matthias Hartmann, Burgtheaterdirektor, sein zweites Langzeitunternehmen nach „Krieg und Frieden“ nun unter dem Titel „Das Trojanische Pferd“ auf Ilion und speziell Wien loslässt.

          Große Auswahl an Nachdichtungen

          Gern tut er es nicht, wie er zuvor grummelnd verriet, aber man habe ihn bedrängt, nach endlos langer Probenzeit doch jetzt endlich Ergebnisse auf den Tisch, will sagen, auf den extra dafür mit Löwenbildnissen geschmückten Teppichboden im Kasino am Schwarzenbergplatz, Experimentierlabor des Burgtheaters, zu legen.

          Zu wenig Vorbereitung kann man diesem Abend also wirklich nicht vorwerfen. Nicht nur Homer, auch Euripides, Ovid, Quintus von Smyrna und Vergil, dazu noch eine große Auswahl erzählender Nachdichtungen von Alessandro Baricco („So sprach Achill“) bis Gustav Schwab („Die Sagen Trojas“) und etliches aus moderneren Autoren von Marie Cardinal („Selbstgespräche mit Klytämnestra“) über Sartre („Die Troerinnen des Euripides“) bis hin zu Christa Wolfs „Kassandra“ und selbstverständlich, man will ja nichts auslassen, Theorielastiges von Walter Jens („Die Götter sind sterblich“) bis Peter von Matt („Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist“) wurde da laut Ausweis des Programmfaltblattes von Amely Joana Haag und Direktor Hartmann gewälzt und zu einer Textcollage von Jelinekschen Ausmaßen, wenn auch nicht vergleichbarer Qualität, zusammengefügt.

          Textcollage von Jelinekschen Ausmaßen: Lucas Gregorowicz and Adina Vetter auf der Bühne zu Matthias Hartmanns „Trojanischem Pferd“ Bilderstrecke
          Textcollage von Jelinekschen Ausmaßen: Lucas Gregorowicz and Adina Vetter auf der Bühne zu Matthias Hartmanns „Trojanischem Pferd“ :

          Es beginnt damit, dass Fabian Krüger als verruchter griechischer Spion Sinon aus kleinen Schaumstoffbausteinen eine Mauer und eine Winzigausgabe des Pferdes zusammenbastelt und dabei seinen Anteil am Plan des listenreichen Odysseus erklärt. Regieanweisungen und Anmerkungen werden immer gleich mitgesprochen, damit man auch versteht, was man ohnedies sieht. Textquellen werden als Übertitel auf einem vorkragenden Eisenbalkon, von einer Galerie über eine abfallende Metalltreppe zu erreichen, eingeblendet.

          Diese Empore ist die moderne Umsetzung von Jan Lauwers für den Deus (heute Abend hauptsächlich: Dea) ex machina, von dort oben nämlich treiben die olympischen Gottheiten bisweilen ihr Spiel mit Griechen und Trojanern. Es geht weiter mit dem Urteil des Paris, dargestellt von Lucas Gregorowicz, wenn er nicht gerade zusammen mit dem feinen Musiker Karsten Riedel die tonale Untermalung (sehr beliebt: Sirtakiklänge und unverständliches Genuschel, vermutlich in englischer Sprache) bestreitet. Die dabei unterlegenen Göttinnen Hera und Athene, denen Kathrin Striebeck und Christiane von Poelnitz Wut und Körper leihen - diese wie bei fast allen Damen in hauchzarten Tuniken -, stoßen gleich nachher die aus riesigen Schaumstoffquadern errichtete Mauer Trojas um.

          Am Pferd vereint

          Noch darf man aber nicht nach Hause gehen, es scheint nämlich noch einiges zu erzählen zu geben. Der Groll des Achill etwa drückt sich darin aus, dass Oliver Masucci lieber mit seinem Flachrechner spielt, als Philipp Hauß (Odysseus) und Jürgen Maurer (Agamemnon) zu erhören, die ihn anflehen, den Kampf doch wiederaufzunehmen; übrigens so lange, bis es selbst ihnen zu dumm wird, sie einfach einen Kassettenrecorder mit demselben Text weiterleiern lassen und in die Pause gehen.

          Derartig gequält witzige Einlagen gibt es noch mehr. Die griechische Armada wird mittels Papierschiffchen (zum Nachzählen: 1163) nachgestellt. Dazwischen fragt der Hektor des Daniel Jesch den Achill in Vorbereitung des Zweikampfes, ob das denn noch die Ilias sei? „Ja“, kommt die Antwort, „das ist Schrott. Raoul Schrott!“ Als Höhepunkt bauen alle Schauspieler zu guter Letzt vereint am Pferd. Immerhin ragt dann ein vier Meter hohes Schaumstoffgebilde empor, das aber, wie auch alle übrigen, darstellerisch kaum gefordert wird.

          Was man dieser Inszenierung also vorwerfen kann, ist ein Mangel an Entscheidungsfindung, ein Verzicht auf Streichen und Straffen, das Auftragen eines unentschlossenen Potpourris aus Fundstücken mit bestenfalls beliebig geknüpftem Zusammenhang. Die besten Dramen über den Trojanischen Krieg sind wohl längst geschrieben, die meisten davon schon in der Antike. Gäbe es nicht bereits Mythosbearbeitungen wie Jacques Offenbachs „Schöne Helena“, hätte sich Hartmanns Versuch einer Pferdeoper immerhin bei der Spaßfraktion der am klassischen Altertum Interessierten noch einen Platz sichern können.

          Die nächsten Vorstellungen werden am Samstag, den 12.05.2012 um 19 Uhr und jeweils am Donnerstag, den 07.06.2012, sowie am darauffolgenden Freitag um 18 Uhr gespielt.

          Quelle: F.A.Z.

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