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„Tristan und Isolde“ in Wiesbaden und Köln Verrückt wird hier keiner

24.03.2009 ·  Katastrophen des Mittelmaßes: Die Opernhäuser in Köln und Wiesbaden verheben sich lieblos an Wagners Liebesdrama „Tristan und Isolde“. Was der Komponist einst gefürchtet hatt: Nun ist es Realität geworden.

Von Christian Wildhagen
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Ein maßloses, verteufelt schweres Stück. Richard Wagners „Tristan und Isolde“, dieses fünfstündige Riesengedicht über die Höhenflüge und Abgründe der Liebe, ist ein Schlüsselwerk der Romantik. Das macht die Sache für uns Nachgeborene nicht leichter - erst recht nicht für die Interpreten. „Kind! Dieser Tristan wird was Furchtbares! Ich fürchte, die Oper wird verboten, falls durch schlechte Aufführung nicht das Ganze parodiert wird“, unkte der Komponist gegenüber seiner Muse Mathilde Wesendonck. Und bloß halb im Scherz setzte er hinzu: „Nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen.“

Tatsächlich duldet dieses Werk keinerlei Halbheiten: Wer hier als Regisseur nicht parallel zum vordergründigen Geschehen ständig den gewaltigen metaphysischen Überbau im Blick hat, geht in dem handlungsarmen Stück schneller zugrunde als Tristan und Isolde an ihrer unglücklichen Liebe. Wer hier als Sänger für die Titelpartien nicht eine untadelige Technik, immense Kondition und auch den Willen zur vokalen Entäußerung mitbringt, verfehlt das Eigentliche seiner Figur. Und wer schließlich als Dirigent im chromatischen Gewühle nur den philharmonischen Schönklang zu bewahren sucht, musiziert gründlich an dem Geist dieser Wunderpartitur vorbei.

Erstarrt in Einfallslosigkeit

Leider nahmen am vergangenen Wochenende gleich zwei Opernhäuser Wagners Ausspruch allzu wörtlich: Verrückt wollte hier - zumindest vor Verzückung - keiner werden, und dass das erschreckende Mittelmaß dieser Produktionen dem Werk geholfen hätte, würde nicht einmal sein Komponist behaupten. Den Anfang nahm das doppelte Debakel am Staatstheater Wiesbaden, wo Dietrich Hilsdorf eine gleichsam realistische Umsetzung versuchte. Aus der richtigen Erkenntnis, dass schon die mittelalterliche Vorlage des Gottfried von Straßburg eine Liebe inmitten von Kriegswirren schildert, leiten Hilsdorf und sein Bühnenbildner Dieter Richter eine Übertragung ins Jahr 1871 oder 1918 ab - sie hätten auch jedes andere Jahr wählen können, denn das historische Umfeld gewinnt für die Stückdeutung keinerlei erkennbare Relevanz.

Auch der heruntergekommene bürgerliche Salon im zweiten Aufzug, den man bereits aus Hilsdorfs Essener „Macht des Schicksals“ kennt, und das in den Außenakten kaum veränderte Lazarettgewölbe bleiben beliebige, tote Räume. Umso erschütternder sind die Hilflosigkeiten der Personenführung - eine bei diesem Regiealtmeister ungewohnte Erfahrung. Schon der erste Akt erstarrt in Einfallslosigkeit; doch wenn sich Tristan und Isolde beim entrückten Liebesschwelgen „O sink hernieder“ auf einem Trampolin-Diwan mit Löwenfüßen unbeholfen befingern, als sei man bei einer ersten Stellprobe, möchte man vor Peinlichkeit die Augen schließen und nur noch der Musik lauschen.

Wer hat derart halbherzige Produktionen auf die Bühne gelassen?

Was man da zu hören bekommt, entschädigt freilich wenig. Zwar bemühen sich Marc Piollet und das in den Bläsereinsätzen unpräzise Staatsorchester um einen farbigen Klangteppich - nur die Sänger der Nebenfiguren aber, Silvia Hablowetz als Brangäne und der engagierte Thomas de Vries als Kurwenal, lassen sich von diesem Fundament tragen, können auf dem Atem und legato singen. Alfons Eberz verwechselt hingegen die für den Tristan nötige vokale Attacke immer wieder mit ungestütztem Schreien - dass die Stimme die Fieberwirren des dritten Aktes übersteht, grenzt an ein Wunder.

Weit ärger treibt es allerdings der Tristan der Kölner Produktion: Richard Decker spart sich über Maß durch den ersten Aufzug, verausgabt sich im zweiten an falschen Stellen und entspricht dem Siechtum seiner Figur im dritten dann leider auch stimmlich. Unverständlich, dass weder der dirigierende Generalmusikdirektor Markus Stenz noch die Fachabteilungen seines Hauses den Mut hatten, hier einzuschreiten. Zumal man sich dies noch dringlicher bei der Isolde von Annalena Persson gewünscht hätte. Die Rolle kommt für ihren leichten, schlecht fokussierten Sopran viel zu früh; sie besitzt weder ein erkennbares Textverständnis noch das Volumen für die Rolle. Hatte die vom Stimmcharakter her ähnlich wenig überzeugende Wiesbadener Isolde Turid Karlsen zumindest technisch jederzeit eine gewisse Kontrolle und zeigte im Ganzen einen reflektierten Umgang mit der Partie, so erlebte man hier ein vollständiges Scheitern, das traurig machte.

Das erboste Kölner Publikum bezog den subtil, aber merkwürdig kraftlos dirigierenden Stenz ebenso in den Buhsturm für die Hauptprotagonisten ein wie David Pountney, dessen Regie sich auf das Zuweisen von Positionen in den akustisch ungünstigen Bühnenbildern von Robert Israel zu beschränken schien. Mag sein, dass er sich konzeptionell - wie vermutlich auch Hilsdorf - weit mehr gedacht hat; nur gewann keine dieser Ideen eine theatralische Wirkung. Wo waren die Dramaturgen, wo waren die künstlerischen Leiter beider Häuser, die derart halbherzige Produktionen auf ihre Bühnen ließen? So hat Wagner das mit der Mittelmäßigkeit nicht gemeint.

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