Home
http://www.faz.net/-gs3-134d4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Trauer um Merce Cunningham Der größte Künstler seit Beckett

28.07.2009 ·  Die Nachricht vom Tode Merce Cunninghams hat nicht nur seine Tanzgemeinde, sondern das gesamte kulturelle Amerika tief getroffen. Nachrufe würdigen den Künstler, aber auch den Privatmann Cunningham.

Von Jordan Mejias, New York
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Vor wenigen Wochen erst hatte er sein Erbe bestellt. Dabei sollte, im Gegensatz zu seiner Arbeitsweise als Choreograph, nichts dem Zufall überlassen bleiben. Nach seinem Tode, so bestimmte er, würde seine Truppe noch zwei Jahre auf Welttournee gehen und sich danach auflösen. Die Nachricht von seinem Tode (Nichts für unstete Seelen: Der Tänzer und Choreograph Merce Cunningham ist tot) hat nun dennoch das gesamte kulturelle Amerika, nicht nur seine Tanzgemeinde, tief getroffen.

In der „New York Times“ würdigt Cheftanzkritiker Alastair Macaulay denn auch Cunningham nicht nur als Choreograph, der zu der Handvoll von Figuren des 20. Jahrhunderts zähle, die den Tanz zu einer Hauptform der Kunst und des Theaters aufwerteten, und in den letzten Jahren als größter Choreograph der Welt gegolten habe. Für viele sei er schlicht und einfach der größte lebende Künstler seit Samuel Beckett gewesen. Wie Isadora Duncan, Serge Diaghilew, Martha Graham und George Balanchine, schreibt Macauley, habe Cunningham die Zuschauer aufgefordert, die Essenz von Tanz und Choreographie neu zu überdenken, mit einer Serie von Fragen wie „Aber?“ und „Was wenn?“, die er über eine Karriere von fast sieben Jahrzehnten stellte.

Mit Graham und Balanchine habe er New York zur Welthauptstadt des Tanzes erhoben, und zusammen mit John Cage, seinem Berufspartner und Lebensgefährten, Tanz und Musik unabhängig voneinander gemacht. Noch einmal wird an Cages berühmten Ausspruch über ihr gemeinsames Leben erinnert: „Ich koche, er spült das Geschirr.“ Auch Sarah Kaufman preist Cunningham in der „Washington Post“ als einen der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts, der Filmemacher und Regisseure ebenso inspiriert habe wie Choreographen. Kaufman hebt die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Nam June Paik, aber auch mit bahnbrechenden Bands wie Radiohead und Sigur Ros hervor.

Bis zuletzt habe sich Cunningham fürs Unbekannte und Unvorhersehbare interessiert und radikale Arbeitsmethoden mit Videokameras und Computern ausprobiert. Für „Bloomberg News“ beschreibt Tobi Tobias auch den Privatmann: „Er war hochintelligent, ein Einzelgänger im Innersten, aber immer freundlich in seinem Verhalten, geistreich, einfühlsam und unaufhörlich damit beschäftigt, etwas neu zu machen.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

Jüngste Beiträge

Nachtreten gegen Günter Wallraff

Von Michael Hanfeld

Alles, was der Logistikfirma GLS zur RTL-Reportage „Günter Wallraff deckt auf“ einfällt, ist mehr als lahm. „Einseitige Berichterstattung“, heißt es. Das ist reiner Zynismus. Mehr 4 34