09.07.2007 · Statt selbstverliebt von der Musik wegzuführen, steigert seine kluge, musikalische Regie eher noch die emotionale Kraft Puccinis. Wolfgang Sandner über Nikolaus Lehnhoffs fulminante „Tosca“- Inszenierung in Baden-Baden.
Von Wolfgang SandnerEinfältige Menschen spielen auch in der Oper keine Hauptrollen. Es sind die komplexen Charaktere, die von den Librettisten zu Trägern des Geschehens und unserer Aufmerksamkeit bestimmt, von den Komponisten mit den dramatischsten Harmoniewechseln und betörendsten Arien ausgestattet werden: gebrochene Menschen; vom Leben Gezeichnete; dem Schicksal Trotzende; von Gott und den Ehepartnern Verlassene; Erlösung oder das Weite Suchende; aus der Gesellschaft Verstoßene; nach langen Irrfahrten Geläuterte oder nicht einmal durch unschuldige Seelen, vergebende Opfer und den Staatsanwalt von ihren bösen Taten abzubringende Schurken.
Selbst Puccinis Frauengestalten, die so bedingungslos lieben, dass ihnen auf Erden wahrlich nicht mehr zu helfen ist, sie allenfalls im Jenseits Erlösung finden mögen, sind nicht so rein, wie ein paar makellos schöne Kantilenen es unseren Ohren weismachen möchten. Viele seiner weiblichen Figuren tragen - wie der modische Frauentyp seiner Zeit, die hellhäutige, fast durchsichtige, gleichwohl erotisch faszinierende femme fatale - zunächst einen nach bürgerlichem Moralkodex deutlich ausgeprägten Makel. Nur werden sie in seinen Opern geläutert, im Szenarium der Bühne sukzessive reingewaschen, bisweilen zur femme fragile umgedeutet. Vielleicht ist es dieser Gestus, der seine Opern so populär gemacht hat: Puccini stimmt das Hohelied auf das niedere Weib an. Wie könnte die fromme Gesellschaft in Gestalt seines Publikums ihm da widersprechen, wenn er seine Frauen musikalisch so überzeugend in den Beichtstuhl bittet.
Zwischen Attitüde und Emotion
Und Tosca? Nicht, dass sie den durchtriebenen, hinterhältigen, machtbesessenen, skrupellos-lüsternen Polizeichef Scarpia ermordet, weil sie weder ihm zu Willen sein noch das Versteck ihres Liebhabers Cavaradossi verraten möchte, macht sie zur schillernden Figur in Puccinis Opern-Thriller, vielmehr die Diskrepanz zwischen ihrem gesellschaftlichen Status als Diva und ihren offenbar echten Gefühlen als liebende Frau.
Als Waise von Nonnen erzogen, später aber die Karriere einer Opernsängerin der klösterlichen Abgeschiedenheit vorziehend, hat Tosca Gott sei Dank zu spielen gelernt. Man weiß nicht, ob sie wirklich fromm ist, man weiß auch nicht, ob sie wirklich so eifersüchtig auf die von Mario Cavaradossi gemalte Maria Magdalena ist, die verdächtig der potentiellen Rivalin Marchesa Attavanti ähnelt. Man weiß nicht einmal, ob sie Scarpia wirklich widerstanden hätte, wäre ihr nicht zufällig ein Dolch in die Hände gefallen. Sie spielt eine Rolle, die ihr die Gesellschaft zuschreibt - von Anfang bis zum bitteren Ende. Und dennoch wird spürbar, was sie im Innersten ihres Herzens fühlt: durch ihren überwältigenden Gesang.
Eine Leistung mit Seltenheitswert
Nikolaus Lehnhoff, der kluge, musikalische Regisseur einer fulminanten „Tosca“-Inszenierung zur Eröffnung der diesjährigen Sommerspiele im Baden-Badener Festspielhaus, hat jetzt etwas geschafft, das man leider immer seltener auf Opernbühnen erleben kann. Seine bis ins Detail von Handbewegungen durchdachte Personenregie führt nicht selbstverliebt von der Musik weg, sie steigert eher noch die emotionale Kraft der vokalen Melismen und des Orchesterklangs von Puccini. Die Diva Tosca gibt hier weder im koketten Eifersuchtsspiel des ersten Aktes noch im blutigen Ernst des zweiten Aktes, ja nicht einmal beim Selbstmord am ausweglosen Schluss der Oper ihr schauspielerisches Handwerk auf, das sie so gut beherrscht. Aber gerade im irritierenden Widerspruch von übertriebenen theatralischen Gesten und musikalischen Gefühlswallungen ihrer bis zu hochdramatischen Steigerungen geführten Sopranpartie wird erst erfahrbar, in welchen Zwängen diese Frau stecken muss, was in ihrem Inneren vorgehen mag und was sie uns davon zu zeigen bereit ist.
Das erfordert einen sängerdarstellerischen Balance-Akt, den nur eine kontrolliert agierende wie der vokalen Genialität ihres Parts gewachsene Sängerin ohne Absturz bewältigen kann: wie die Amerikanerin Catherine Naglestad, die auch deshalb so überzeugt, weil sie die lyrischen Fiorituren und das Messa di voce ebenso sicher beherrscht wie die hochdramatischen Ausbrüche ihrer sich bis zum vokalen Wahnsinn steigernden Partie. Und das in einem Festspielhaus, dessen Metropolitan-Opera-Ausmaße nur große Stimmen gelten lässt. Was Tom Fox dagegen als Bösewicht Scarpia an Volumen und Strahlkraft seines Bassbaritons für dieses Haus bisweilen zu fehlen scheint, macht er durch ein geradezu gespenstisches musikalisch-realistisches Rollenspiel wett: ein Gewaltmensch wie aus dem Lehrbuch des Marquis de Sade, ein intellektuell-fistelstimmiges Scheusal in der Art eines Robespierre im ersten Akt und im zweiten ein mit allen Wassern der Verführungskunst gewaschener, schmeichelnd-heuchlerisch timbrierter Mephisto, bei dem sich wieder einmal bewahrheitet, wie wenig das Bedrohliche von der Lautstärke, vielmehr von Artikulation und Tonfall abhängt. Tom Fox ist bisweilen teuflisch leise, damit schrecklicher als jeder Poltergeist, dessen Gefährlichkeit mit dem emotionalen Ausbruch auch schon verpufft ist.
Fatale Dreiecksgeschichte statt One-Man-Show
Aber hier muss man wiederum auch den nicht zum Selbstzitat neigenden Nikolaus Lehnhoff bewundern, der das Werk vor neun Jahren schon in Amsterdam inszeniert hatte, die Aufführung im eindrucksvoll plakativen Bühnenbild von Raimund Bauer nun zwar für Baden-Baden übernahm, die Dramaturgie aber, die damals auf den kolossalen walisischen Bassbariton Bryn Terfel als Scarpia zugeschnitten war, vollständig verändert und dem neuen Ensemble angepasst hat. Aus der One-Man-Show des Bryn Terfel, der die Szene im Moment seines Auftritts vollkommen dominierte und mit der Macht seiner Statur wie seiner prachtvollen Stimme durchaus auch Achtung einflößte, ist so wieder die ursprüngliche fatale Dreiecksgeschichte geworden.
Zu der trägt sein Gutteil auch der junge lettische Spinto-Tenor Aleksandrs Antonenko als ein Cavaradossi bei, dem man den Furor eines ungestümen, für alles Neue hellhörigen Künstlers ebenso abnimmt wie den unter der Folter eher noch unbeugsamer gewordenen Widerstandskämpfer. „E lucevan le stelle“ hat noch niemand, auch weniger fokussierte Stimmen als jene von Aleksandrs Antonenko, ohne Applaus über die Bühnenrampe gebracht. Wenn sich dabei in Baden-Baden die Mauer der angsteinflößenden Engelsburg wie ein eiserner Vorhang für den römischen Sternenhimmel öffnet, meint man darin auch die Reverenz des Inszenierungsteams vor einer der populärsten und zugleich innig-sten Arien der Musikgeschichte zu spüren.
Eivind Gulberg Jensen muss das am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin im Orchestergraben wohl ebenso empfunden haben. Jedenfalls dehnte er den Drei-Minuten-Hit gebührend aus und gab so dem ersten Klarinettisten mit seinen melismatischen Umspielungen nahezu Gelegenheit zu einem Duo concertante zwischen Tenor und Soloinstrument. Das Orchester und die beiden von Sigurd Brauns einstudierten Chöre - Rundfunkchor Berlin und Theaterkinderchor am Helmholtz-Gymnasium - waren zuverlässige Begleiter des insgesamt ausgezeichneten Solistenensembles. Gelegentlich wäre allerdings, vor allem in diesem Riesenhaus und mit Rücksicht auf Puccinis auch sonst massiven Orchestersatz, etwas klangliche Zurückhaltung angebracht gewesen. Die Opulenz und die langen Umbaupausen zwischen den drei mit attraktiven Bildlösungen versehenen Akten - leuchtendes Kirchenatelier, schwarzglänzender Palazzo Farnese und betonsichere Engelsburg - konnten den Gesamteindruck eines großen Opernabends freilich nur wenig trüben.
Weitere Aufführungen:
Mittwoch, 11. Juli, 20 Uhr
Freitag, 13. Juli, 20 Uhr
Tosca in Baden-Baden
Dietmar Siebels (Lichtental)
- 09.07.2007, 23:48 Uhr