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Veröffentlicht: 08.06.2014, 12:51 Uhr

Jahrestag des Kölner NSU-Anschlags Anspielen gegen die Beschämung

Zehn Jahre nach dem Nagelbombenanschlag durch die NSU in Köln-Mühlheim: Mit der Erstaufführung des Theaterstücks „Die Lücke“ begann das dreitägige deutsch-türkische Kulturfestival „Birlikte“.

von Eleonor Benítez, Köln
© dpa Cemal Yavuz, ein Anwohner der Kölner Keupstraße

Theater ist Spiel vor Beobachtern, aber es ist auch ein Spiel mit der Realität, ein Spiel mit mitunter tragischen Wirklichkeiten. Dessen wird man sich beim Bühnenwerk von Nuran David Calis‘ „Die Lücke – Ein Stück Keupstraße“ insbesondere bewusst. Das Schauspiel an sich tritt zunächst vollends in den Hintergrund. Das im alten Mühlheimer Industriegelände, neben diversen Fernsehanstalten gelegene Kölner Schauspielhaus befindet sich nämlich in unmittelbarer Nähe zu jener Straße, in der am 9. Juni 2004 die Mitglieder der rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrundbewegung Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vor einem Friseursalon, eine Bombe auf einem Damenrad platzierten und aus der Entfernung detonieren ließen. Unter den zweiundzwanzig Verletzten waren vier Schwerverwundete; es war ein Kollektivereignis, das die Biographie aller Anwohner auf der geschäftigen Straße schockartig und nachhaltig markierte.

So hat sich der türkisch-armenische Regisseur und Autor mit jüdischen Wurzeln Nuran Davis Calis bewusst dazu entschlossen, zu Beginn seines Stückes die Zuschauer vom Schauspiel weg zu lenken. Alle Besucher werden in Gruppen unterteilt und durch die Keupstraße geführt, und zwar von Menschen, die den Anschlag miterlebten: Geschäftsinhabern, Verkäufern, dem Bezirksbürgermeister, türkischstämmigen und deutschen Mühlheimern. Sie alle erzählen von dem Leben auf dieser Straße und ihrem persönlichen Moment des Attentats. Das Publikum wird dazu angehalten, sich das rege Treiben anzusehen. Erst dann, zurück im Theater, beginnt das eigentliche Schauspiel.

Zeugen des Anschlags auf der Bühne

„Birlikte - Zusammenstehen“ lautet das Motto des aufwendig geplanten und prominent besetzten Toleranzfestes. Wie die Überbrückung der „Lücke“ zwischen Deutschen und Deutsch-Türken aussehen könnte, wird im Auftakt gebenden Theaterstück eher weniger verhandelt, auch wenn es eben dies vermeintlich zum Ziel hat. Die Gewichtung liegt oft nur auf der Konstatierung der zu überwindenden Distanz. Gegen sie wird im Laufe des Stückes von den drei Ensemblemitgliedern des Kölner Schauspielhauses und den drei türkischstämmigen Laienschauspielern aus der Keupstraße, alle drei Zeugen des Anschlags, engagiert angespielt.

Calis arbeitet mit den harten Fakten und verfährt semi-dokumentarisch. Nach der Projektion von Originalaufnahmen der Täter aus dem Jahre 2004 sitzen sich Deutsche und Migranten gegenüber und fixieren einander, stehen also nicht zusammen auf einer Bühne, sondern werden szenisch getrennt. Links die Exponenten einer sozial höher gestellten deutschen Mehrheitsgesellschaft, die gleichermaßen echte und platitüdenhafte Sympathie artikuliert, ebenso wie Berührungsängste, Unsicherheiten im Umgang mit Muslimen und xenophobe Neigungen.

Rechts die türkischen Migranten, die, das ist ja die Pointe, ebenso Mitglieder dieser deutschen Gesellschaft sind. Was das Stück von Calis und seines Dramaturgen Thomas Laue sehr gut schafft, ist ein zutiefst beschämendes Gefühl beim Zuschauer angesichts des skandalösen Versagens der deutschen Ermittlungsbehörden hervorzurufen. Warum wurde ein rechtsextremer Anschlag von den zuständigen Behörden zuerst kategorisch ausgeschlossen? Warum standen die Opfer sofort unter Verdacht? Kann ihnen je Gerechtigkeit widerfahren, so lange das Versagen der Behörden nicht vollständig aufgeklärt ist?

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„Was ist der Status Quo?“, fragt einer der Darsteller angesichts der bisher vorliegenden Dokumentation der Ermittlungen. Eine Antwort wird ihm zwar nicht gegeben. Im Schauspiel Köln standen Schauspieler und Laienschauspieler  aber zusammen auf einer Bühne, um diese Antwort einzufordern.

Glosse

Zurechtgerüttelte Menschenleiber

Von Hannes Hintermeier

Wer es pünktlich zur Leipziger Buchmesse schaffen will, der muss so einiges mitmachen – diesmal in der S-Bahn statt in der Straßenbahn. Mehr 0

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