Es muss für Martin Kušej gewirkt haben, als wollte die Ära Dieter Dorn in München nie enden. Fünfzigmal ließ sich Dorn in den letzten Monaten im „Käthchen von Heilbronn“ als Theaterkönig von München feiern. Kušej, sein Nachfolger als Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels, war da längst im Haus. Bei unserem Treffen ist er bestens gelaunt. Kušej, 50, ist ein massiver Typ, man sieht dem Kärntner immer noch an, dass er früher einmal Sportler war, Handball, österreichische Bundesliga. Für München gibt er, der auch Opern inszeniert und für zwei Jahre das Schauspielprogramm bei den Salzburger Festspiele geleitet hat, nach vielen Jahren sogar seine Wohnung in Hamburg auf. München passe zu ihm: „Ich bin halt so ein Alpentrottel.“
Bei allem Respekt für Dieter Dorn: Sind Sie froh, dass seine Abschiedstournee nun vorbei ist?
Ja! Denn nur so, also ohne Rücksichten nehmen zu müssen, kann es richtig losgehen.
Es ist klar, dass mit Ihnen ein Neuanfang kommen muss. Sie haben sich ein strammes Programm vorgenommen: 27 Produktionen im ersten Jahr, davon acht Uraufführungen, vier deutsche Erstaufführungen, im Cuvilliéstheater nur moderne Dramen. Eröffnet wird da mit einem Stück von Albert Ostermaier. Es geht um Franz Josef Strauß und heißt „Halali“. Ist das programmatisch?
(Lacht.) Sie meinen als Aufruf zur Hetzjagd? Ehrlich gesagt: Man macht den Spielplan, indem man erst träumt, dann schaut, wie man alles hinbekommt, und wenn er dann fertig ist, stellt man fest: Hoppla, da stehen schon am Anfang viele neue und zeitgenössische Texte - und die großen Klassiker kommen eher erst am Ende. Aber auch die mit Potential zur Konfrontation. Frank Castorfs Blick auf Horváths „Kasimir und Karoline“ wird sicher keine gemütliche Oktoberfest-Inszenierung.
Das Motto der Spielzeit lautet ja auch „Resistance“. Warum Widerstand mit Häkchen?
Das Wort ist nur einer von vielen Ansätzen zu einer Art „Motto“. Dieses Hatschek aber, der Haken auf dem S in meinem Namen, war für mich als Teil einer slowenisch-sprachigen Minderheit in Österreich immer Symbol für meine Identität. Sich offen zu seinen Wurzeln zu bekennen war und ist in Kärnten nicht unproblematisch. Der Name Kušej, so geschrieben, steht für etwas, nämlich: keine Angst zu haben.
Kann man als Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels ernsthaft den Widerstand behaupten?
Grundsätzlich schon. Es geht mir aber nicht darum, etwa zum Widerstand gegen den Luxus der Maximilianstraße aufzurufen. Die Maximilianstraße kümmert es wenig, wenn wir da im Theater nebenan Aufstand spielen. Büchner hat diese schöne Szene geschrieben, wo die Menschen vor einer Pfütze stehen und sich nicht trauen, hineinzutreten, weil sie glauben, dass dahinter das unendliche Nichts wäre. Dieses Misstrauen gegenüber der dünnen Kruste der Zivilisation, das macht mein Theater aus. Im Gegensatz zu meinen wilden Jahren habe ich aber gelernt, dass man auch mit Charme viel verändern kann. Ich muss nicht mehr alles mit der Faust durchboxen.
Müssen wir uns deshalb Sorgen um Sie machen?
Nein, nein! Ich mag meinen Ruf. Ich mag es, dass ich mit der Art, wie ich Theater mache, oftmals ganz bewusst den Finger in eine Wunde lege und damit Erregung, Empörung, Irritation hervorrufe. Das ist nicht immer schön, aber ich stehe dazu. Die Leute mögen es halt oft nicht, wenn man ihnen knackehart die Wahrheit ins Gesicht sagt und sie in ihrer selbstgefälligen Ruhe stört. Bayern ist da ein herrliches Betätigungsfeld.
Sie sagten bei der Vorstellung Ihrer Pläne, Sie wollten keine Roman- oder Filmadaptionen an Ihrem Haus. Sind Sie dessen überdrüssig?
Ich glaube ganz eindeutig an die Kraft und Relevanz von dramatischen Texten. Also von Theaterstücken! Wir haben, ehrlich gesagt, auch Adaptionen im Programm, wenn man genau hinschaut. Ich will aber, auch im Vergleich zu den Kammerspielen, viel, viel weniger davon haben. Es frustriert mich, in den meisten Fällen nur eine unbefriedigende Kurzversion eines tollen Buches auf der Bühne zu sehen. Dabei ist mir klar, dass man neu denkt, „dekomponiert“ und notfalls brachial experimentiert - doch das wird ganz schnell epigonal. Es ist eine „Mode“, die mich genauso langweilt wie jene, Klassiker nur auf ihre Sitcom-Tauglichkeit abzuklopfen. Diese „Methode“ hat eine beunruhigende Breitenwirkung erfahren, die sich teils bis in die Ausbildung an den Theaterakademien fortsetzt. Man lehrt und lernt dort gar nicht mehr, wie man eine Szene so inszeniert, dass sie schlicht „funktioniert“. Stattdessen meint der junge Regisseur, platt gesagt, dass es okay ist, wenn er sagt: Ich streiche den Text komplett, spiele einen Popsong ein, mache hinten ein Feuerwerk, die beiden nehmen ein bisschen Gift, und das ist dann das Ende von „Kabale und Liebe“.
Klingt schon wieder nach: Widerstand!
Ich will damit vor allem sagen: Das Misstrauen gegen die klassische dramatische Literatur, das sich auch in der Flucht zu Film- und Romanstoffen zeigt, hat für mich auch viel mit Nicht-Aushalten, Nicht-Einlassen und Nicht-Wissen zu tun.
Nicht alle Regisseure, die Sie an Ihr Haus holen, stehen aber für die proklamierte „Erbepflege“!
Ich sage ja nicht, man darf das nicht machen! Man sollte es nur können! Frank Castorf ist da natürlich der Urvater alles Bösen, was man heute epigonal rundherum so sieht. Er ist aber ein immens kluger und guter Regisseur mit einer klaren Haltung und einem enormen ideologischen Background. Ich finde es super, dass er an unserem Haus arbeitet.
Sie haben ein großes Ensemble von 55 Leuten. Eine der Fragen, die derzeit alle Intendanten bewegt: Kann man die „Stars“ überhaupt noch an ein Haus binden?
Ja, ich sehe es doch. Gerade die Forderung nach einem klaren Bekenntnis zu einem Ensemble und einem Haus macht es möglich.
Gilt das auch für die Publikumslieblinge aus Wien, die nun zu Ihnen gestoßen sind: Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek?
Alle Schauspieler, ob aus Wien, Berlin oder Hamburg, spielen natürlich dort noch ihre Rollen zu Ende. Aber bis auf ein, zwei Ausnahmen gehören alle definitiv zu unserem Ensemble.
Das sieht Ihr Wiener Burgtheater-Kollege Matthias Hartmann etwas anders.
Ich habe damit kein Problem, ich weiß ja, wie die Verträge aussehen. Ich muss auch sagen, ich bin das Wien-Thema leid. Es gibt an unserem Haus sehr viele andere großartige Schauspieler - und die allermeisten kommen nicht aus Wien.
Die Konzentration auf „die Wiener“ liegt an Ihrer Herkunft, Ihrer Vergangenheit als Österreich-Kritiker und am Erregungspotential der Wiener Presse. Die hat schon jetzt das Städteduell Wien-München ausgerufen . . .
Genau deshalb bin ich aus Wien weggegangen. Weil ich einfach keine Lust auf diese Diskussionen habe. Zum Glück bin ich mittlerweile so weit in Deutschland assimiliert, dass ich die Erregungen in Österreich mit der nötigen Herablassung und eher amüsiert zur Kenntnis nehme.
Ihre Kritik galt der Kulturpolitik in Ihrer Heimat, nicht den Kollegen. Dennoch gelten Sie dort ein wenig als Nestbeschmutzer.
Das ist aber Quatsch, denn es steht mir gar nicht zu, öffentliche Kommentare zu anderen Theatermachern abzugeben. Und was die österreichische Kulturpolitik angeht, da bin ich immer noch entsetzt, denn es gibt eigentlich keine. Nirgends ist eine aufregende Persönlichkeit in Sicht, die klare Ideen hätte oder visionäre Antworten auf die Frage, warum dieses Land eigentlich eine „Kulturnation“ ist und wie man das bleiben will.
Muss man das denn? Institutionen wie die Salzburger Festspiele oder die Wiener Staatsoper scheinen doch unzerstörbar zu sein.
Das ist nur teilweise wahr. Ja, diese Institutionen laufen irgendwie immer weiter. Aber bis man die Wiener Staatsoper auf ein ästhetisch wirklich anspruchsvolles und international spannendes Niveau bekommt, braucht man fünfzehn Jahre und verschleißt drei Kulturminister. Ohne den Willen der Politik aber wird das nie etwas. Und ich sehe niemanden in Österreich, der die Bezeichnung „Kulturpolitiker“ verdiente.
Sie eröffnen trotzdem mit einem Landsmann, am 6. Oktober mit „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler. Warum gerade damit, abgesehen davon, dass das Stück vor genau hundert Jahren am Burgtheater uraufgeführt wurde?
Nicht nur in Wien, auch in München! Die Uraufführung fand 1911 in acht Städten gleichzeitig statt. Das Stück passt in meine künstlerische Entwicklung. Ich spüre schon länger, dass ich mich kontinuierlich in Richtung des psychologischen Realismus hineinarbeite, etwa durch die Beschäftigung mit Ibsen. Ich lese mit zunehmendem Vergnügen auch Tschechow oder Schnitzler. Deshalb will ich aber noch lang keine Birken auf der Bühne haben, es wird sicher auch nicht allzu gemütlich werden.
Ist Ihr Interesse an dieser Art Stücke wirklich so neu?
Ja, ich empfand dieses Tschechow-Theater immer als eine Schnarchveranstaltung. Das hat sich in den letzten Jahren verändert, schon bei Andreas Kriegenburg oder Stefan Pucher. Vor allem aber wollte ich ein Feld beackern, das ich noch nicht kenne. Ich mache das immer wieder, setze mich mit neuen Genres und Ästhetiken auseinander.
Und was haben Sie bei Schnitzler gelernt?
Ich habe als Regisseur gelernt, dass es mittlerweile sehr schwer ist, mit Schauspielern so psychologisch zu arbeiten. Man bekommt jedoch die Sätze von Schnitzler nur richtig hin, wenn man zu jedem einzelnen Satz eine klare Vorstellung von der psychologischen Disposition des Charakters, der Figur hat. Ich sehe ständig zwei Ebenen, oben den Text und unten die Psyche, und das Obere muss sich immer aus dem Unteren ergeben. Sonst klingt der Satz einfach falsch.
Warum können das Schauspieler heute nicht mehr?
Weil diese Art zu spielen einfach out ist, weil keiner sich mehr an psychologisches Theater herantraut. Man muss das jetzt auch nicht flächendeckend wieder einführen, aber für mich ist es spannend. Ich bin selbst überrascht, wie gut ich das kann.
Wieso überrascht?
Mir hat man ja immer vorgeworfen, ich sei so brachial in meinen Inszenierungen, mich interessiere der Text nicht. Das ist natürlich Schwachsinn, weil mich der Text nicht nicht interessiert hat, sondern ich einfach eine ganz andere Ästhetik auf der Bühne wollte. Nun bin ich an dem Punkt, all meine Erfahrung in so ein eher klassisches Theaterkonzept einzuarbeiten: Das ist sehr reizvoll.
Wie praktisch, dass Sie mit Ihrer neuen Liebe gleich ein Staatstheater eröffnen dürfen.
Ja, schon. Aber keine Angst: Ich mach' auch wieder Rabatz!