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Theaterfusion Mecklenburg : Sehnsucht ist hier keine Endstation

Neue Option: Bildungsministerin Birgit Hesse stellt Erhöhung der Landeszuschüsse für die kommunalen Theater in Aussicht. Bild: dpa

Die Pläne zur Fusion der Theater in Ost-Mecklenburg und in Vorpommern sind jäh auf Eis gelegt worden. Probleme schiebt man damit zwar vor sich her, doch große Vorhaben schließt das nicht aus.

          Um nicht schon wieder sofort bei den Problemen anzufangen, sondern auch einmal das Gelingen zu würdigen, beginnen wir mit einer überzeugenden Operninszenierung: Widersinnig, aufreizend, geradezu pervers ist die gute Laune von Stella Kowalski mit ihren glücksglucksenden Räkel-Vokalisen, die sie beim Ankleiden zwischen Ehebett und Kombi-Herd aus ihrem biegsamen Körper entlässt.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ihre Schwester Blanche – immer noch etepetete, obwohl sie keinen Cent mehr in der Tasche hat – steht daneben und fasst es nicht: „Wie kannst du dich nur von diesem Polacken beschlafen lassen! Der hat doch keine Kultur! Das ist ein Affe! Und er schlägt dich, obwohl du schwanger bist. Du musst weg von diesem Mann!“ Aber Stella hopst über diese Lawine von Worten hinweg mit einem Lustlallen, das sagt: Ja, ich schlafe gern mit Stanley, auch wenn er mich schlägt. Du bist doch bloß neidisch, weil du alt wirst und dich keiner mehr anfasst.

          Diese Szene gehört zu den stärksten in André Previns Oper „Endstation Sehnsucht“, weil sie dem Drama von Tennessee Williams etwas hinzufügt, was es von sich aus nicht hat: einen Moment der Überlegenheit wortloser Musik über die Sprache; einen Ausbruch aus dem Korsett der Kultur hinein in die Körperlichkeit des reinen Klangs. Die heitere Mühelosigkeit, mit der Franziska Ringe am Theater Vorpommern in Stralsund und Greifswald derzeit diese Vokalisen der Stella Kowalski singt, und die ätzende Beständigkeit, mit der Gunta Cese als Blanche DuBois ihrer Schwester zusetzt, machen diesen Moment zu einem Höhepunkt, angeheizt vom diskreten Flimmern des Orchesters unter der Leitung von Florian Csizmadia, zugleich gut vorbereitet durch die wohltuend klare Erzählweise des Regisseurs Horst Kupich.

          Passt die Lollipopästhetik an die Grenze zu Polen?

          Die Oper wurde 1998 in San Francisco unter dem Originaltitel „A Streetcar Named Desire“ uraufgeführt und ist in dieser Fassung auch schon mehrfach in Deutschland gespielt worden. Doch in Vorpommern kann man das Stück jetzt erstmals in der deutschen Fassung erleben. Anderthalb Jahre habe man mit den Erben von Williams verhandelt, erzählt der Intendant Dirk Löschner. Immer gab es Widerstand. Dann bat man Bettina Bartz und Werner Hintze, mit einer Übersetzung in Vorleistung zu gehen. Vom Ergebnis waren die Erben überzeugt.

          Ob dieses amerikanische Südstaatendrama, das der Ausstatter Christopher Melching auch in der Lollipop- und Brausepulverästhetik der fünfziger Jahre ansiedelt, wirklich nach Vorpommern, an die Grenze zu Polen, passt und ob man mit den Ängsten einer abgehalfterten Elite vor den proletarischen Polacken tatsächlich die Konfliktlinien genau dieser Region treffend beschreibt, ist zu bezweifeln. Schon bei der Premiere sieht der Zuspruch des heimischen Publikums, das sonst bei Wagner-Opern oder bei Tschaikowsky keinen Platz leer lässt, eher zögerlich aus. Aber die ganze Produktion zeigt, dass man sich hier am Theater Vorpommern, das die Spielstätten Greifswald, Stralsund und Putbus auf Rügen betreut, nicht mit „Grundversorgung“ und Notspielplänen begnügt.

          Seit längerem (F.A.Z. vom 5. Dezember 2016) galt eine weitere Fusion des Theaters mit den Bühnen in Neubrandenburg und Neustrelitz als unausweichlich. Die Kommunen können den Spielbetrieb im gegenwärtigen Umfang aus eigenen finanziellen Mitteln nicht mehr aufrechterhalten; das Land Mecklenburg-Vorpommern wollte bislang nur helfen, wenn durch eine Fusion Stellen im künstlerischen Bereich, in Technik und Verwaltung eingespart werden. So sah es eine Zielvereinbarung von 2015 vor. Für die verbleibende Belegschaft sollte dann auch endlich Gehalt nach Flächentarif gezahlt werden, nachdem in Vorpommern seit 1994 ein Haustarifvertrag in Geltung war, der bei der Bezahlung im Schnitt um siebzehn Prozent unter dem Branchenüblichen lag.

          Der Erhalt aller Standorte und vieler Arbeitsplätze sollte einhergehen mit einer regionalen Schwerpunktsetzung: Musiktheater in Stralsund, Ballett und Schauspiel in Greifswald, Konzert und Kammerbühne des Sprechtheaters in Neubrandenburg, Gastbespielungen in Putbus, Theater mit musikalischem Schwerpunkt – also aufwendigere Musicalproduktionen – in Neustrelitz. Doch am Montag hat Mecklenburg-Vorpommerns Kulturministerin Birgit Hesse (SPD) beschlossen, wieder Alternativen zur Fusion zu prüfen. Die kommunalen Träger der Theater – der Landkreis Vorpommern-Rügen, die Städte Stralsund, Greifswald, Neubrandenburg und der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte – konnten untereinander keine Einigung über den Standort von Werkstätten, über wichtige Personalien und lokale Spielpläne erzielen. Besonders in Neustrelitz fühlt man sich als Hauptverlierer der Fusion. Und Widerstand der Bevölkerung, die stolz ist auf ihre Theater, gab es in allen betroffenen Landesteilen. Schließlich hatte Stralsund erst vor einigen Jahren sein städtisches Krankenhaus verkauft, um vom Erlös sein Theater zu sanieren. So groß ist dort die Opferbereitschaft für Kunst.

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