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Theaterfestival von Avignon : Sogar die Götter sind schockiert

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Mit dem Wunsch nach der Öffnung des Theaters verfolgt der Schweizer Theatermacher Milo Rau das gleiche Ziel, aber einen anderen Weg. Der Einundvierzigjährige hat als neuer künstlerischer Leiter des Nationaltheaters Gent mit seinem Team ein Manifest verfasst, das unter anderem vorsieht, in jede Aufführung Laiendarsteller mit einzubeziehen und die Entstehung von Stücken allen daran Beteiligten zu überlassen. Auch Rau thematisiert im ersten Teil seiner „histoire(s) du théâtre“, angelehnt an Jean-Luc Godards „Histoire(s) du cinéma“, Grausamkeit, aber auf Basis einer wahren Begebenheit.

In „la Reprise“ (Die Wiederholung) beschäftigen sich vier professionelle Schauspieler und zwei Laiendarsteller mit dem Fall Ihsane Jarfi. Der homosexuelle Mann mit arabischen Wurzeln stieg 2012 im belgischen Lüttich zu drei fremden Männern ins Auto ein und wurde von ihnen ohne greifbaren Grund zu Tode geprügelt. Bevor ein VW Polo auf die Bühne gerollt und die Tat nachgespielt wird, erzählen die Schauspieler in Form von über eine Leinwand vergrößerten Interviews von ihren Theatererfahrungen. Der Abend beginnt humorvoll, und trotzdem bissig. Der schwarze Tom Adjibi erzählt, dass er immer nur Ausländer spielen darf oder Figuren, die kritisieren, dass sie nur Ausländer spielen dürfen. Um dem von ihm erwarteten Bild zu entsprechen, täusche er bei Castings auch mal vor, etwa arabisch zu sprechen, indem er nicht verständlichen Lauten bekannte Worte anfüge. Gelächter.

Nackte ältere Menschen und ein bestialischer Mord

Als es zur eigentlichen Mordszene kommt, in der die Autoinsassen das Opfer aus dem Kofferraum zerren, ausziehen, auf es eintreten und urinieren, bis man nur noch das Geräusch von Regen hört, ist der Zuschauer auf diese Art von Grausamkeit gar nicht vorbereitet. Rau spielt virtuos mit seinen Gefühlen, er zeigt Tabus, eine Vergewaltigung, nackte ältere Menschen, die Sex miteinander haben, einen bestialischen Mord – und bricht die Szenen brechtisch auf, indem die Darsteller aus ihrer Rolle heraustreten. Der Gänsehautmoment, in dem der eben Getötete aufsteht und Henri Purcells „Cold song“ aus der englischen Barockoper „King Arthur“ singt, er wird beendet von Adjibis Überlegungen, was Theater für ihn sein soll. Der Laiendarsteller Fabian Leenders beschreibt einen ähnlich tristen Lebenslauf in der von hoher Arbeitslosigkeit gekennzeichneten Stadt Lüttich, wie ihn einer der späteren Täter hat.

Die Inszenierung zeigt, dass Tragödien Zufällen entspringen können. Warum die Männer so grausam mordeten, bleibt vage. Es könnte Homophobie sein, Frust durch Arbeitslosigkeit, vielleicht war es auch nur eine Laune. Rau braucht die Effekte nicht, die Jolly nutzt, um die nicht erklärliche Grausamkeit des Menschen zu zeigen. Er erzeugt mit geringen technischen Mitteln auf einer viel kleineren Bühne eine mindestens so hohe Intensität, und fragt nebenbei, wie der Zuschauer der dargestellten Gewalt so tatenlos zusehen kann.

Ästhetik eines Drogentrips

Höhepunkt des Festivals ist trotzdem Julien Gosselins zehnstündige Montage der drei frühen Romane „Spieler“ (1977), „Mao II“ (1991) und „Die Namen“ (1982) des düsteren Amerika-Chronisten Don DeLillo. Der junge Regisseur hat in Avignon schon vor zwei Jahren mit seiner aus der Liller Kunsthochschule hervorgegangenen Companie „Si vous pouviez lecher mon cœur“ (Wenn Sie mein Herz lecken könnten) einen Mammutabend aus dem mehr als tausendseitigen Roman „2666“ des chilenischen Autors Roberto Bolaño gemacht. Die Gruppe taucht nun mit einer derartigen Wucht in die siebziger Jahre des imperialistischen Amerikas ein, dass man sich dem Sog schon nach wenigen Minuten nicht mehr entziehen kann. Die Aufführung beginnt um 15 Uhr am Nachmittag mit einer ablaufenden Zeituhr, und um ein Uhr nachts verlassen die Zuschauer sinnentaumelnd das Gelände.

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