30.01.2009 · Mit Presslufthammer und Gestichel: Armin Petras bearbeitet am Berliner Gorki-Theater den in der DDR verbotenen Roman „Rummelplatz“ von Werner Bräunig über den Uranabbau unter Tage.
Von Irene BazingerSelbst gewaltige Flächenbrände beginnen oft mit einem kleinen Funken: Vielleicht bezieht sich darauf die Anfangsszene im lichtlosen Berliner Maxim Gorki Theater, wo nur ein winziges leuchtendes Pünktchen auf der Bühne zu sehen ist, weil da jemand eine Zigarette raucht. Später stellt sich heraus, dass es ein Mann in schwarzen Stiefeln und mit einer Uniformbrust voller Orden ist. Robert Kuchenbuch als Polotnikow flucht zwischen den Lungenzügen mit unterdrückter Wut vor sich hin.
Zwar ist der Zweite Weltkrieg seit einigen Jahren zu Ende, der Oberst der Roten Armee jedoch nicht heimgekehrt, sondern in der DDR beim Bergbauunternehmen Wismut eingesetzt. Dieser wichtige Betrieb förderte im Erzgebirge Uran für die sowjetische Atomindustrie - was in der östlichen Propagandasprache ein Fanal aus Frieden, Glück und Sozialismus bedeutete. Massiv wurden Arbeitskräfte mit Spitzenlöhnen, Vergünstigungen und Schnapssonderrationen angeworben - und mancher Straftäter musste nicht ins Gefängnis, wenn er stattdessen als Bergmann schuftete. Auch Werner Bräunig, 1934 in Chemnitz geboren, verdingte sich als solcher, ehe er das Leipziger Literaturinstitut absolvierte.
Vor die Kanonen des Zentralkomitees
Die Aufbauzeit von 1949 bis zum 17. Juni 1953, der Mythos Wismut und die Biographien von ein paar unbehausten jungen Leuten waren das Material für seinen Roman „Rummelplatz“. Aber nach der Veröffentlichung eines Kapitels geriet der Autor direkt vor die Kanonen des berüchtigten 11. Plenums des Zentralkomitees, mit denen auf die meisten unbotmäßigen Kulturspatzen - wie Heiner Müllers Stück „Der Bau“, Frank Beyers Film „Spur der Steine“ oder Gedichte von Wolf Biermann - geschossen wurde, weil sich darunter womöglich umstürzlerische Falken verbergen mochten.
„Rummelplatz“ wurde nicht gedruckt, Bräunig verzweifelte und soff sich 1976 in einen frühen Tod. Erst 2007 konnte das Buch erscheinen. Der Regisseur Armin Petras hat es nun für das Theater eingerichtet und die Uraufführung selbst inszeniert. Dabei vermeidet er fast alle humorig verbrämte Ostalgie à la „Good Bye, Lenin“ oder „Sonnenallee“ und bringt dieses Epos aus den Gründungsjahren der DDR auf einen breiten, schwarzen Laufsteg, der sich zwischen den nackten Brandmauern bis in die vorderen Parkettreihen erstreckt. Mit echten Presslufthämmern, etwas Gestichel („Warum ist das Klopapier in der Zone derart rauh? Damit alle Arschlöcher rot werden“) und viel historischer Demut erfolgt das kurzweilige Schaulaufen zugunsten der Rehabilitierung eines verfemten Dichters und einer beinahe vergessenen Epoche.
Verve und Witz
Die Episoden, die bei Bräunig im Westen spielen, sind komplett gestrichen. Auch so bleibt noch genügend Stoff übrig, verteilt zumal auf zwei Freunde: Peter Loose, einen netten Bürgerschreck mit Lederjacke und Gitarre, den Michael Klammer gern fröhlich sein und singen lässt, und den Abiturienten Christian Kleinschmidt, Sohn eines Professors und mithin bereits qua Geburt ein Klassenfeind. Bei Milan Peschel indes, der den zappelig-tölpelhaften Berufsjugendlichen gibt, wirkt der Junge eindeutig zu alt und in Mantel und Hut eher wie sein eigener Vater. Britta Hammelstein singt sich als resche Kellnerin Ingrid den Frust über ihre tristen Aussichten mit Verve und Witz von der Seele. Durch ein paar Videoprojektionen und reichlich Musik erweitert sich der Bezugsrahmen um das äußerst spartanische Bühnenbild von Susanne Schuboth.
Peschel und seine überholten Manierismen ausgenommen, überzeugt das in sich so konsequent wie amüsant harmonierende Ensemble, ob mit Ursula Werner in mehreren Mütter-Rollen oder mit Peter Kurth als Hermann Fischer, Antifaschist, philanthropischer Dienstherr und Parteisoldat. An diesem Repräsentanten der Erwachsenenkaste, die ihren Kindern nichts als Trümmer von einer verwüsteten und Parolen für eine bessere Welt anzubieten hat, entzünden sich die Generationenkonflikte - und lösen sich dank Fischers persönlicher Integrität wieder auf. Obwohl seine Frau tot ist, findet er zu seiner einzigen Tochter Ruth kaum Kontakt. Die großartige Regine Zimmermann, die zudem in einer zweiten Rolle als Kraftfahrer Heidewitzka glänzt, zeigt sie als eine orientierungslose wie selbstbewusste Frau, die den Kopf hoch trägt, ohne genau zu wissen, in welche Richtung sie eigentlich blicken soll.
Ergebener Funktionär
Ruth will sich nicht von den Genossen vereinnahmen lassen, wirft ihnen bald „Autoritätsfetischismus“, „Buchstabengläubigkeit“ und eine „Epidemie aus Misstrauen“ vor. Ganz der ergebene SED-Funktionär ist freilich Christian Baus als Nickel, Personalchef einer Papierfabrik, deren Belegschaft scharenweise in den Westen abhaut. So wird das Hohelied auf das Arbeiterparadies, das sie hier in hurtigen, drastisch gezeichneten Szenen mit Klamauk und im Chor, mit viel Gesöff und Gebrüll, mit Dreck im Gesicht und fröhlich im Wasserbecken planschend, anstimmen, zugleich zum Abgesang auf eine Zeit, in der die Zukunft noch sozialistisch verlockend erschien.
Der Anfang schon ein Ende oder das Ende eventuell doch ein Anfang? Armin Petras verhehlt nicht, dass er keine Antworten hat - und denunziert Werner Bräunigs „Rummelplatz“ trotzdem nicht. Das spricht für seine offenherzig zwischen Sympathie, Trauer und Ironie pendelnde, fast naiv nach Wurzeln suchende Inszenierung: Was sie nicht weiß, macht sie erst heiß.