19.12.2004 · Endlich mal wieder was los im Bundesstädtchen: Wochen im voraus hatte Johann Kresniks Tanzstück „Hannelore Kohl“ in Bonn für Aufregung gesorgt. Doch der einzige Skandal dieser Aufführung lag in ihrer Harmlosigkeit.
Von Andreas RossmannDie Junge Union hatte eine Demonstration angekündigt, und der Intendant wollte den Teilnehmern Glühwein ausschenken, auf daß sie dem Theater auch innerlich gewärmt die Ehre des Skandals antun und schön bei der Stange bleiben an diesem naßkalten Bonner Vorweihnachtsabend.
Doch die empörungswilligen Nachwuchspolitiker ließen sich nicht blicken, und die aufgebockte Theke unter dem Vordach des Opernhauses blieb verwaist. Statt dessen lud die Junge Union zu einer „stillen Protestaktion“ in die „Tequila-Bar“ gleich hinter dem Musentempel ein, wo aus der Hannelore-Kohl-Biographie gelesen wurde. Was das Theater auch freute, denn dort, in der „Tequila-Bar“, so der Pressesprecher, „ist es sonst immer so leer“.
Nein, dieses Problem kennt die Oper, zumindest an diesem Abend, nicht, schon zwei Wochen im voraus war die Aufführung mit Schlagzeilen geadelt worden. „Mehr als hundert Journalisten haben sich“, meldete der „General-Anzeiger“, „zur Uraufführung von Johann Kresniks Tanzstück ,Hannelore Kohl' angemeldet.“ Ein Berliner Weltblatt hatte kurz vor dem Termin sogar noch den Ballettkritiker gegen einen Politikredakteur ausgetauscht, um damit genau jenem Trugschluß aufzusitzen, dem der Choreograph so gerne frönt: daß Theater, nur weil es sich eine Person des öffentlichen Lebens „vorknöpft“, schon politisch sei.
Eine „Schmutzkampagne“
Kresnik aber frohlockte schon vorher, hatte ihm die lokale CDU doch auf die bloße Ankündigung eines Tanzstücks namens „Hannelore Kohl“ hin eine „Schmutzkampagne“ vorgeworfen: „Meine Stücke sind immer unbequem“, tönte der Choreograph; und: „Theater muß aggressiv werden, neue Formen und Bilder schaffen, um den Zuschauer wieder neugierig zu machen.“ Endlich mal wieder was los im Bundesstädtchen! Nur, die Pranke dafür hat das vermeintliche Enfant terrible nicht (mehr). Das Theater muß ja eigentlich gar nichts, hier aber darf oder kann es nicht, wie es müssen soll. Mehr als ein biederer Bilderbogen ist in „Hannelore Kohl“ nicht drin: Der einzige Skandal dieser Aufführung ist ihre Harmlosigkeit.
„4. Juli 2001“: Die erste Szene zeigt Hannelore Kohls Tod. Im quittengelben Seidenpyjama steht sie barfuß vor einem Tisch voller Plastikbecher, verklebt Abschiedsbriefe und mischt sich, während neben ihr ein gelb-blauer Spielzeugfallschirmspringer langsam zu Boden geht, einen Gift-Cocktail. Noch im Selbstmord die patente Hausfrau, scheidet sie, sich qualvoll am Boden windend, aus dem Leben, das danach in Rückblenden aufgeblättert wird: Da wird die kleine Hannelore zunächst von den Eltern auf dem Küchentisch zurechtgeknetet, und als der Vater das Hemd auszieht, entrollt sich eine Fahne mit einem Hakenkreuz, das er auch auf der nackten Haut trägt. „Familienalbum“ oder Heiner Müller für Anfänger.
Batterien von Nuckelflaschen
Mehr Revue als Requiem. In zweiundzwanzig Szenen und knapp hundert Minuten rekapituliert Kresnik Stationen einer Biographie: Das „Trauma Krieg“ findet in einem brennenden Stahlhelm seinen Fokus, in der „Tanzstunde“ wirbeln die Petticoats zum Glenn-Miller-Sound, die „Karriereplanung“ ihres Partners läuft an, während die Wiederaufbaugeneration zu „Zwei kleine Italiener“ eine Bademodenschau zeigt, die Söhne Peter und Walter werden von der trillerpfeifenherrischen Mutter mit Batterien von Nuckelflaschen gesäugt, und die „Politiker-Strohwitwen“ halten die Stellung, bis Hannelore im blauen Kostüm zur First Lady wird - und doch nur Anhängsel ist.
Immer ist Kresnik das Nächstliegende eingefallen: Conny Froboess steht für die fünfziger, Ulrike Meinhof für die sechziger und Daliah Lavi für die siebziger Jahre. In einem fast zarten Pas de deux werden Ulrike und Hannelore, Tanja Oetterli und Sarka Vrastakova, zu „Schwestern“ erklärt, doch ist das in seinen Annäherungen und Anfeindungen, Verwicklungen und Verstößen so adrett arrangiert, daß noch die gezogenen Pistolen und der Eimer Blut, der am Ende über den Flügel geht, Dekoration bleiben.
Eine passive Frau
Simona Furlani tanzt, engagiert und geschmeidig, die Hauptrolle, die sich in bis zu acht Doubles, immer mit der gleichen Blondperücke, vervielfältigen kann. Über die Figur aber ist nicht mehr zu erfahren: Hannelore Kohl erscheint als weitgehend passive Frau, die ordentlich den Haushalt führt und brav auf ihren Mann wartet, aufrecht Empfänge und Staatsbesuche durchsteht und sich aus dem Blitzlicht der Öffentlichkeit zurückzieht.
Auch die Rolle von Helmut Kohl teilen sich mehrere Darsteller, die ihn zwischen alertem Technokraten und selbstzufriedenem Machtkoloß typisieren: Während Wolfgang (Schäuble) im Rollstuhl fast unter dem Flügel, den er traktiert, verschwindet, läßt sich sein Chef unzweideutig zwischen Aktendeckeln mit der brünetten Bürovorsteherin Juliane ein.
Rohe Fleischklumpen
Mit den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, die mit Uncle-Sam-Zylinder und Pelzmütze als behütete Allegorien herumtollen, balgt er sich um die DDR und bleibt, ob als Karrieremacher oder Kanzlermonument, wie ihn Hans-Jürgen Moll im dunklen Anzug oder nur in weißer Unterhose XXXL lebensecht hinstellt, doch immer - und ganz unpolitisch - ein Popanz: Als dicker Metzger schneidet er Fleisch, das er großzügig in rohen Klumpen verteilt, bis ihm Juliane erst mit dem Lippenstift ein rotes Herz und dann maskierte Dunkelmänner schwarze „DM“-Stempel auf den nackten Körper drücken. Hannelore versucht noch, sie abzuwaschen, und macht sich nur selbst schmutzig. Ihre Lichtempfindlichkeit ist da schon unerträglich, ihre Einsamkeit total geworden: Von einem Gewitter aus grellen Scheinwerfern und splitterndem Glas wird sie förmlich erschlagen.
Kresnik ist ein Choreograph, der unterstellt statt untersucht, der Konflikte behauptet statt austrägt. Für die inneren Nöte der Hannelore Kohl interessiert er sich nicht: So bleibt die Figur ein willfähriges Demonstrationsmittel seiner Besserwisserei. Am Ende blendet die Bühne als Licht-Installation auf, die ins Auge sticht. Der Rand des Flügels, der der Aufführung als multifunktionales Spielmöbel dient, brennt und ist zum Sarg geworden. „Danke“ steht auf der Schleife des Kranzes, den der dicke Helmut davor abstellt, und „Danke“ strahlt es auch von der Rückwand. Danke, nur danke, schien auch das Premierenpublikum zu sagen: Kein einziger müder Buhruf störte den gesitteten, enden wollenden Applaus.