http://www.faz.net/-gqz-u4o7

Theater : Weltwehtablette mit Vitamin H

  • -Aktualisiert am

Sie sind mein Waterloo, Gnädigste: Carmen-Maja Antoni und Axel Werner Bild: ZB

Werkkitschstücke aus der privaten Mythenkiste: Claus Peymann inszeniert Peter Handkes neues Werk „Spuren der Verirrten“ am Berliner Ensemble. Dabei dramatisiert Peymann und bläst die Szene auf, wo Handke entdramatisiert und nur seinen „Zuschauer“ erzählen lässt. Von Gerhard Stadelmaier

          Der Boden glänzt schwarz und fällt wieder mal leicht gekippt in Richtung Zuschauerraum. Ringsum drängen im Geviert aufgestellt elf sauber ausgesägte, graue, bühnenhohe, scharfkantig drohende Pfeiler herein. Triste Elektro-Oberleitungsdrähte verspannen hoch droben den Luftraum um eine noch trübere Lampe. Hier kann nichts Gutes passieren, sagt das Bühnenbild.

          Aber wenn etwas Schlechtes passiert, dann habe ich das auch im Griff. Und es spricht davon, dass es mehr eine Sache der Werkstatt als der Phantasie ist. Freilich ist vorn an der Rampe ein kleiner Dreiecksraum freigesägt. Darin steht auf Parketthöhe ein Stuhl, auf der Rampe liegt ein Wanderstock, ein Apfel (als Wegzehrung?), daneben ein Haufen Manuskriptblätter. Und schon wandert das Bühnenbild von der Werkstatt wieder in die Phantasie. Es ist die Phantasie des Bühnenbildners Karl-Ernst Herrmann.

          Die Phantasie endet - die Werkstatt hat uns wieder

          Von der Bühne herunter schlendert ein Herr in schwarzem Hut und schwarzem Schal und randloser Brille, der sich auf Zuschauerhöhe vor die erste Reihe an die Rampe setzt und verkündet, er sei der Zuschauer, der all das, was zu sehen sei, durch sein Zuschauen erst schaffe. Also gleichsam der Zuschauerkönig. Er schaut wie verzückt und gespannt auf ein kleines Bühnenmodell, das ein paar Meter vor ihm aus dem Boden wächst.

          Handke verabreicht seinen Figuren immer eine Weltwehtablette
          Handke verabreicht seinen Figuren immer eine Weltwehtablette : Bild: dpa

          Auf ihm sind hutschachtelklein Bäume zu sehen, eine verwunschene Allee, ein paar klitzekleine Menschenpuppen. Vielleicht führen sie in dieser Miniaturwelt gerade ein tolles Traum- oder Albtraumspiel auf. Vielleicht wäre das schon genug Theater und Zauber. Aber dann verschwindet das Modell im Boden. Die schöne Phantasie endet. Die Werkstatt hat uns wieder. Es ist die Werkstatt des Regisseurs Claus Peymann.

          Das Unglück unterm Mistelzweig

          Gleichwohl: Ganz links oben, unauffällig an einem Oberleitungsdraht befestigt, hängt als übrig gebliebenes Rätselzeichen ein Mistelzweig. Sozusagen die hartnäckige Signatur des Phantasten Karl-Ernst Herrmann. Unterm Mistelzweig wird ja, wenn er über Türbalken in den Wohnungen abergläubischer Weihnachtsbürger hängt, alles gut, darf man sich in die Arme fallen, küssen und versöhnen.

          Hier aber tritt unterm Mistelzweig nicht das Glück, sondern das Unglück auf. Die Welt ist aus den Fugen. Die Menschen tragen Pflaster, Verbände, eingegipste Arme, blutige Binden um ihre Köpfe. Sie schleppen schwere Koffer, sind auf der Flucht. Sie stammen aus dem neuen Stück von Peter Handke, „Spuren der Verirrten“.

          Das Gejammer darüber ist sehr poetisch

          Sie könnten aus etlichen anderen Handke-Stücken in dieses neue hier hineingesickert sein, aus dem „Spiel vom Fragen“ von 1990, wo sie auf einer „Reise ins sonore Land“ das Glück suchten wie Seinspfadfinder; aus der „Stunde da wir nichts voneinander wußten“ von 1992, wo sie, ohne ein Wort zu sagen, über einen leeren Platz geweht wurden wie Traumgebilde; aus dem „Untertagblues“ von 2004, wo sie in einer U-Bahn den Beschimpfungen eines Weltenhassers, des „Wilden Mannes“, ausgesetzt waren.

          Aber stets rettete ihr Schöpfer sie aus ihrer Verwirrtheit: Handke, der Heiler unter den dramatischen Dichtern, verabreicht seinen Figuren sozusagen immer eine Weltwehtablette mit Vitamin H(andke). So dass sich ihre Verirrungen als Phantomschmerzen herausstellen, als träumerische Mutwilligkeiten leicht fiebriger Kindsköpfe. Nichts tut eigentlich weh.

          Aber das Gejammer darüber ist sehr poetisch. Klagelieder, in denen die Sehnsucht nach dem Klaglosen („Ja, früher . . .“) den Kontrapunkt bildet. Keine Menschen. Künstliche Bekundungsphänomene, Zitatkonturen, Sprachblasengebilde. Leichtestes Gelichter. Sie tun so, als hätten Verhältnisse (Krieg und Frieden) ihnen mitgespielt, aber die Verhältnisse werden nur beraunzt („der jetzige Frieden ist ohne Essenz“), nicht verhandelt. Im Grunde lauter Grundlose. Wer ihnen Gründe anklebt, macht sie doppelt unwahr: zu Kitsch.

          Weitere Themen

          Rüstzeug gegen Viren

          Erkältungszeit Herbst : Rüstzeug gegen Viren

          Herbstzeit ist Erkältungszeit. Und Apotheken werben mit Mitteln, die schnupfenfreie Tage versprechen – und nicht gerade billig sind. Steckt hinter den „Virusstoppern“ und „Immunkuren“ mehr als ein Werbeversprechen?

          Schinkenschneiden als Kunst Video-Seite öffnen

          Spanien : Schinkenschneiden als Kunst

          Wer glaubt, dass das Schneiden eines Schinkens nur Mittel zum Zweck ist, irrt. Pedro Gómez ist Schinkenschneider und gilt als einer der Besten seiner Zunft in ganz Spanien. In Valencia betreibt er einen Stand in der Markthalle. Seine präzise Schnitttechnik führt er oft bei Hochzeiten vor.

          Topmeldungen

          Sie scheint gestärkt, nicht geschwächt: Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche.

          Jamaika-Ende bei ARD und ZDF : „Ich fürchte nichts“

          Die Auftritte der Bundeskanzlerin im Fernsehen nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche setzen ein Zeichen. Dafür sorgen nicht die Journalisten, das macht Angela Merkel schon selbst. Sie will es nochmal wissen und regieren. Am liebsten, hören wir heraus, mit Schwarz-Grün.
          Atomanlage in Majak

          Majak : Russland bestätigt hohe Radioaktivität

          Im südlichen Ural wurde eine Konzentration des radioaktiven Ruthenium 106 gemessen, die den erlaubten Wert fast tausendfach übersteigt. Zuvor hatte Russland Warnungen aus Europa widersprochen.
          Ein herber Rückschlag für die hessische Stadt: Nicht Frankfurt, sondern Paris bekommt den Zuschuss für den Sitz der Europäischen Bankenaufsicht.

          Ema und Eba : Frankfurt und Bonn scheitern im Rennen um Brexit-Beute

          Statt Bonn und Frankfurt geht die Europäische Bankenaufsicht und die Europäische Arzneimittelagentur nach Paris und Amsterdam. Vor allem für Frankfurt ist das ein herber Rückschlag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.