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Veröffentlicht: 18.02.2007, 19:24 Uhr

Theater Weltwehtablette mit Vitamin H

Werkkitschstücke aus der privaten Mythenkiste: Claus Peymann inszeniert Peter Handkes neues Werk „Spuren der Verirrten“ am Berliner Ensemble. Dabei dramatisiert Peymann und bläst die Szene auf, wo Handke entdramatisiert und nur seinen „Zuschauer“ erzählen lässt. Von Gerhard Stadelmaier

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© ZB Sie sind mein Waterloo, Gnädigste: Carmen-Maja Antoni und Axel Werner

Der Boden glänzt schwarz und fällt wieder mal leicht gekippt in Richtung Zuschauerraum. Ringsum drängen im Geviert aufgestellt elf sauber ausgesägte, graue, bühnenhohe, scharfkantig drohende Pfeiler herein. Triste Elektro-Oberleitungsdrähte verspannen hoch droben den Luftraum um eine noch trübere Lampe. Hier kann nichts Gutes passieren, sagt das Bühnenbild.

Aber wenn etwas Schlechtes passiert, dann habe ich das auch im Griff. Und es spricht davon, dass es mehr eine Sache der Werkstatt als der Phantasie ist. Freilich ist vorn an der Rampe ein kleiner Dreiecksraum freigesägt. Darin steht auf Parketthöhe ein Stuhl, auf der Rampe liegt ein Wanderstock, ein Apfel (als Wegzehrung?), daneben ein Haufen Manuskriptblätter. Und schon wandert das Bühnenbild von der Werkstatt wieder in die Phantasie. Es ist die Phantasie des Bühnenbildners Karl-Ernst Herrmann.

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Die Phantasie endet - die Werkstatt hat uns wieder

Von der Bühne herunter schlendert ein Herr in schwarzem Hut und schwarzem Schal und randloser Brille, der sich auf Zuschauerhöhe vor die erste Reihe an die Rampe setzt und verkündet, er sei der Zuschauer, der all das, was zu sehen sei, durch sein Zuschauen erst schaffe. Also gleichsam der Zuschauerkönig. Er schaut wie verzückt und gespannt auf ein kleines Bühnenmodell, das ein paar Meter vor ihm aus dem Boden wächst.

Spuren der Verirrten - Berliner Ensemble © dpa Vergrößern Handke verabreicht seinen Figuren immer eine Weltwehtablette

Auf ihm sind hutschachtelklein Bäume zu sehen, eine verwunschene Allee, ein paar klitzekleine Menschenpuppen. Vielleicht führen sie in dieser Miniaturwelt gerade ein tolles Traum- oder Albtraumspiel auf. Vielleicht wäre das schon genug Theater und Zauber. Aber dann verschwindet das Modell im Boden. Die schöne Phantasie endet. Die Werkstatt hat uns wieder. Es ist die Werkstatt des Regisseurs Claus Peymann.

Das Unglück unterm Mistelzweig

Gleichwohl: Ganz links oben, unauffällig an einem Oberleitungsdraht befestigt, hängt als übrig gebliebenes Rätselzeichen ein Mistelzweig. Sozusagen die hartnäckige Signatur des Phantasten Karl-Ernst Herrmann. Unterm Mistelzweig wird ja, wenn er über Türbalken in den Wohnungen abergläubischer Weihnachtsbürger hängt, alles gut, darf man sich in die Arme fallen, küssen und versöhnen.

Hier aber tritt unterm Mistelzweig nicht das Glück, sondern das Unglück auf. Die Welt ist aus den Fugen. Die Menschen tragen Pflaster, Verbände, eingegipste Arme, blutige Binden um ihre Köpfe. Sie schleppen schwere Koffer, sind auf der Flucht. Sie stammen aus dem neuen Stück von Peter Handke, „Spuren der Verirrten“.

Das Gejammer darüber ist sehr poetisch

Sie könnten aus etlichen anderen Handke-Stücken in dieses neue hier hineingesickert sein, aus dem „Spiel vom Fragen“ von 1990, wo sie auf einer „Reise ins sonore Land“ das Glück suchten wie Seinspfadfinder; aus der „Stunde da wir nichts voneinander wußten“ von 1992, wo sie, ohne ein Wort zu sagen, über einen leeren Platz geweht wurden wie Traumgebilde; aus dem „Untertagblues“ von 2004, wo sie in einer U-Bahn den Beschimpfungen eines Weltenhassers, des „Wilden Mannes“, ausgesetzt waren.

Aber stets rettete ihr Schöpfer sie aus ihrer Verwirrtheit: Handke, der Heiler unter den dramatischen Dichtern, verabreicht seinen Figuren sozusagen immer eine Weltwehtablette mit Vitamin H(andke). So dass sich ihre Verirrungen als Phantomschmerzen herausstellen, als träumerische Mutwilligkeiten leicht fiebriger Kindsköpfe. Nichts tut eigentlich weh.

Aber das Gejammer darüber ist sehr poetisch. Klagelieder, in denen die Sehnsucht nach dem Klaglosen („Ja, früher . . .“) den Kontrapunkt bildet. Keine Menschen. Künstliche Bekundungsphänomene, Zitatkonturen, Sprachblasengebilde. Leichtestes Gelichter. Sie tun so, als hätten Verhältnisse (Krieg und Frieden) ihnen mitgespielt, aber die Verhältnisse werden nur beraunzt („der jetzige Frieden ist ohne Essenz“), nicht verhandelt. Im Grunde lauter Grundlose. Wer ihnen Gründe anklebt, macht sie doppelt unwahr: zu Kitsch.

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