24.09.2007 · In Hamburg schaltet Nicolas Stemann die „Iphigenie“-Dramen von Euripides und Goethe in Reihe, während in Leipzig „Nathan (ohne Titel)“ als leichthändige Komposition über Ängste, Katastrophen und gescheiterte Hoffnungen gelingt.
Von Irene BazingerAuch große Geschichten haben einmal klein angefangen. Deshalb beginnt Nicolas Stemanns langer Abend im Thalia Theater Hamburg, an dem zuerst „Iphigenie in Aulis“ von Euripides und dann Goethes „Iphigenie auf Tauris“ gezeigt werden, ganz einfach: mit einem unauffälligen Mann in einem heutigen Anzug an einem neutralen Tisch. Vor dem eisernen Vorhang ist er allein mit sich und seiner drückenden Schuld, die er nicht benennt, jedoch nun wiedergutmachen will. Bloß wirkt Alexander Simon als Feldherr Agamemnon auf seinem Bürostuhl, als rede er sich nur ein, das tatsächlich schaffen zu können.
Schließlich hat er den anderen griechischen Generälen versprochen, seine Tochter Iphigenie zu opfern, damit die Götter endlich Wind schicken und die Flotte in den Trojanischen Krieg ziehen kann. Aber Iphigenie entbindet ihn seiner Verantwortung und erklärt, nachdem sie alles erfahren hat, freiwillig für die Heimat sterben zu wollen. Gerettet durch die Göttin Artemis, muss sie später im fernen Tauris ihr Leben als Priesterin „vertrauern“, wie sie bei Goethe klagen wird, im Exil „das Land der Griechen mit der Seele suchend“. Viele Jahre danach findet sie ihr Bruder Orest und holt sie zurück.
Sympathie für die Menschen hinter den Mythen
Stemann kümmert sich weder um die mythischen Dimensionen bei Euripides noch um die humanistischen bei Goethe, sondern mit offener Sympathie entschlossen um die Menschen, die den ideologischen Überbau auszulöffeln haben. Im Bühnenbild von Stefan Mayer sind dafür ein paar Stühle und Tische vorhanden, ein Mikrofon und natürlich ein Messer, das als Waffe dient und wie als stetes Damoklesschwert die Unfreiheit aller symbolisiert.
Die Darsteller treten jeweils in beiden Stücken auf. Andreas Döhler wird als Achilleus zuerst gegenüber seiner Beinahe-Schwiegermutter Klytämnestra zudringlich, ehe er sich mit Goethe als Orest im Parkett zwischen die Zuschauer zwängt und die Arme hebt: „Seht euern Sohn! Heißt ihn willkommen.“ Natali Seelig als divenhafte Klytämnestra zerrt sich zum Schutz ihrer Tochter Festkleid samt Schmuck vom Leib und taucht im zweiten Teil als zornige Untote auf. Mit Pomade und Pedanterie gibt Felix Knopp seine Zickigkeit, König Menelaos, den Bruder Agamemnons, bevor er als Orests Freund Pylades alle neune gerade sein lassen darf. Die todesmutige Iphigenie des Euripides ist bei Lisa Hagmeister eine aufgekratzte Ballettratte, die sich auch bei Goethe mehr auf die schrillen als die gebrochenen Töne versteht. Für diese ist Katharina Matz als verdoppelte Iphigenie auf Tauris zuständig, die - nun ein altes Mädchen - bezeugt, dass die Zeit keine Wunden heilt.
Große Geschichten auf zu kleiner Flamme
Der taurische König Thoas ist bei Alexander Simon - wie zuvor sein Agamemnon - ein aufrechter Simpel, dem die Welt über den Kopf gewachsen ist, ohne sein Bewusstsein für fremden wie eigenen Schmerz zu vernebeln. „Lebt wohl“, brummelt der von Iphigenie zivilisierte Barbar am Schluss, nachdem er sie mit Orest wegsegeln ließ, reißt sich zusammen - und dann geht's von vorne los: Was er damals verkehrt gemacht hat, sagt er, will er jetzt wiedergutmachen.
In der Regie von Nicolas Stemann laufen beide „Iphigenien“ unkompliziert wie am Schnürchen ab: Mütchen gekühlt, Mythos ade. Vielleicht richten die Schauspieler deshalb so oft den Blick hilfesuchend ins Publikum, weil sie spüren, dass sie zwar glänzend arbeiten, aber völlig unverbindlich bleiben. An der weit ins Politische reichenden Familientragödie des Euripides oder Goethes Drama über die Konfrontation zweier Kulturen vermag Stemann mit seiner aalglatt saloppen Handwerksfinesse bloß flüchtig zu kratzen. Bei aller ironischen Cleverness erzählt er die großen Geschichten auf zu kleiner Flamme: nett, doch halbgar.
Nathans Weisheit will keiner mehr hören
Derlei unvornehme Zurückhaltung kann man dem dänischen Autor und Regisseur Christian Lollike (Jahrgang 1973) gewiss nicht vorwerfen. Zupackend und intelligent variiert er mit „Nathan (ohne Titel)“ diverse Motive aus Gotthold Ephraim Lessings „Nathan dem Weisen“. Alle acht Kapitel kreisen um das Thema, ob und wie Frieden zwischen den Menschen sein könne. Die Personen haben keine Namen, die Szenen kaum Orte und sind meist aus dem aktuellen Konfliktpotential des Nahen Ostens gespeist. Wie in Stemanns zweifacher „Iphigenie“ sind auch hier die Dialoge das eigentliche Kraftzentrum: Die Aufklärung erscheint als reine Rhetorik, der Humanismus schwimmt als utopische Insel in einem glasklaren Wörtersee. Die gelungene deutschsprachige Erstaufführung in der Neuen Szene des Schauspiels Leipzig realisierte der junge Alexander Marusch als frech-fidele Revue, die bewusst mit Grauen, Hass und Vorurteilen ihre bunten Scherze treibt, damit das Publikum nicht innerlich abschalten kann.
Als Nathan beharrt Michael Schrodt auf dem Recht des freien Denkens, selbst wenn ihn etwa bei einer bizarren Kostümparty Rotkäppchen und ein weißer Hase mit Gewalt zwingen wollen, nicht länger Toleranz zu predigen, sondern sein „nationales und religiöses Erbe“ zu beschwören. Stephanie Schönfeld und Silvia Weiskopf veranstalten als gemeingefährliche Clowns böse Spiele mit einem Rollstuhlfahrer und entpuppen sich als rechtsextreme Schläger. Martin Reik als verarmter Sultan will vom begüterten Nathan feindselig wissen, wie der Reichtum in einer Welt mit dem „Gestank von Benzin und verbrannter Haut“ eine Tugend sein könne. Der Jude hingegen verteidigt weiterhin die Gleichheit aller Menschen und setzt reflexhaft zur berühmten Ring-Parabel an, obwohl sie keiner mehr hören will.
Aus den diskursiv fordernden Fragmenten in Christian Lollikes Stück, das höchstens mit Fragen Antworten riskiert, wird in Alexander Maruschs Regie eine leichthändig anregende Komposition über Ängste, Katastrophen und gescheiterte Hoffnungen. Sehr zum Lachen, wenigstens im Theater.