07.04.2008 · Leben? Unmöglich. Zwei Dramen, ein Befund. Zwei Haltungen, ein Vergleich. Der alte Peter Zadek inszeniert im Hamburger St. Pauli Theater Pirandellos „Nackt“, der junge Michael Thalheimer im Thalia Theater Shakespeares „Hamlet“.
Von Gerhard StadelmaierSie sind zwar Jahrhunderte auseinander, aber Geistes- und Geisterzwillinge: Ersilia, Jahrgang 1922, stammend vom Dramatiker Luigi Pirandello, und Hamlet, Jahrgang 1603, stammend von William Shakespeare. Zwei junge Menschen um die zwanzig. Beide fragen sich dauernd: Wer bin ich? Und als sie sich das genug gefragt haben, sterben sie sehr rasch. Begraben unter Masken. Die sie sich eine um die andere aufs Hirn und auf die Seele gedrückt hatten, um in der jeweiligen Maske das Leben zu finden - und darunter zu ersticken.
Ersilia, Gouvernante beim italienischen Konsul in Smyrna, verlobt mit einem Kapitänsleutnant, der sie verlässt, nachdem er sie in sein Bett gekriegt hat, schläft mit dem Konsul, der, verheiratet mit einer dürren, langweiligen Konsulin, das resche Kindermädchen bedrängt, das kein Aufsichtsauge mehr für das Konsultöchterchen hat, das über den Balkon klettert und sich zu Tode stürzt, worauf Ersilia aus dem Haus fliegt, sich prostituiert, Hotelrechnungen nicht bezahlen kann, Gift nimmt, ins Krankenhaus kommt, ihre Geschichte, dass sie sich deshalb hat umbringen wollen, weil ihr Verlobter sie verließ, einem Journalisten verkauft, dessen Artikel, der auf Ersilias Lüge basiert, ein Schriftsteller liest, der Ersilia zu sich in seine leicht verkommene Schriftstellerklause holt - um einen Roman aus ihr zu machen. Wozu er das Mädchen gar nicht braucht. Seine Phantasie bastelt aus ihr ein Wesen, das er gleichsam aus ihr herausholt, das sie aber gar nicht ist. Er formt es zu einer Maske, einer Ganzseelenhaut aus Autorenpapier, die er ihr überzieht. Der Literat als Lebensaussauger.
Vampir in Schriftstellergestalt
Im Hamburger privaten St. Pauli Theater, einem der schönsten Plüschschmuddelschuppen der Nation, wo der über achtzigjährige Peter Zadek, einer unserer entspanntesten und lockersten ewigen Jungregisseure, von langer Krankheit genesen, Luigi Pirandellos Stück „Die Nackten kleiden“ (Vestire gli ignudi) unter dem zwar reeperbahngemäßeren, aber sonst nichts weiter zeitigenden Titel „Nackt“ inszeniert, trägt der Vampir in Schriftstellergestalt das allergemütlichste Embonpoint, Jackett, Krawatte und die leicht angefettete zynische Wurstigkeits- und Genervtheitsmiene des Schauspielers Friedrich-Karl Praetorius, der vor blätternden Tapeten, lustigen Bücherwänden und schmutzigen großen Fenstern, die Karl Kneidl gebaut hat, das Mädchen, das er sich da ins Haus geholt hat, umschwirrt wie ein etwas fülliges, schlaff brummnölendes, rüsselhängendes Insekt.
Und Annett Renneberg im taubenblauen gegürteten Kleid und einem abenteuerlichen Hütchen ist eine derart porzellanpuppenhaft naive, rührende und unberührbare Ersilia, dass man kaum begreift, was die beiden voneinander wollen könnten: dass er ihre Geschichten braucht, um überhaupt schreiben, um seinem Vampirismus ein bisschen Blutzufluss verschaffen, dass sie ihre Geschichten erzählt und erfindet, um überhaupt überleben zu können. Es gibt hier nichts Dringliches. Nur ein einziges großes Nebenbei.
Er guckt dem Leben zu
Straßenlärm dringt durchs Fenster. Die Zimmerwirtin des Schriftstellers, Frau Onoria, winkt mit Lauchstangen, ein italienischer Volkssänger schlenzt über die Szene, Bühnenarbeiter räumen Wände ab. Zadek macht hier eigentlich gar kein Theater. Er setzt nicht dem Leben szenisch eins drauf. Er guckt dem Leben zu. Und die Bühne ist ihm dazu nur ein Mittel.
Der dramatische Philosoph Pirandello, dessen Stücke aus dem Schein die Wirklichkeit und aus der Wirklichkeit den puren Schein destillieren, latscht hier in der Sphäre der Wohnküche auf Pantoffeln über den leicht abschüssigen Boulevard. Es ist urgemütlich, liebevoll, hübsch vermieft. Der alte, lebens- und theatersatte, aber immer noch wunderneugierige Regisseur legt die Füße aufs Sofa und sagt zum kleinen Mädchen Ersilia: Nun zeig mir mal, warum du sterben willst. Und es sieht so aus, als freue er sich geradezu diebisch auf die Antwort.
Alles wird gnadenlos verwertet
Als staune er, als Annett Renneberg ihm sanft und beharrlich und fast panisch vernünftig vorspielt, dass ihre Ersilia sterben will, damit sie einmal in ihrem Leben zu sich kommen kann, einmal die wahre Maske, das wahre Seelenhabit sich überziehen, einmal die eine der sieben neutestamentarischen Werke der jesuanischen Barmherzigkeit (Matthäus 25, 34-36) wenigstens an sich selber vollziehen kann: die Nackten kleiden. Denn ihr vorgeblicher Selbstmord, ihr totes Leben, ihre ausgebeutete Liebe, ihre Lebenslügen wurden von einer Gesellschaft gnadenlos nur verwertet: vom Konsul sexuell; von ihrem Verlobten schwärmerisch, der sich ihr jetzt, wo er in der Öffentlichkeit als Schurke dasteht, reuig zu Füßen wirft; vom Schriftsteller literarisch. Und über all das kann Ersilia nur lächeln. Sterbend.
Ein paar Kilometer stadteinwärts, im Hamburger Thalia Theater, ist es gerade umgekehrt. Dort inszeniert Michael Thalheimer, halb so alt wie Zadek, Shakespeares „Hamlet“. Wo Zadek mit der jungen Frau, die sich aus der Welt der anderen buchstäblich verrückt, um sich selbst zu finden, eine unendlich lässige Geduld hat, da setzt Thalheimer den jungen Mann Hamlet sofort unter den ungeheuren Druck einer völlig verrückten Welt. Der Regisseur legt hier nicht die Füße hoch, sondern sich gnadenlos ins Zeug. Er weiß nicht weniger als die Figuren (wie der alte Zadek), er weiß sofort alles über sie. Zadek lauscht einem Stück das Leben ab, Thalheimer treibt ihm das Leben aus.
Sie haben alle Sprachverstopfung
Auf Henrik Ahrs leerer, schwarzer Thalia Bühne sitzen die Königin, Hamlets Mutter, die ihren Schwager, den Mörder ihres Mannes, ins blutschänderische Ehebett lotste, sitzen der Staatsrat Polonius, dessen Tochter Hamlet liebt, sitzen Ophelia und Hamlet und der Mörderonkel Claudius, der jetzt König ist, auf einem Holzpodium und schweigen sich minutenlang an. Sie haben alle Sprachverstopfung. Dann gleich darauf aber heftigsten Sprachdurchfall. Der König, ein geiles Nervenkasperbündel, der es mit der wuscheligen Königin überall gerne treibt, probiert jaulend die Krone auf, Polonius ist eine Zwangsgrimassencomedymischung aus Louis de Funès, Mr. Bean und Jerry Lewis, die Königin nymphoman, Ophelia ein knicksendes Ohrfeigen-Girlie mit Schrei-Attacken und roten Luftballonherzen. Man stottert, wenn man nicht kreischt. Man tobt, wenn man nicht gelähmt sitzt.
Der Geist von Hamlets totem Vater, der den Sohn zur Rache an der Gesellschaft mahnt, die gerade den Mord und dessen Folgen lustmolchend und sauigelnd verwertet, tritt splitternackt mit Helm und Schwert auf. Die Totengräber und der Chronist Horatio, Hamlets Freund, sind gestrichen, die Schauspielertruppe, die den Onkel-König mit einem Puppenspiel konfrontiert, das Hamlet inszeniert und in dem der giftträufelnde Brudermord unter Königsbrüdern entlarvt wird, ist hier allein besetzt mit einem offenbar schwer behinderten Puppenspielakteur im Rollstuhl: Signet einer völlig verrückten, verkrüppelten, künstlichen, gelähmten Leb- und Lieblosigkeitswelt, die nach fünf Minuten derart fix und fertig ist, dass sie gar keine zweieinhalb Stunden weitergehen müsste. Wo man bei Zadek immer noch wartet, was kommt, da hat man bei Thalheimer gleich gesehen, was immer war. Der alte Regisseur ist offen, der junge zu.
Keinen Ausweg als in den Tod
Ersilia hätte bei Zadek immer auch noch die Chance haben können, mit irgendeinem der Herren, mit dem wurstigen Praetorius-Schriftsteller oder dem silberhaarigen Harmloslüstling des Friedhelm Ptok, der den Konsul spielt, oder mit dem Verlobten-Dandy im weißen Anzug, der sie in der Wahnwitzanmaßungsgestalt von Nikolai Kinski gaumig und reuegeil umwirbt, durchzubrennen zu neuer Lust und unverschämter Liebe, wobei die Herren schon auch mal in ein Revuetänzchen ausbrechen, die Hüte vaudevillehaft vertauschen oder in ein Wurstbrot beißen. Aber Annett Renneberg lässt dieser Frau, der Zadek alle Freiheit gibt, keinen anderen Ausweg als in einen zärtlichen Tod: im Stehen. Augen zu - und weg. Doch könnte, wenn es wollte, in Zadeks Theater dieses seltsame Mädchen ewig leben und lieben.
Bei Thalheimer hat Hans Löw als Hamlet im schwarzgrauen, durchsichtigen Pulloverhemdchen in dieser völlig durchgeknallten Fix-und-fertig-Welt von vornherein keine Chance als den Tod. Er steht meist frontal an der Rampe und guckt schwer und traurig ins Publikum. Man sieht einen hoffnungslosen, lustlosen, leblosen, ins geschlossene Kunstwelt-Korsett gepressten Melancholiker. Den Kampf mit vergiftetem Degen am Ende ficht er als lächerliches Kling-Klang-Getändel mit dem Glatzkopf Laertes aus. Es hätte dessen gar nicht mehr bedurft. Der Bub ist längst schon tot. Darf aber nicht sterben. Am Ende sitzen alle Toten wieder pumperlneurotisch an der Rampe und glotzen stumm ins Publikum. Und müssen, auch wenn sie nicht wollen, ewig weitersterben in Thalheimers Welt.
Zadeks altes, lässiges Lusttheater lächelt: Es ist schade um die Menschen. Thalheimers junges, verbissenes Konzepttheater knurrt: Die Menschen sind ein Schaden. Das ist schon ein Unterschied.
Die Qualität von Herrn Stadelmaiers Kritiken
Oliver Karbus (okarbus)
- 17.04.2008, 22:28 Uhr