03.01.2005 · Der Weltenbrand verdrängt das Psychodrama: Das Theater begibt sich mit Botho Strauß, Luc Bondy, Zadek, Castorf und anderen auf die Schlachtfelder der Gegenwart, die blutig sind und Moral verlangen.
2004 war das Jahr, in dem alle durchatmen durften - 2005 wird das Jahr, wo der Weltenbrand das Psychodrama verdrängt. Im alten Jahr durften sich alle noch mal über Konservatismus, Regietheatertum und Schlingensieferei streiten, jetzt geht es zu den Schlachtfeldern der Gegenwart, die blutig sind und eine Moral verlangen, wie sie das Theater zu liefern gewohnt ist; selbst wenn sie von Botho Strauß in Worte gepackt wird, die so entflammbar sind wie Marmor: „Aber das Furchtbare ist: ich sehe meine Spur nicht. Ich finde sie nicht. Nicht vor, nicht hinter mir.“
Also macht er sich auf, von den Gemeinplätzen unserer Tage („Die eine und die andere“, am 27.1. in München, Regie Dieter Dorn, und im März am BE, Regie Luc Bondy) zu den Sümpfen der Vergangenheit - „Schändung“ heißt die Shakespeare-Paraphrase, in der Strauß „Titus Andronicus“ für uns verschlüsselt (im Juni am BE, Regie Claus Peymann).
Pause für Tschechow und Strindberg
Was dem einen sein Strauß, das ist dem anderen sein Mayenburg, deshalb macht die Schaubühne die gleiche Schere von Shakespeare und Seelendrama auf, mit dem Unterschied, daß auf „Troilus und Cressida“ (25.2., Regie James Macdonald) das Reisedrama „Turista“ folgt, bei dem die heimatlichen Schrecken im Ausland auf die Spitze getrieben werden (im Juni, Regie Luk Perceval). Die Tschechows und Strindbergs dieser Welt dürfen für ein paar Monate Pause machen, nur Zadek tut es noch („Totentanz“, im Mai, Wiener Festwochen) und Andrea Breth („Kirschgarten“, im April, Burgtheater).
Sonst gehen die Regiemeister aufs Große zu: Johan Simons macht „Fort Europa“ (Wiener Festwochen im Mai) und die „Zehn Gebote“ (München im Februar), Frank Castorf gibt sich „Schuld und Sühne“ (Wiener Festwochen im Mai), Martin Kusej schlägt sich mit Grillparzer herum (Salzburg im August). Nur Christoph Marthaler läßt weiter singen. Aber Shakespeare ist der Stock, an dem wir gehen.