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Theater Nathan der Feiste

09.09.2004 ·  Lessings gottlose Wohlstandskinder: Klaus Maria Brandauer und anderen geht's einfach zu gut im Wiener Burgtheater. Dessen „Nathan der Weise“ ist die erste Untat der neuen Theatersaison.

Von Gerhard Stadelmaier, Wien
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Es gibt Theaterstücke, die sind wie Geschenke, die dauernd ausgeschlagen werden. Im Falle von Gotthold Ephraim Lessings "Nathan dem Weisen" aus dem Jahr 1779 zum Beispiel, einer der merkwürdigsten und schwierigsten und rührendsten dramatischen Wundergaben, wurde fast noch nie das Geschenk der Hauptrolle akzeptiert. Immer nur das der Titelrolle. Diese stellt einen jüdischen Kaufmann des zwölften Jahrhunderts, Zeitalter der Kreuzzüge, vor, "die Szene ist in Jerusalem". Die Hauptrolle aber spielt ein anderer.

Dem Titelrollen-Juden wurden einst Frau und sieben Söhne durch ein Christenpogrom getötet, worauf der Jude ("Und doch ist Gott!") ein Christenmädchenbaby vorm sicheren Tod rettet, es als seine eigene Tochter aufzieht, die von einem Tempelherrn, einem wüsten christlichen Kreuzritter, geliebt wird, der vom muslimischen Sultan Saladin, der den jungen feindlichen Mann schon köpfen hat wollen lassen, im letzten Moment begnadigt ward, weil des Burschen Gesichtszüge den Muselherrscher an seinen toten Muselbruder erinnerten, der, verheiratet mit einer Christin, wie sich herausstellt, auch der Vater des vom Juden aufgezogenen Mädchens war - so daß am Ende alle, alle eine Familie sind. In dieser Familie behalten freilich die Muslime, das sind der Sultan, dessen Schwester Sittah, der Tempelherr als Sultansneffe und die Judentochter als Sultansnichte, die Oberhand.

Verliebte Deppen oder Terroristen

Die ganzen und die halben Christen aber sind entweder gefährliche, verliebte Deppen wie der Tempelherr, der wegen verschmähter Liebe den christenmädchenerziehenden Juden beim Patriarchen von Jerusalem anzeigt, oder Terroristen wie der Patriarch, der den Nathan ("Tut nichts, der Jude wird verbrannt!") gerne meucheln würde.

Die Juden aber sind die Arrangeure: Nathan entdeckt mittels eines Büchelchens, das der Klosterbruder, der Gehilfe des Patriarchen, ihm zusteckt, daß seine Recha und der Tempelherr Geschwister und der Sultan und Nathans alter, im Kampf gefallener Freund Brüder sind. So fügt sich alles in dieser philomuslimischen Familienkomödie aus der Feder eines Christen aufs glücklichste, der allerdings dem Juden in der berühmten Ring-Parabel das in den Mund legt, was er selber von Religion hält, einer Religion, in der, "ob Jud', ob Christ, ob Muselmann", nicht Offenbarung und Orthodoxie, sondern nur die Praxis der "vorurteilsfreien Liebe", tätigen Güte und freundlichen Rücksicht zählt.

Nathan spielt nicht die Hauptrolle

Und genau hier liegt der Punkt, an dem Lessings Geschenk für gewöhnlich ausgeschlagen wird. Nicht allein dadurch, daß alle Titelrollenschauspieler und ihre Zuschauer und Kritiker bisher immer sofort zu begreifen hatten, daß natürlich die Welt außerhalb des Theaters keineswegs von Liebe, Güte, Rücksicht und Toleranz strotzt, daß Religionen und ihre Kämpfer, vor allem die muslimischen zur Zeit, die jeweils anderen bis aufs Terror- und Schwachsinnsblut bekämpfen, daß Kriege und Zerstörung und Intoleranz herrschen, daß in Palästina, Nordirland, Irak, Afghanistan und so weiter und so fort und lirumlarum ..., sondern auch dadurch, daß Nathan von Spielvogtshand schon mal ins KZ oder hinter Stacheldraht gesteckt ward und man sich im Jerusalem von damals das Auschwitz von gestern mitzuinszenieren mühte und man immer mit der Lessings-Wurst nach allen möglichen Aktualspeckseiten warf, schlägt man Lessings Geschenk aus. Denn Nathan spielt nicht die Hauptrolle.

Die Hauptrolle spielt, ob die Theater wollen oder nicht, ein größerer: Gott, der Füger der Menschendetails zu einem gottsallmächtigen Theaterbild, in dem passieren kann, was will - am Ende wird alles gut, ordnet die Vorsehung die Zufälle als Notwendigkeiten, die Angriffe als Umarmungen, die Intrigen als Wunder, die Feinde als Familie. Obwohl der letzte Vers des dramatischen Gedichts aus dem Munde Saladins, gerichtet an den Tempelherrn: "Er wußte was davon, und konnte mich / Zu seinem Mörder machen wollen! Wart!" lautet und also eine der möglichen Katastrophen in der Rückschau noch einmal aufblitzen läßt, lautet doch der Hauptsatz: "Und doch ist Gott!" Und der Dramatiker ist der Obergott, der dem Gott der Vorsehung gebietet und ihn leitet - und ihn so beweist.

Fürchtet euch nicht, ich bin da

Der Skandal "Nathan des Weisen" liegt nicht darin, daß da drei Religionen als gleich gut vorgeführt werden. Der Skandal liegt darin, daß das Stück sich auf etwas Allmächtigeres, Tolleres, Wunderbareres verläßt, als es selbst je zu dichten vermöchte: Der Verdichter sitzt nicht in den Versen - sondern darüber. Und sagt: Die Welt ist gut. Fürchtet euch nicht, ich bin da. Egal, was passiert.

Ein Märchen. Ein Wahnsinn. Eine Tollheit. Also: Wer den "Nathan" inszenieren will, muß glauben. Oder verzweifeln. Man muß das alles so ausführlich bedenken, wenn man seit Jahren "Nathan dem Juden", "Nathan dem Kaufmann", "Nathan dem Antifaschisten", "Nathan dem KZ-Opfer", "Nathan dem Palästinenser", "Nathan dem Versöhner", "Nathan dem Komiker", "Nathan dem Tochtergeilen", also all jenen verbrauchten Aktualitäten- und Zeitgeist-Nathans, zuguckt.

Bond, Nathan Bond

Wie aber erst jetzt, wo im Wiener Burgtheater Klaus Maria Brandauer à la "Mein Name ist Bond, Nathan Bond!" die Szene betritt, den jüdischen Gebetsschal lässig wie ein Accessoire im Hosengürtel baumeln lassend. Mit wohligem Grinsen küßt er die Sperrholzwand seines Sperrholzhauses, das aus dem Fundus, Abteilung "Vorderer Orient", kommt. Aber auch mit der christlichen Gesellschafterin Daja der altfeschen Barbara Petritsch tauscht er ein paar Busserl und Knutscherl.

Den Mantel des Tempelherrn, der einen Brandfleck davontrug, als der junge Mann die Tochter des Juden aus dessen brennendem Haus rettete, zerrt er wie mit gierigen Krallen zur Rampe, um den Brandfleck dort im Angesicht besserer Scheinwerfer ausgiebiger küssen zu können. Dem Sultan tätschelt er die Wange ebenso wie dem Derwisch Al Hafi. Aber nach jedem dritten Wort macht er eine Kunstpause, als müsse er sich überlegen, ob er jetzt überhaupt weitermache oder lieber den Weg in die Kantine oder zur Autogrammstunde antrete.

Für ihn viel zu gut

Im übrigen plappert er so nuschelig-eitel und sülzend, als wäre Lessings großer Text mit seinen herrlichen Stellen (die alle von Gott handeln) für ihn viel zu gut. So daß Brandauer sich mit bübischem Grienen wie unter einem über ihm hin- und herschwingenden Punchingball wegzuducken scheint. Und wenn der Punchingball genau über ihm ist, dann reckt er sich ein bißchen höhnisch, steckt die Hände in die Hosentasche und hudelt die Ring-Parabel herunter, als habe er sie gerade auf seinem Garderobentisch auf einem Fetzen Papier gefunden. Brandauer spielt nicht den Nathan - und schon gar nicht hinauf zu Gott. Er macht sich in einem schamlosen schmieranten Akt selber zum Götzen. Startheater als Gotteslästerung, feist, fett und selbstgefällig.

Und im Sperrholz-Stadttheater-Jerusalem der Bühnenbildnerin Jane Joyet schlenzt der Saladin des Wolfgang Michael so nölig, so gelangweilt matt und ölig durch seinen Part, hockt sich die herrlich im Orienthosenanzug pludrig kostümierte Sylvie Rohrer als Sittah so neben ihre Rolle, springt der Tempelherr des Dietmar König so sehr wie ein alleingelassener Gummilöwe auf der Stelle, verschwendet Mareike Sedl als Recha die Süße ihrer begabten Ekstasen so sehr in die Groschenheft-Hysterien einer Pubertierenden, stehen alle in Lukas Hemlebs Nichtinszenierung so sehr einfach nur herum, haben nichts miteinander, nichts mit Politik, Gewalt oder Macht, nichts mit Lessing und schon gar nicht mit Gott zu tun oder lassen sich einfach von Brandauer mal in die eine, mal in die andere Ecke zerren, daß es ausschaut, als wären sie allesamt geistig verfettet, bewegungs- und gedankenlos. Lessings gottlose Wohlstandskinder spielen göttliche Komödie. Die erste Untat der neuen Saison.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2004, Nr. 211 / Seite 37
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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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