28.08.2006 · Sie wirbelt als Brechts „Mutter Courage“ durch den New Yorker Central Park. Doch Meryl Streeps überschäumendes Talent ist zu wild und die neue Übersetzung zu schwach: Warum man Brecht nicht aufplustern sollte.
Von Jordan Mejias, New YorkMeryl Streep ist ein schauspielerisches Wunder. Im Film und auf der Bühne ist sie heute in Amerika konkurrenzlos. Sie kann alles. Und damit steht sie sich in ihrem längst legendenreifen Verwandlungsfuror bisweilen selbst im Weg. Etwa in der Hauptrolle von Bertolt Brechts epischem Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“. Davon gleich mehr, aber um von Streep auf Brecht zu kommen, reden wir erst einmal über Shakespeare.
Seit einem halben Jahrhundert gehört Shakespeare zur sommerlichen Kultursaison im Central Park. Unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt, der allerdings mit langem, gelegentlich nächtelangem Schlangestehen zu bezahlen ist, werden in der Regel eine Tragödie und eine Komödie gegeben. Nicht aber in diesem Jahr.
Drama als Spiegel der Realität
Amerika, so wird den Amerikanern von ihrer Regierung Tag für Tag eingebleut, befindet sich im Krieg. Die Leitung des nichtkommerziellen Public Theater, das für „Shakespeare in the Park“ verantwortlich ist, hat sich den Hinweis aus Washington zu Herzen genommen und läßt den Krieg auch auf der Bühne stattfinden. Zuerst mit Shakespeare: nicht mit einem seiner Rosenkriegsdramen, sondern mit „Macbeth“, zeitnah gedeutet als Geschichte eines verhaltensgestörten Herrscherpaars in Kriegszeiten. Im kommenden Monat bringt das Public Theater erstmals ein zeitgenössisches Stück, David Hares „Stuff Happens“, in dem Bushs Irak-Krieg ganz direkt zur Sprache kommt, als Lesung in den Park.
Dazwischen aber gehört Brecht die Freiluftmuschel des Delacorte Theater, wobei sein fünfzigster Todestag, der am Broadway schon mit einer trostlos verunglückten Version der „Dreigroschenoper“ hintergangen wurde, sicher nicht ungelegen kommt. Wer nach einem Antikriegsstück sucht, muß aber zwangsläufig auf „Mutter Courage“ stoßen. Vor gar nicht langer Zeit war sie schon beim Classic Theater of Harlem aufgetaucht, in Habitus und Gewand unerbittlich aktualisiert. George C. Wolfe, einer der zeitgeistig reizbarsten amerikanischen Regisseure, verlegt nun die Handlung in ein anachronistisch beackertes Niemandsland, um dem Stück Neues über den gegenwärtigen Stand der Welt zu entlocken.
Falscher Ton in neuer Übersetzung
Auch Wolfe hat aber vor allem Altes aus der einfach zu unumstrittenen und unbestreitbar einfachen Wahrheitstiefe des Dramas auf die Bretter gefördert. Höchst geräuschvoll buchstabiert er die Lehrstücksformel vom Allesfresser Krieg nach, für den selbst die schlaue Marketenderin nicht schlau genug ist. Was dem Publikum im Central Park immer noch manchen Szenenapplaus für aktuelle Bezüge wert ist. Ruhigen Gewissens läßt es sich indes behaupten, daß die Leute nicht die Nacht im Schlafsack vor dem Theater verbringen, nur um am nächsten Abend naturgemäß erschöpft Antikriegsparolen lauschen zu können.
Endlose Menschenschlangen haben die Vorstellung zum Event sensationalisiert, wie es die Stadt so unverbesserlich liebt. Angesichts der allabendlichen Herausforderung, einen der knapp zweitausend Plätze zu ergattern und Meryl Streep live zu genießen, dazu als Beilage noch einen in der Rolle des Kochs unterbeschäftigten Kevin Kline serviert zu bekommen, lassen die New Yorker jede weltstädtische Zurückhaltung fahren. Nur kulinarisches Star-Theater ist es aber auch wieder nicht, was ihnen da im Central Park blüht. Immerhin hat Tony Kushner, politisch wach und hellhörig wie kein anderer amerikanischer Dramatiker, eine neue Übersetzung erstellt und damit den Ton der Inszenierung festgelegt. Vom Ton aber hängt alles ab, wo die Botschaft ohnehin im Einvernehmen versickert.
Brecht als Komiker
Kushner dreht zunächst einmal mächtig auf. Nannte Brecht in seinem lakonischen Idiomkonstrukt die Tochter der Courage noch ganz schlicht „keine einnehmende, sondern eine anständige Person“, heißt es jetzt bei Kushner neobarock aufgeplustert: „She isn't comely, she's stay-at-homely, and I don't want clergy sniffing up my daughter.“ Statt lehrstückhafter Askese macht sich ein unterhaltsamer Umgangsjargon breit, der runtergeht wie der allseits geschätzte Schnaps. Aus der stilisierten Satire läßt Kushner, vom Publikum dankbar quittiert, immer wieder die Lachnummer krachen.
Der Ungehorsam vor dem Stückeschreiber ist damit nicht erschöpft. Noch in der mehrfach gebrochenen Distanz von Brechts Theater wittern Kushner und Wolfe die Gelegenheit, eine Story in landestypisch emotionalem Drive zu entwickeln. Wolfe meint, mit dem Verfremdungseffekt sei es heutzutage vorbei, weil die TV-Zapperei ohnehin das Publikum im distanzierten Betrachten geschult habe. Also versetzt er das Illusionstheater mit Elementen der Sitcom, die es ihm erlauben, die kühle Seelenanalyse zu umgehen und dafür, ohne gleich im „method“-Fieber zu erglühen, die Seelenvereinigung von Bühnenfigur, Schauspieler und womöglich sogar Zuschauer zu betreiben.
Sagenhafte Verschwendung
Bei Meryl Streep ist die Lage komplizierter und zugleich viel einfacher - wie bei einem Vulkanausbruch nicht anders zu erwarten. Als Gegenentwurf zu der eisigen Modetyrannin, als die sie in „Der Teufel trägt Prada“ zur Zeit in amerikanischen Kinos die Temperatur senkt, steht ihre Mutter Courage drei Stunden lang in Flammen: megaspektakulär, aber nie gefährlich. Über nervösen Lachkaskaden, über Textdurchquerungen jenseits des Tempolimits, über Jackengezoppel, Militärmützengefummel und Knobelbechergestampfe, über all der hyperaktiven Energieentladung vergißt sie, den Kern der Figur freizulegen. Wir müssen uns mit einer derb röhrenden Unternehmerin aus einem Proloviertel von Brooklyn zufriedengeben, die auch ihre Erfahrung als Stand-up Comedian gern einbringt, bis hin zur Slapstick-Einlage. Genug Material für zehn Bühnenfiguren schleudert Meryl Streep aus sich heraus, läßt es aber ungenutzt herumliegen. Eine sagenhafte Verschwendung.
Zu allem Überschwang liefert sie auch noch die eingängig verzwickten Songs, die nicht von Paul Dessau, sondern von der Imitationsvirtuosin Jeanine Tesori stammen, mit einem Aplomb ab, um den sie jede Broadway-, Country- und Pop-Diva beneiden müßte. Sie kann wirklich alles. Ihr überschäumendes Talent hätte jetzt nur noch einen Regisseur gebraucht, der es bändigt. Wolfe hat das gar nicht erst versucht. Aus Berechnung? Denn mit ein bißchen verdrehter Dialektik läßt sich die wahnwitzig übertourte Darbietung auch anders begreifen. Meryl Streep, die hier ja keine Figur darstellt, vielmehr Darstellungsformen für eine mögliche Figur in einem spieltechnisch irren Superluxusgemisch zur Schau stellt - könnte sie am Ende die Erfüllung aller Brechtschen Verfremdungsphantasien sein? Die Courage der Streep und die Streep als Courage: ein einziger, riesiger, atemberaubender V-Effekt?