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Theater Mit dem Löwenmut der Liebe

21.12.2006 ·  Shaws Stück „Androklus und der Löwe“ war jahrzehntelang aus dem deutschen Theaterrepertoire verschwunden. In München bringt Dieter Dorn nun seine eigene Fassung auf die Bühne. Er macht eine weihnachtliche Friedensutopie daraus.

Von Renate Schostack
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Auf der Bühne des Münchner Residenztheaters ist der Löwe los. Er ist nicht verwandt mit den blümchenbedruckten, mit kitschigen Accessoires gezierten bayerischen Wappentieren, die zwei Jahre lang Isar-Athen verunstalteten (und jetzt entsorgt werden). Er ist ein goldstarrendes ostasiatisches Schreckenstier mit gelb blinkenden Augen, klimpernden Wimpern und scharlachroter Zunge. Sein Fauchen und Brüllen, Säuseln und Schnurren wird von einer wunderbaren Band live gespielt. Der Löwe ist ein Symbol des Friedens, den bekanntlich nur Stärke garantieren kann.

George Bernard Shaws Stück „Androklus und der Löwe“ spielt zur Zeit der Christenverfolgungen im alten Rom. Dem irischen Skeptiker und Moralisten waren Urchristentum und Offenbarungsglaube herzlich egal. Indessen, seine hundert Seiten umfassende Vorrede zu dem Stück kann als Plädoyer für den Gutmenschen Jesus und die Werte des Christentums, auch als Antwort auf die vulgarisierte Bibelkritik seiner Zeit und die modische Freidenkerei im Gefolge Nietzsches gelesen werden. In seiner 1913 uraufgeführten, als Märchen deklarierten Komödie sind die Christen keine Heuchler, Schwächlinge oder Schwärmer, sondern mit Verstand, Gefühlen, Sinnen ausgestattete Menschen.

Der reine Raum des Märchens

Dieter Dorn, der das Stück, nachdem es jahrzehntelang aus dem deutschen Repertoire verschwunden war, wieder auf die Bühne bringt, folgt darin seinem Autor auf dem Fuß. Doch er geht noch einen Schritt darüber hinaus. Er macht aus der Vorlage eine weihnachtliche Friedensutopie. Daß er dabei die Welt, wie sie ist, nicht aus den Augen verliert, zeigt der Auftakt seiner Inszenierung. Da flimmern für einige Momente Videoclips über die Bühnenwände, die kommentar- und pointenlos Bilder aus der Welt heutiger, wahrhaftig nicht miteinander in Frieden lebender Religionen zeigen. Dann senkt sich ein Tuch aus dem Bühnenhimmel, die Welt wird leer, der reine Raum des Märchens tut sich auf. Dorn, der hier sein eigener Bühnenbildner ist, braucht dafür keine Kulissen.

Das Vorspiel zeigt ehelichen Unfrieden. Der vom Trunkenbold zum Christen bekehrte Schneider Androklus ist mit seiner passend Megära genannten Frau unterwegs. Ein verletzter Löwe begegnet ihnen. Michael Tregor mit seiner unverwechselbar belegten Stimme, der sich mit dieser Rolle vollends ins Herz des Publikums schmeicheln dürfte, spielt das kindliche Männlein mit dem großen Herzen, das für alle Tiere schlägt, als sei er der heilige Franziskus persönlich. Mutig zieht er dem Untier einen Dorn aus der Tatze. Der Löwe, von zwei Spielern der Kung Fu Academy in Berlin virtuos bewegt, umtanzt, umarmt das zu Tode erschrockene Schneiderlein, nimmt sogar seinen Kopf ins Maul. Von jetzt an kann nur alles gut werden.

Tod im Kolosseum

Von Dorn, dem Meister der Massenchoreographie, aufs schönste bewegt, kommen in gewaltigen Scharen, wie sie nur ein gut ausgestattetes Staatsschauspiel in Marsch setzen kann, die Christen daher, alte, junge, Frauen und Männer, alles Charakterköpfe, alle individuell gewandet und mit ihren Koffern ein Sinnbild der Vertriebenen unserer Zeit. Ihrem Tod im Kolosseum gehen sie bei allem durchaus sichtbaren Schmerz so gefaßt und sogar scherzend entgegen, daß die römischen Bewacher fast dahinschmelzen. Ihre Sprecherin ist Lavinia, die Lisa Wagner als kessen Teenager und doch mit kindlich anrührender Todesbereitschaft spielt. Thomas Loibl ist der römische Hauptmann, dem gegenüber sie nicht ohne erotisches Gefunkel ihren Glauben verteidigt.

Weitere Protagonisten der Verfolgten sind der Grobschmied Ferrovius und der einstige Lüstling Spintho. Oliver Nägele macht aus dem zwischen seinem Glauben und seiner blutrünstigen Natur hin- und hergerissenen Haudegen eine hinreißend komische Nummer. Bevor er richtig loslegt, darf er schon mal einen frechen, die Christen verhöhnenden Römer in den Schwitzkasten nehmen, daß das junge Herrlein jammernd in die Knie geht. Und Stefan Wilkening ist ein so süchtig nach dem Martyrium wie das Kind nach dem Wurstzipfel schnappender Ex-Liederjan, daß er wie ein Zappelphilipp heulend und jauchzend geradewegs in den Rachen des Löwen stürzt.

Friede, Liebe, Löwentanz

Während sich zu den Klängen martialischer Zirkusmusik die Gladiatoren zum Kampf aufwärmen, erscheint Cäsar, den Rudolf Wessely als gefährliches Großväterchen mit Zipperlein spielt. Aus den Türen, durch welche die Christen in die Arena getrieben werden, dringt grelles Licht und grauenhaftes Gebrüll. Dann Stille. Blutige Wannen werden über die Bühne geschleift. Cäsar taumelt aus einer Loge, begeistert. Ferrovius, mit dem der Gaul seiner Natur durchging, hat sechs Gladiatoren auf einmal erledigt. Er wird in die Prätorianergarde aufgenommen, alle Christen werden begnadigt bis auf einen, denn noch fordert der Löwe seinen Tribut. Androklus ist zum Löwenfutter ausersehen.

Man ahnt, was kommt. Sein Löwe erkennt ihn. Der Rest ist Friede, Liebe, Löwentanz. Zu guter Letzt muß dem hochnäsigen Cäsar, der sich als Löwenbezwinger fotografieren läßt, nach einer Jagdszene, die sich gewaschen hat, noch ein Stück von der Toga abgebissen werden. Wenn am Ende Kaiser und Schneider brüderlich vereint den Löwen kraulen, darf man auch an Goethes „Märchen“ denken - Dorn nennt es als eine seiner Inspirationsquellen -, in dem die Stärke eines Löwen durch die Liebe eines Kindes überwunden wird.

Statt des Kampfes der Kulturen also friedliche Koexistenz. Keinem Religionsgründer wird der Kopf abgehackt. Androklus widerstand der Versuchung, Jupiter Weihrauch zu opfern, Ferrovius kehrt zu seinem alten Marsglauben zurück; Lavinia wird noch manches Glaubensgespräch mit dem schönen Hauptmann führen, und um Spintho, den Vestalinnen-Vergewaltiger, ist es nicht schade. In einer Zeit, da ein Karikaturenstreit mit religiösen Nebentönen fast einen Weltenbrand verursacht, ist Dorn ein zauberhaftes Kunststück gelungen: Religion und Komik poetisch zu versöhnen.

Quelle: F.A.Z., 21.12.2006, Nr. 297 / Seite 31
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