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Theater Liebe der Lebenswürmer

26.07.2005 ·  Ein Triumph: Ödön von Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ werden in Salzburg unter der Regie von Barbara Frey zu Geschichten aus dem Dschungel, in dem bestialische Menschen weniger Bestien als Menschen sind.

Von Gerhard Stadelmaier, Salzburg
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„Jetzt kann ich nicht mehr -“: Darum geht dieses Stück. Diesen Satz sagt Marianne am Ende. Und es geht um den Gedankenstrich nach dem „mehr -“. In diesem Gedankenstrich liegen nicht Mariannes gestrichene Gedanken. Sondern Mariannes Leben.

Sie hat drei Monate im Knast verbracht. Ihr Kind ist tot, ihr Liebhaber futsch. Sie hat nackt in einer Bar getanzt. Ihren Vater hat der Schlag getroffen. Und jetzt wird dieses Fräulein versteigert. An den Meistbietenden. Der Meistbietende ist der Metzger und Sauabstecher Oskar. Er war schon einmal mit Marianne verlobt. Weil der Strizzi und Pferderennbahnspezialist Alfred aber hypnotisch-erotisch etwas aus Mariannes Seele und Herzen „herausgezogen“ hatte, was Marianne noch nicht kannte, ließ sie die Verlobung platzen, damals am Strand der schönen blauen Donau - was dann alles zu diesem Lebensgedankenstrich am Ende führt. Jetzt aber, als Marianne am Ende ist, stellt Oskar, der damals an der Donau gesagt hatte: „Mariann, du wirst meiner Liebe nicht entgehen“, sich als der Meistbietende heraus: an Gefühl. An Verständnis. An Liebe.

Ein kleines Wunder

Der Sauabstecher, Blutwurstmacher und Schweinsdarmfüller, dessen geflügeltes Wort seit der Uraufführung von Ödön von Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ vor vierundsiebzig Jahren als die unheimlichste aller Drohungen auf dem Theater Karriere gemacht hat, kniet auf der Bühne des Salzburger Landestheaters und eröffnet die Festspiele mit einem kleinen Wunder. Er hat Marianne im Arm, streicht ihr schmetterlingsleicht übers Haar, redet zu ihr von Gott und von der Liebe und von Trost, leise, innig, demütig, als zupfe er zart an einer Seelensaite. Und erzeugt da einen Menschenton, den man von Oskar bisher noch nie gehört hat.

Der Schauspieler Thomas Loibl macht aus der großen Bestie einen zarten Wurm. Die Haare klatschnaß aus der hohen, sensiblen Stirn gekämmt, das Kinn weniger energisch als sehnsüchtig vorgereckt, die Lippen in andauernder, nervös sich wölbender Bewegung, überführt Loibl das alte Klischee vom herzlosen Gefühlsschlachter in eine Schlacht um Gefühle. Und das Schlachtfeld ist sein Herz.

Groß und selbstbewußt

Und Marianne, die arme, verratene und verkaufte, ausgebeutete Marianne, sitzt hier in Juliane Köhlers Gestalt unzerstörbar, stolz, ein wenig zickig zwar, aber groß und selbstbewußt auf dem Boden. Sie war zuvor auch gern in die Luft gesprungen, hatte sich den Alfred gegriffen wie einen reifen Apfel, war ihrem Vater, dem Zauberkönig und Scherzartikelhändler, übern Mund gefahren. Und Lambert Hamel verkörpert und vertanzt und verspielt diesen Papa-Bürger nicht als Spießer bis hin zum Schlaganfall.

Er gibt ihm die Würde eines wilden, bärenhaft albernen alten Kindes, das an Korsetts schnüffelt, sich bis zum besinnungslosen Kriechen besäuft und an nackten Weibern ebenso seine Freude hat wie an den Gedanken an sein totes Weiberl im Himmel: ein Gottvater auf Erden, den der Teufel am Wickel hat. Und der darüber meckernd lacht. Er tut exakt das, was er sagt - keinen Deut und keine Deutung mehr. Wenn er sagt, er habe nun keine Tochter mehr, dann hat er keine mehr. Wenn er sich freut, daß sie wieder da ist, freut er sich und bricht lachend in einen Tanz mit ihr aus. Man sieht hier Menschen ohne Überbau.

Aus vollem Herzen

Und wenn seine Tochter sagt, daß sie „hinauf“ wolle, dann geht sie unbeirrt hinauf - durch keinen Kindstod, keinen Beichtvater, der ihr die Absolution verweigert, keinen Gott, der keine Antwort gibt, aus der Bahn zu werfen. Und Oskar bekommt am Ende seinen Hochzeitskuß, zart und selbstverständlich. Juliane Köhler legt hier wieder unterm Bubikopf, den sie wie eine Sturmhaube trägt, eine ihrer großen Unberührbaren und Unbekümmerten hin. Nicht aus vollem Bewußtsein. Aus vollem Herzen. Kein Kitsch. Kein Anti-Kitsch. Das reine Wesen. Auch sie tut nur, was sie sagt. Das ist bei Horvath schon eine Sensation.

Denn Horvath, der Dramatiker als heimatloser Weltbürger, in Fiume geboren, auf dem Balkan und in Budapest aufgewachsen, in Wien in die Schule gegangen, in München studiert, in Berlin aufgeführt, nach Paris emigriert, war seinen Figuren immer das, was er seinen Aufenthaltsorten auch war: ein gnadenloser, von oben herab auf das falsche Leben schauender Trabant. Er flog an ihnen vorbei; er begab sich nicht in sie hinein. Er schrieb Volksstücke ohne Volk. Über seine „Geschichten aus dem Wiener Wald“ flog er besonders gnadenlos und brillant hinweg. Wer hier redet, spricht besonders falsch: am tiefsten Gefühl vorbei. Und wenn dann wieder etwas völlig Dummes gesagt ist, verordnet Horvath „Stille“, gar „Totenstille“. Das sind die Löcher, in die seine Figuren dann tragikomisch hineinplumpsen.

Keiner redet falsch

In Salzburg haben weder Oskar noch Marianne, hat überhaupt niemand „Stille“ oder gar „Totenstille“ zu füllen. Und keiner redet falsch. Die Inszenierung von Barbara Frey in Koproduktion mit dem Bayerischen Staatsschauspiel nimmt Horvath nicht beim Unwort - sondern beim Wort. Sie glaubt seinen Figuren mehr, als Horvath ihnen glaubt. Eine sarkastische Texttreue führt zu einer der intelligentesten Wider-den-Strich-Bürstereien seit Spielzeiten.

Es wird nicht inszeniert, was gemeint sein könnte, sondern was gesagt wird. Es wird nichts entlarvt. Es wird nur aus vollen Worten gelebt. Es werden keine Bestien vorgeführt, die sich maskieren mit Kitsch- und Sentimentworthülsen. Es werden Menschen gezeigt, die sich um das bißchen winden, das ihnen bleibt an Leben und Liebe. Komisch verschlungenes Gewürm. Die Regisseurin entwickelt zu diesem Geschlinge eine hinreißende Zutraulichkeit, die sie allenfalls durchs Ambiente ironisch dämpft.

Das Bild bleibt

Die umbaute leere Bühne Bettina Meyers besteht aus nichts als aus drei Wänden, in die unzählige Löcher und ein paar Türen geschnitten sind. Das größte Loch hat die Form eines Kamera-Auges. Darin erscheinen hie und da völlig überflüssige Video-Einspielungen von Szenenangaben oder Bildern der Gegenden, in denen sich die Handelnden gerade befinden. Nur einmal, wenn man sieht, wie die nackte Marianne im „Maxim“ sich peepshowmäßig präsentiert, wird der Rück-Blick durchs Kamera-Auge sinnfällig: Die Aufnahme von Marianne ersetzt Marianne. Dieses Bild bleibt.

Wenn aber sonst das Kamera-Auge sich schließt, ist ein Schnappschuß fertig, für den das explizite Kamera-Auge nicht nötig wäre. Denn als Folge von Schnappschüssen der Liebesspiele der Lebenswürmer inszeniert Barbara Frey die „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Lauter Nahaufnahmen. Aus den Löchern schauen die Köpfe der Menschenwürmer, bevor der ganze Mensch sich im Leeren dann windet.

Streichel- und Kußsucht

Zum Beispiel Valerie, Trafikantin und Männerliebhaberin. Sunnyi Melles führt die immer größer werdende Laufmasche in Valeries schwarzen Strümpfen ebensowenig als immer größer werdendes Zeichen von Schlamperei vor, wie sie die immer größer werdende Geilheit und Streichel- und Kußsucht keineswegs als immer größer werdendes Zeichen von Verkommenheit zeigt. Beides wird bei ihr zu Zeichen einer immer größer werdenden Unabhängigkeit.

Sie liegt Mariannes Vater am Donaustrand selig und halb nackt wie ein Scherzartikel im Schoß. Und dem Strizzi Alfred, der sie betrügt und ausnimmt und zu Marianne überläuft, hängt Sunnyi Melles am Hals wie eine weggeworfene Pferdewette. Michael von Au spielt ihn im Dreitagebart und offenem Hemd denn auch nicht als Gauner und Schwindler. Er entdeckt in ihm den Mann, von dem er selber sagt, daß er „für die Welt zu weich“ sei: den überall Fremden, der durch die Frauen und ihre Avancen geht wie ein großes Kind, das alles nimmt und alles wieder wegwirft. Ohne Bewußtsein, für das er alles könnte. Nur mit dem Herzen, für das er nichts kann. Seine Großmutter, die Alfreds und Mariannes Kind umbringen läßt und die den Alfred umgarnt, als könne er von ihr alles haben, wenn er nur wolle, hält er wie ein letztes Angebot an wahrer Liebe im Schoß. Und Valerie nimmt er zu sich wie ein letztes verzweifeltes Aufputschmittel.

Valerie befindet: „Was wißt ihr schon von der Tragödie des Weibes?“ - Sie wissen wirklich nichts. Sie aber weiß und lebt alles. Die unverstellte Souveränin ihrer Lust, ohne jede Verklemmung, ohne jeden Über- oder Unterbau. Nur ganz kurioser Typ Mensch. Wie alle anderen auch. So werden die Salzburger „Geschichten aus dem Wiener Wald“ zu Geschichten aus dem Dschungel, in dem bestialische Menschen weniger Bestien als Menschen sind. Fast eine Utopie. Auf jeden Fall ein Triumph.

Quelle: F.A.Z., 27.07.2005, Nr. 172 / Seite 33
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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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