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Veröffentlicht: 02.04.2007, 10:45 Uhr

Theater Leidenssolo auf Stuhlkante

In „Das Jahr magischen Denkens“, einem der erstaunlichsten Bücher der vergangenen Jahre, verarbeitet Joan Didion den Tod ihres Mannes. Als Didions Doppelgängerin tritt am Broadway nun Vanessa Redgrave auf, Englands unvergleichlicher Bühnenstar.

von , New York
© AP Vanessa Redgrave (l.) und Joan Didion auf der Bühne

Am Anfang war das Buch. Und auch am Ende wieder. Zumindest am Ende des Theaterstücks, das denselben Namen trägt wie das Buch: „The Year of Magical Thinking“. Dann nämlich schlägt die Solodarstellerin endlich das Buch auf und beginnt vorzulesen. Das Stück, in dem sie eine Figur darstellt, die Joan Didion heißt, setzt sich so ein paar Sätze lang in der öffentlichen Lektüre des Buches fort, das, wie auch der daraus entwickelte Theatermonolog, von der vielgerühmten amerikanischen Essayistin, Drehbuch- und Romanautorin Joan Didion stammt. Dennoch ist das Buch nicht mit dem Theaterstück zu verwechseln.

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„The Year of Magical Thinking“, auf Deutsch als „Das Jahr magischen Denkens“ erschienen, ist eines der erstaunlichsten Bücher der vergangenen Jahre. Hellsichtig trotz ihrer Kopflosigkeit, feinnervig trotz ihrer Benommenheit und immer ungemein bewegend schildert Didion darin ihr Leben, ihre innere und äußere Verfassung nach dem plötzlichen Herztod ihres Mannes, des Schriftstellers John Gregory Dunne. Sie sucht, wie sie schreibt, nach Sinn in den schrecklichen Monaten, die ihr die Kontrolle rauben über all die geläufigen Vorstellungen vom Tod, von Krankheit, von Vernunft, Kummer und Glück, von gutem und schlechtem Geschick, von Ehe, von Kindern, vom Umgang oder Nichtumgang mit den Gegebenheiten des Lebens. Die Einsamkeit, in der sie sich nach vierzig Ehejahren wiederfindet, wird durch die lebensbedrohliche Krankheit ihres einzigen Kindes, ihrer Tochter Quintana, seltsam erträglich - und zugleich noch weit unerträglicher.

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Klarheit, Musikalität und Rhythmik

Sie rettet sich in eine Phantasiewelt, ins magische Denken, das es ihr erlaubt, Geschehenes abzuändern oder auch ungeschehen zu machen. So kann sie sich nicht dazu bringen, die Schuhe ihres verstorbenen Mannes wegzugeben. Was sollte er anziehen, wenn er wiederkäme? Auch als sich der Aufruhr im Innern abschwächt, gibt es keine Klarheit, keine Lösung. Noch den allmählich nachlassenden Schmerz muss sie als Betrug an ihrem Mann empfinden. Dieses Protokoll einer Auseinandersetzung mit dem Unfassbaren verfertigt sie ohne jeden Ausrutscher in die Gefühligkeit. Schmucklos und präzis bindet sie ihre Beobachtungen in eine Prosa ein, deren Klarheit, Musikalität und Rhythmik sie nie dazu verleiten, einen Ratgeber für den Seelennotstandsfall zu verfassen.

Vanessa Redgrave, Joan Didion © AP Vergrößern Ein wunderbarer Text und eine wunderbare Schauspielerin - sie können zusammen nicht kommen

Es kommt darum als Schock, wenn ihre Doppelgängerin auf der Bühne des Booth Theatre am chronisch vergnügungssüchtigen Broadway sich direkt ans Publikum wendet, mit dem Finger auf diese Zuschauerin und jenen Zuschauer deutet und durchaus aufgebracht mahnt: „Es wird auch Ihnen passieren!“ und „Ich sage Ihnen, was Sie wissen sollten!“ Das ist ein völlig neuer Ton, ungewohnt und unangenehm didaktisch. Er wird immer wieder angeschlagen, zum Glück aber erinnert sich der englische Dramatiker David Hare, der Regie führt, auch an den bei aller Eindringlichkeit eher lakonischen Duktus der Großstilistin Joan Didion. Der Durchbruch durch die vierte Wand ist gleichwohl die empfindlichste Abweichung von einer Vorlage, die der emotionalen Aufwallung beharrlich die Perspektive einer rigorosen Selbstanalyse vorzieht.

Dem Buch auf der Spur

Es wäre falsch, die Transposition auf Hares szenische Kompositionskünste zurückzuführen. Didion ist dafür verantwortlich. Sie hat nicht einfach einen Text für die Bühne freigegeben, sie hat ein neues Stück geschrieben. Dabei bleibt sie dem Buch auf der Spur, verschiebt den zeitlichen Standpunkt aber um anderthalb bis zwei Jahre. Auch die Tochter ist inzwischen gestorben. Manche Vorgänge sind neu, doch die meisten Episoden sind aus dem Buch vertraut. Verändert hat sich jedoch vor allem die Tonlage. Vielleicht haben wir damals nicht richtig gelesen, aber so wie Vanessa Redgrave intoniert und moduliert, so ist uns Joan Didion gedruckt nie zu Ohren gekommen.

Vielleicht kommt da eine Unvereinbarkeit zum Vorschein, die weit über die physische Unterschiedlichkeit der statuesken Tragödin und der zierlichen, feingliedrigen Schriftstellerin hinausgeht. Die Redgrave, Englands unvergleichlicher Bühnenstar, macht sich nicht nur allzu kunstfertig die undefinierbar amerikanische Diktion untertan. Was Joan Didion direkt vom Leben auf die Buchseiten übertrug, dramatisiert Vanessa Redgrave in einer gewaltigen, hochvirtuosen Gedächtnisleistung, womit sie ihr Publikum ununterbrochen verblüfft, aber nicht in Bann schlägt.

Abgeklärte Verzweiflung

Die Kante eines hölzernen Gartenstuhls ist ihre Kanzel. Es ist eine Lust, ihr zuzuhören und zuzuschauen. Wie sie sich einer entkräfteten, sorgsam reduzierten Gestik bedient, ganz im raffinierten Einklang mit ihrer schlicht geschnittenen Bluse und dem ebenso schlichten langen Rock. Wie sie versonnen das Band um ihr streng nach hinten gebundenes, graublondes Haar löst. Wie Hände und Arme über die Knie streichen mit absichtsvoller Beiläufigkeit. Wie sich die Sehnen unter ihrem Kinn spannen, während ihre Gesichtszüge von einer abgeklärten Verzweiflung künden. Alles ungeheuer beeindruckend. Und alles tragödinnenmäßig so zurückhaltend gekonnt ausbalanciert, dass die Leere, die sich vor der Schriftstellerin auftat, wahrhaft spielend mit allergrößter Schauspieltechnik gefüllt wird.

Alle Schauspielkunst Englands aber hätte wohl das grundlegende Dilemma des mit so viel Spannung erwarteten Abends nicht aus der Welt schaffen können. Wenn auch literarisch geformt, hat sich ins Buch unmittelbar Didions Befindlichkeit ergossen. Sie durchlebte, was sie gerade schrieb. Sie musste schreiben, was sie durchlebte. Im Theater gibt es jetzt jeden Abend eine Nacherzählung. Ohne dass jemand wirklich nacherzählen müsste. Stattdessen reibt sich die neue Form, in die Didion ihr Leben gebracht hat, mit der Übersetzung, die Vanessa Redgrave dafür anbietet. Hier eine wunderbare Schauspielerin. Dort ein wenigstens streckenweise noch immer wunderbarer Text. Beide können zusammen nicht kommen. Ihre Unterschiede sind viel zu tief.

Glosse

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