14.01.2008 · Nicht mehr von gestern und doch noch nicht von heute: Jürgen Gosch inszeniert Tschechows „Onkel Wanja“ am Deutschen Theater Berlin - und lässt das Stück tief in Kitsch und Klischees versinken.
Von Irene BazingerIrgendwo im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts irren ein paar Handvoll Menschen herum, die zwischen die Zeiten geraten sind: Sie sind nicht mehr von gestern und doch noch nicht von heute. Deswegen ist ihnen die Gegenwart eine Last, und wenn sie auch penetrant oder wehleidig darüber klagen, haben sie trotzdem nicht unrecht.
Es sind die Personen in den Stücken von Anton Tschechow, die er so elegant übers Parkett aus Selbstbetrug, Fatalismus und Weltschmerz schlittern lässt, dass spätere Generationen darin gern ihre eigenen Unglückseligkeiten erkannt haben. Auf dem Weg aus ihrem Damals in unser Hier und Jetzt hat man allerdings diesen Entwurzelten an vielen Stationen häufig die historischen Korrelationen genommen, was sie nicht unbeschadet überstanden, wie nun am Deutschen Theater Berlin, wo Jürgen Gosch „Onkel Wanja“ inszenierte.
Wie Hühner auf der Stange
Tschechows 1897 veröffentlichte „Szenen aus dem Landleben“ finden in einem einzigen Sommer tief in der Provinz auf einem bescheidenen Anwesen statt. Weil Wanja einmal sagt, dass er dort seit Ewigkeiten „wie ein Maulwurf“ hocke, presst der Bühnenbildner Johannes Schütz das Drama in einen engen, hohen Guckkasten aus feuchtfleckigem Lehm. Die Schauspieler sitzen oft - wie die Hühner auf der Stange - hinten auf einer langen Bank oder lehnen an den Seitenwänden, wenn sie nicht dran sind. Folglich sind immer alle gut sichtbar und haben zunehmend mehr Staub auf ihren hübsch modernen, ebenfalls von Schütz entworfenen Kleidern.
Der tapfere Ulrich Matthes etwa trägt in der Titelrolle am Anfang zum blauen Anzug ein Pepitahütchen, wie es ältere Männer tun, wenn sie das Haus verlassen. Wanja gilt mit siebenundvierzig Jahren bereits als alt, während er sich noch jung fühlt und deshalb in flotten Joggingschuhen durch seine Verzweiflungsschübe rennt. Derlei garderobentechnische Äußerlichkeiten aber bringen ihn uns nicht näher, auch wenn Ulrich Matthes sich mit Schmerz und Hirn angestrengt müht, Wanjas exaltierte Gebrochenheit und biographische Zerrüttung sichtbar zu machen.
Ausgewalzte Nummernoper
Ob es an dem Erdloch liegt, in welches die Darsteller kollektiv versenkt wurden, oder an Jürgen Goschs Weigerung, als Regisseur Position zu den russischen Verhältnissen, zum Stück oder zumindest zum Stand der Dinge zu beziehen - alle wirken so, als würden sie nicht Tschechow spielen, sondern Tschechowspielen spielen: lauter Unberührbare mit großen Worten und geringer Resonanz, mit dick aufgetragenen Absichten, jedoch ohne ernsthaftes Gewicht, und trotz des hellen Bühnenlichts wie eine gefälschte Terrakotta-Armee hinter mattiertem Glas in einer breit ausgewalzten Nummernoper.
Obwohl räumlich eigentlich auf Tuchfühlung, bleibt das Ensemble seltsam unverbunden und inhomogen, sei es Meike Droste als knabenhafte Sonja, die mit ihrem Onkel Wanja den Erbhof bewirtschaftet, oder Constanze Becker als spröde, stets übellaunige Elena, die Sonjas Vater nach dem Tod seiner ersten Frau geheiratet hat. Ohne es recht zu wollen, verdreht sie sämtlichen Männern mit ihrer jugendlichen Schönheit den Kopf und hat regelmäßig zudringliche Hände abzuwehren. Lediglich beim Arzt Astrow wird sie für ein paar Augenblicke schwach, weil der gar zu charmant über die Liebe und andere Naturphänomene zu parlieren versteht. Jens Harzer, erstmals als Gast am Deutschen Theater engagiert und dabei offensichtlich unterbeschäftigt, gefällt sich indes zu sehr in der Rolle des Alleinunterhalters, um diesen gebeutelten Helden der Arbeit nicht bloß als eloquenten Zappelphilipp erscheinen zu lassen.
Tropfnasse Küsse
Weniger narzisstisch, dafür beredter bei der Sache sind Christine Schorn als gebeugte alte Kinderfrau Marina, Gudrun Ritter als Wanjas besessen lesende Mutter und Bernd Stempel mit flinken Gitarrenfingern als ehemaliger Grundherr Telegin. Und vor allem Christian Grashof als emeritierter Kunstprofessor, dem die Gicht die Gelenke und der Hochmut den Rücken steift. Wie ein furchtloser Dompteur stolziert er durch die Manege. Der Gutshof gehört ihm zwar nicht, doch haben ihn Sonja und Wanja mit den daraus gewonnenen Einkünften versorgt, damit er sich gänzlich der Wissenschaft hingeben konnte.
Er steckte diese Unterstützung wie selbstverständlich ein, obwohl er nur banales Zeug verfasste und nie der bahnbrechende Gelehrte war, als der er sich aufbläht. In seiner Angst vor dem Tod kennt er auch jetzt keine Rücksicht: Er brüllt in der Nacht und gibt am Tag lautstark an, er sabbert, stöhnt und grimassiert entsetzlich, er klammert sich an frisches Menschenfleisch und verteilt gierig tropfnasse Küsse. Dieser parasitäre Lustgreis ist so eklig wie überzeugend und unter aller schlüpfrigen Edelschmiere bestürzend glaubwürdig.
Während Jürgen Gosch seine Inszenierung bis zum tranigen Ende immer tiefer in Kitsch und Klischees versinken lässt, tänzelt Grashofs Professor wie ein demographisches Wunder als völlig entspannter Stenz am Stock aus dem Spiel. Natürlich kann dieser egomane Rentner keine vieraktige Aufführung retten - aber Liebe zeigen schon: zu Tschechow nämlich, einsam auf weiter Flur.