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Theater : Kein Engel kommt nach Babylon

  • -Aktualisiert am

Die Panzerknackerbande, zum Teil gemimt von echten Ex-Knackis, wühlt unter der Regie von Volker Lösch an der Berliner Schaubühne Bild: David Baltzer/ZENIT

Verratenes Volk: Volker Lösch inszeniert Döblins „Berlin Alexanderplatz“ durchdacht und herausfordernd in Berlin. Armin Petras aktualisiert Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ in Dresden als triste Sparvariante.

          Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte: Wenn „Berlin Alexanderplatz“, eine „freie Bühnenbearbeitung der Schaubühne Berlin des Romans von Alfred Döblin mit Chören von Volker Lösch und dem Ensemble“, anfängt, hängt in blauen Druckbuchstaben das christliche Gebot „Du sollst nicht stehlen“ oben in der Luft. Die leere Bühnenfläche darunter ist komplett mit Geldmünzen überschüttet. Natürlich sind es in diesem Bühnenbild von Carola Reuther billige Attrappen, aber der Aufführung geben sie eine echte, so giftige wie kraftvolle Spannung.

          Schließlich entfalten sich das Stück wie das 1929 erschienene Buch zwischen den Polen von materiellem Besitz und religiöser Vorschrift, mithin zwischen Haben und Sein. Der Regisseur Volker Lösch, der sich gern mit Laienchören aus gesellschaftlichen Randgruppen beschäftigt, die er stellvertretend für die unterprivilegierte Bevölkerung sprechen lässt, setzt diesmal neben vier Schauspielern einundzwanzig ehemalige Strafgefangene ein. Durch deren autobiographische, in die Textfassung eingefügte Beiträge versucht Lösch, den Unglücksraben Franz Biberkopf aus der Weimarer Republik des Romans ins Hier und Heute zu holen – und zudem für dessen kriminelle Nachfolger Verständnis zu wecken. Denn Biberkopfs Probleme hörten mit der Entlassung nicht auf, weil er als Ex-Zuchthäusler weder Arbeit und Wohnung noch einen Weg zurück in die Normalität fand und erneut auf die schiefe Bahn geriet.

          Zwischen Reserviertheit und Mitgefühl

          Die Mitwirkenden sind zu Beginn unauffällig im Publikum verteilt. „Ich habe meine Eltern bestohlen“, rufen plötzlich ein paar und andere: „Ich habe meine Lebensgefährtin umgebracht.“ Voll nervöser Energie springen Laien- und Profidarsteller auf die Stühle, brüllen persönliche Pleiten und schlimme Erfahrungen über die Köpfe der Zuschauer. Später waten sie durch den knirschenden Münzensee, rauben als Comic-Panzerknacker eine Bank aus und machen es sich auf den Geldsäcken bequem.

          Sie verleihen Biberkopfs Einzelschicksal den aktuellen sozialen Kontext, ohne ihre eigenen Geschichten vergessen zu lassen. Die Aufführung ist körperlich geprägt, oft laut und aggressiv, auch durch die schroffen Lichtwechsel sehr ungemütlich. Zwar werden die Zuschauer selten individuell angeredet und nicht zum Mitspielen gezwungen, selbst wenn die Darsteller zwischen die Sitzplätze rennen, jedoch kann man nie sicher sein, dass es dabei bleiben wird.

          So einfach Toleranz und Erbarmen mit Döblins fiktivem Biberkopf aufzubringen sind, so deutlich verspürt man als Betrachter Reserviertheit und Bangigkeit gegenüber den realen Ex-Knackis. Neben dieser Lektion gelingt Volker Lösch mit seiner durchdachten, herausfordernden Inszenierung außerdem ein packender Theaterabend, was sich nicht zuletzt daran zeigt, wie gut der Laienchor und die Schauspieler harmonieren, Eva Meckbach unter anderen als Biberkopfs Geliebte Mieze, David Ruland als sein Todfeind Reinhold, Felix Römer als Gauner und der emphatisch kämpferische, überzeugend dramatische Sebastian Nakajew als Biberkopf. Keine leichte, dafür wichtige Kost, rasant wie risikofreudig aufbereitet. „Ich will ein anderes Leben“, schreit Biberkopf am Schluss für alle, und bei Lösch ist beides möglich: es ihnen aus vollem Herzen zu gönnen und sie lieber nicht im Dunkeln treffen zu wollen.

          Schlampige Adaption

          Gänzlich unerfreulich verlief dagegen am Staatsschauspiel Dresden das Experiment, Friedrich Dürrenmatts Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ zu aktualisieren. Armin Petras, der viele Stücke oft nicht nur in Grund und Boden inszeniert, sondern sie sich zuvor platt und plump zurechtschreibt, hat die „tragische Komödie“ in die neuen Bundesländer versetzt, was ja keine schlechte Idee wäre. Allerdings ist seine so schlampige wie unlogische Adaption im Kleinen Haus auf lediglich acht Darsteller und eine Tänzerin reduziert und auch intellektuell wie ästhetisch bloß als triste Sparvariante zu bezeichnen.

          Zumindest geht es im etikettenschwindeligen Abklatsch von Petras immer noch um die astronomische Summe von einer Milliarde, die Claire Zachanassian der verarmten Heimatstadt spenden will – wenn die Einwohner im Gegenzug ihren einstigen Geliebten Alfred ermorden. Alfred Ill ließ sie als Mädchen schwanger im Stich, weswegen sie mutterseelenallein verschwand und in der Fremde zur Prostituierten wurde. Steinreich geworden, will sie sich jetzt Gerechtigkeit erkaufen.

          Gekleidet wie Ladenhüter aus den letzten Tagen der DDR, hampelt und strampelt das Ensemble über die vom Bühnenbildner Olaf Altmann entworfene Revuetreppe aus Pappe. Sie ist das Einzige, was bei dieser Veranstaltung nicht flach ist: Matthias Reichwald als Polizist war bei der Stasi, Andreas Leupold als Alfred macht auf Horst Schlämmer, Wolfgang Michalek als Bürgermeister schwafelt von Notstandsgesetzen. Als Clara ist Christine Hoppe unübersehbar wie unüberhörbar überfordert. Dieser „Besuch der alten Dame“, eine Koproduktion mit dem Berliner Maxim Gorki Theater, ist „in einer Bearbeitung von Armin Petras“ eine Frechheit. Aber Achtung: „Du sollst nicht stehlen.“

          Quelle: F.A.Z.

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