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Theater Kanonenkönigskomödie

05.02.2009 ·  Wer heilt die Welt eher: der Heilsarmist oder der Waffenhändler? George Bernard Shaw zündelt in „Major Barbara“ mit Schießpulver. Peter Zadek zündet in Zürich ein Boulevardfeuerwerk.

Von Gerhard Stadelmaier, Zürich
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Mit diesem Stück, einer Komödie aus dem Jahr 1905, haben wir heute zwei Probleme. Das eine Problem von „Major Barbara“ ist, dass wir zwei Weltkriege, ein paar Atombomben und unzählige Bürger- und Völkerausrottungskriege und Terroranschläge weiter sind, um noch dem Helden des Stücks (der nicht der Titelheld ist), einem Waffenfabrikanten (Firmenmotto: „Ohne Scham“), der alle beliefert, Gute wie Böse, wenn sie nur gut zahlen, glauben zu können. Mr. Undershaft behauptet nämlich stolz und zynisch und genießerisch anklagend, das größte Verbrechen der Welt sei die Armut und diese lasse sich durch massive Aufrüstung („Geld und Schießpulver“) am besten bekämpfen. Dadurch dass man mit Waffengewalt die Verhältnisse umstürze, die zur Armut führten, also dass nur Gewalt sozial helfe, wo unsoziale Gewalt herrsche.

Und der solcherart seine Tochter Barbara (die Titelheldin), eine Majorin der Heilsarmee, die den Armen höchstens mit Suppe und Gebeten hilft, zu sich herüberzieht, indem er die Heilsarmee einfach aufkauft und ihren Verlobten Adolphus Cusin, Professor für altgriechische Philologie und Euripides-Übersetzer, gleich mit. Die beiden Idealisten gehen nun in den sauberen, mit höchsten Sozial- und Wohlfahrtstandards (ein Krankenhaus, zwei konzerneigene Kirchen) versehenen Waffenfabriken des „Fürsten der Finsternis“ in Vorstandsnachwuchspositionen den Realistenlebensweg. Und weisen der Welt das Heil „durch die Hölle zum Himmel“. Der Euripides-Fan wird Bomben produzieren und „Krieg gegen den Krieg führen“ (denkt er), Barbara aber die Fabrikangehörigen mit Gott bombardieren, so lange, bis Gott „in meiner Schuld ist“ (glaubt sie).

Kopfarbeit für Zyniker

Wir glauben das alles nicht mehr. Wir sind über das Stück weit hinaus. Auch insofern, als unsere Idealisten dessen zynische Utopie längst in gängige Alltagspraxis überführt haben, selbst noch friedensbewegteste Grüngemüter zum nächsten Weltsozialforum umweltfreundlich in den ICE-Waggons jener Herstellungsfirma reisen, die selbstverständlich auch weltvernichtende Waffen herstellt. Und auch noch der linkeste Kriegsgegner fährt womöglich ein Auto, in dem ein Motor dieselt, dessen Hersteller auch Panzern zur Fortbewegung verhilft. Unser unmoralischer Moralpragmatismus, mit dem der undogmatisch clownsmoralische irische Altsozialist George Bernard Shaw in „Major Barbara“ ein damals, 1905, noch provokantes Zündelspiel mit leicht explosiver dramatischer Schießbaumwolle veranstaltete, hat den Shaw gründlich verdaut. Weshalb er auch so wenig gespielt wird. Wir sind in allen Fragen weiter. Vor allem in den zynischen.

Das zweite Problem jedoch, das wir mit „Major Barbara“ haben, ist, dass dieses Stück uns wieder seltsam voraus scheint. Weil es Fragen überhaupt stellt. Denn unser Theater hat sich das Fragenstellen abgewöhnt. Dies nämlich setzte Kopfarbeit voraus. Theaterarbeit heute aber ist mehrheitlich ziemlich gedankenfreie Gefühls- und Körperarbeit, der Kopf dabei meist der unterbeschäftigtste Körperteil.

Bekehrung der Heilsarmee

Wenn also jetzt im Zürcher Schauspielhaus der Schauspieler Robert Hunger-Bühler, mit braunsamtenem Schlapphut, gedeckter Krawatte und pelzbesetztem Paletot den Waffenhändler und Todesfabrikanten Undershaft unter leicht hängenden Augenlidern sagen lässt: „Ich bin Millionär. Das ist meine Religion“, und er das vorbringt, als biete er im Blechhütten- und Plastiksegeldach-Ambiente des Heilsarmee-Suppen-und-Bekehrungs-Schuppens den dort herumlungernden Freaks keine zynische Wahrheit, sondern mit belegter, wie aus Untergründen hervorzitternder, aber ganz und gar von Vernunft getränkter Stimme: eine Verführung, einen tolldreisten Weg zum Seelenheil, den man sich wahrscheinlich nur freibomben müsse – dann sind wir zwar innerlich über den Mann hinaus.

Dass er aber als Kriegstreiber für fünftausend Pfund die Friedensfreunde der Heilsarmee aufkauft, damit diese mit dem Blutgeld ihre Friedensarbeit inklusive Sirupbrot für die Armen weiter tun können, und dass diese zynisch-kritische Volte mit so leichter, lockerer, unverschmockt sanfter Hand zu einem komödiantisch-humanen Witz wird, lässt auf die Frage: „Warum sind Menschen käuflich?“ nur die Antwort zu: damit sie sich was zum Überleben kaufen können.

Prinzipien- und Charakterarbeit

Es ist dies die Antwort Peters des Weisen, des alten Zadek, der als junger Regisseur die Welt inszenierte, um sie umzudrehen und aus den Angeln zu heben, damit er mit ihr spielen könne, wie er wolle. Und manchmal war die Welt nach seinen Inszenierungen nicht mehr, was sie davor war. Den greisen Regisseur, der sich mühsam am Stock auf die Bühne zum gerührt jubelnden Applaus am Ende schleppt, interessiert an der gründlich zerstörten Welt wohl nur noch, wie man überhaupt in ihr leben kann. Aus Shaws grundsätzlichen dramatischen Fragen macht er individuelle Pointen. Das Stück besteht ja nicht aus Personen, sondern aus Prinzipien, die gegeneinander antreten. Es geht Schlag auf Schlag. Klapp auf Klapp. These auf Gegenthese à la: „Wenn man wählt, ändert man nur die Namen im Kabinett. Wenn man schießt, reißt man eine Regierung nieder, leitet eine neue Epoche ein.“

Zadek macht aus dem intelligent-zynischen, leicht manischen Sprach- und Argument-Klippklapp Shaws: Charaktersachen. Auf der Basis von Schauspielermöglichkeiten. Vor einer hohen, gebogenen, leuchtenden Glasbausteinwand gibt Nicole Heesters als Lady Undershaft am Schreibtisch und auf dem langen Ledersofa den Kanonenköniginnendrachen, der die Unmoral ihres Mannes mit der hochmögenden Edelgalle des Boulevardwitzes im rosé Plisseekostüm begeifert; ihre drei Kinder Barbara, Sarah und Stephen betrachtet sie immer noch als Dracheneier, die sie auszubrüten habe.

Der Waffenhändler als Menschenfreund

Ihr gegenüber ist Hunger-Bühler der große sanfte Kanonenkönigs-Mephisto, der teuflisch leise Eindringling in Gewissen und Herzen, der Untergrundanarchist und Moralumgräber: mit einer perfiden Demut, die selbst unter der großen Düsenjägerattrappe, die Heinz Kreidl im dritten Akt aufgebaut hat, als alle jubelnd und jauchzend die Waffenfabrik besichtigen, etwas satanisch Heiligmäßiges, Welt- und Heilsgewisses an sich hat. Kein Zoll eine Denunziation, kein Gran billiger Kritik der Regie an diesem Kerl: nur die Bewunderung einer ungeheuer interessanten, die Welt in Frage stellenden Person. Bei Shaw liegt sie auf der Argumentationshand. Zadek holt sie großartig aus der schwefeligen Phantasieluft auf federnden Dialogboden.

Shaw zündelte. Zadek zündet ein wunderbares Boulevardfeuerwerk – was die Elterngeneration angeht. Bei der Kindergeneration eher: Tischfeuerwerk. Julia Jentsch kommt als Barbara über eine staunend süße Gesichtspflege kaum hinaus; kein Gran Gewissensbisse, kein Fanatismus, weder im Heilsarmee- noch im Tochterwesen, das dem starken Vater ebenbürtig entgegenwachsen müsste; es war, als hätte der Star den Sternenpunkt der Rolle nicht gefunden. August Diehl als ihr Euripides-Verlobter versprüht, ob an der Trommel der Heilsarmee oder im Argumentationskampf mit dem künftigen Schwiegervater: den etwas arglosen Charme des strahlendsten Honigkuchenpferdchens.

Die Jenny in der Heilsarmee versucht sich in einer Art Schleiflackschwäbisch („I hab’ mi gern schlaga lasse“); Bill, der unbekehrte Schläger, macht auf Prolo-Hanseat; Shirley, der bekehrte Freidenker, ist Schwyzerdütscher; Rummy, die alte bekehrte Nutte, Russin; Snobby, der scheinbekehrte Dieb, Italiener. So wird die Heilsarmee zur Dialekt-Revue, überglänzt von Jutta Lampe als hochdeutscher Generalin. Beiläufigkeiten, von Zadek eher mit der linken Kleinkunsthand gezeichnet. Mit der rechten Großkunsthand aber malt er: den Waffenhändler als Menschenfreund. Wir sind über ihn hinaus. Aber so gesehen, macht er uns immer noch staunen.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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