Home
http://www.faz.net/-gs3-7448z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Theater in Wien Der Großtyrann und das Gezücht

Mehr Witz als Wehmut, und Tort mit Aussicht: Matthias Hartmann inszeniert Tschechows „Onkel Wanja“ im Wiener Akademietheater und legt seinem Star Gert Voss lauter komische Leute zu Füßen.

© dapd Vergrößern Ein himmlischer Hypochonder: Gert Voss mit Caroline Peters in Matthias Hartmanns Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ im Wiener Akademietheater

Das Stück heißt hier so falsch, wie es anderswo auch immer falsch heißt. Man sieht Tschechows „Onkel Wanja“ ja oft als „Schwägerin Elena“ oder als „Doktor Astrow“, sehr selten auch als „Tochter Sonja“. Je nachdem, wer als Hauptperson herausgestellt wird. Onkel Wanja freilich ist es nie.

Gerhard Stadelmaier Folgen:  

So auch nicht im Wiener Akademietheater, wo Nikolaus Ofczarek den Wanja als einen in die Torschlusspanikjahre, ins Feiste und ins Lebens- und Liebesverzweifelte geratenen Rosé-Steppen-Dandy spielt, dem die öde Last der Gutsverwalterjahre die Lust am Einstecktuch genommen haben. Und hätte er überm schütteren Bart sich nicht die Sonnenbrille vorbehalten, er hätte nichts Apart’s für sich. Die Hauptrolle spielt er nicht.

Von Anfang an fällt alles Licht auf Gert Voss

Das Stück heißt hier „Professor Alexander“. Auf ihn fällt alles Licht der Mise en scène. Gert Voss spielt ihn. Ihm gehört gleich der erste Auftritt, obwohl er erst im zweiten Akt die Bühne betreten dürfte. Und die Szene, mit der er den Abend knalleffektiv beginnt, käme eigentlich erst im dritten dran. Ein Schuss fällt, großer Lärm, noch ein Schuss. Stimmengewirr. Der Professor, eine große, elegante, königliche Gestalt im schwarzen Anzug zu schwarzem Seidenhemd und Silbermähne, stürzt, den Silberknaufstock mehr wie eine Fuchtel- statt wie eine Gehhilfe benutzend, zur Rampe. Wanja taucht hinter einer wie laubgesägten löchrigen bühnenhohen Wand aus Holzrahmen auf, hinter der zehn Kronleuchter dekorativ baumeln, und ballert auf den Professor. „Daneben!“ - zwar. Aber die Szene sagt und zeigt gleich: Auf den geschossen wird, um den geht’s! Obwohl keiner zu diesem Zeitpunkt verstehen kann, warum.

Die Kenner wissen: Der Professor, dessen erste, verstorbene Frau die Schwester Wanjas war, und der jetzt mit seiner zweiten, schönen, jungen Frau, die hier allen, vor allem aber Wanja und dem Doktor Astrow die Köpfe verdreht, den Sommer auf dem Gut verbringt, das seiner ersten Frau gehörte, will das Anwesen verscherbeln. Wanja, der sich fürs Gut und dessen Erträge, die alle dem Professor zugute kamen, aufgeopfert hat, dreht durch und schießt auf den Professor. Den er für sein verpfuschtes, vertanes, nutz- und liebloses Wanja-Leben verantwortlich macht. All diese Schmerzen inklusive vergeblicher, lächerlicher Liebesnäherungsversuche an die junge Frau des alten Professors hat er bis zum dritten Akt leidlich vorgebracht. So dass der Schuss dann kein Rätsel ist.

Fotoprobe "Onkel Wanja" © dapd Vergrößern Lauter verzweifelte Schlapplinge mit großen Sehnsüchten: die Provinzgesellschaft von Tschechows Stück

Jetzt aber, gleich zu Beginn, ist er schon ein Rätsel. Für die Nicht-Kenner. Sie aber werden von der Regie erlöst. Sie lässt die eine Laubsägelöcherwand samt den Kronleuchtern hochfahren, dann noch eine. Dann ist die Bühne bis zur Brandmauer leer, und an einem großen Tisch scheint ein dicker, rosiger Herr mit dem Rücken zum Publikum eingeschlafen. Vielleicht hat er die Szene nur vorausalbgeträumt oder sie sich vorausalbgewünscht. Könnten die Nicht-Kenner sich denken. Das aber wäre wenig mehr als ein ziemlich halbgarer Regie-Hilfseinfall.

Auf jeden Fall ist der Professor ins Zentrum geschossen. Der Regisseur und Burgtheaterchef Matthias Hartmann lässt dem größten Schauspieler seines Hauses den Vortritt vor aller Logik und ihn auf dem Thron des leicht Irrealen Platz nehmen. Selbst dann, wenn er nicht auf der Bühne ist, scheint Voss herrisch an Fäden zu ziehen, an denen die anderen reaktiv zappeln. Der Großtyrann und das Gezücht.

Lauter verzweifelte Episodenmenschen

Der „Wanja“, Anton Tschechows kürzestes, kleinstes, trockenstes, witzigstes Drama, in dem nichts wie in seinen anderen Stücken zwischen den Zeilen ungesagt bleibt, alles in den Zeilen offen ausgesprochen wird, handelt von der großen Banalität des kleinen falschen Lebens, dem alle resigniert erliegen. Die junge, schöne Frau Elena, die lieber einen jungen Mann hätte, aber einen alten geheiratet hat. Der junge Mann Wanja, der alt wird („Mein Gott, ich bin fünfundvierzig!“), ohne zu wissen, wozu. Der Doktor Astrow, der niemanden heilt. Das junge hässliche Mädchen Sonja, die Tochter der ersten Frau des Professors, die den Doktor liebt, der aber die schöne Elena liebt, die niemanden liebt.

Lauter verzweifelte Schlapplinge. Episodenmenschen. Leute, die eine unendliche Sehnsucht im Kopf haben, aber mit dem endlichen lächerlichen Tort, den das Leben ihnen antut, zusammenstoßen - was einen komischen Knall ergibt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mädchenschulen Besser lernen ohne Jungs

Sie gelten als altmodisch und exotisch. Zu Unrecht, klagen Schülerinnen, die sie besuchen. Ein anderes Klischee über Mädchenschulen stimmt allerdings - es hat mit Naturwissenschaften zu tun. Mehr Von Birgitta vom Lehn

22.10.2014, 05:00 Uhr | Beruf-Chance
Der steinige Weg zum K-Popstar

Sechs junge Frauen arbeiten hart für ihren Traumberuf: Die Mitglieder der südkoreanischen Girlgroup Billion wollen K-Popstars werden, doch vor dem erträumten Glamour-Leben stehen 16-Stunden-Tage und strenge Diätpläne. Ein erstes Album haben Billion veröffentlicht, der große Durchbruch lässt noch auf sich warten. Mehr

10.09.2014, 10:27 Uhr | Feuilleton
European Youth Circus Absprung in die Luftnummer

Eigentlich kämpfen die Zirkusse um ihr Überleben. Beim European Youth Circus-Festival war davon keine Spur: Akrobaten aus elf europäischen Ländern zeigten, dass zumindest die Artistik kein Problem mit dem Nachwuchs hat. Mehr Von Hans Riebsamen, Wiesbaden

20.10.2014, 12:30 Uhr | Gesellschaft
Raucherparadies Österreich

Jugendliche Raucher sind für Österreich ein großes Problem. Eine aktuelle Studie zeigt: In keinem anderen Land der OECD rauchen mehr junge Menschen als hier. Mehr

09.05.2014, 15:10 Uhr | Politik
Alltag von Chirurgen Blick in eine Menschenwerkstatt

Für die Chirurgen, Anästhesisten und Schwestern ist es ein Tag wie jeder andere. Für Patienten könnte es ihr letzter sein. Blick in den blutigen Alltag eines deutschen OPs. Mehr Von Morten Freidel

19.10.2014, 12:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.11.2012, 13:07 Uhr

Notnagel für leere Kassen

Von Andreas Rossmann

In einer Aktuellen Viertelstunde diskutiert der NRW-Kulturausschuss über den Verkauf der Warhol-Bilder. Schon in der Eingangshalle des Landtags wird dem Besucher angst und bange - denn da hängt ja Kunst! Mehr 2