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Theater in Brasilien : Die deutsche Heimat passt in dreizehn Kisten

  • -Aktualisiert am

Heimat ist, wo das Akkordeon erklingt: die Schauspielerin Rosemary Hardy in Karin Beiers deutsch-brasilianischer Siedler-Revue Bild: Josef Oehrlein

Perfektionismus trifft auf Baströckchen: Hamburgs Intendantin Karin Beier inszeniert in Brasilien ein eigenes Stück über deutsche Auswanderer, Elfriede Jelinek unterstützt sie dabei.

          Der Deutsche ist überall. Auch in Brasilien. Da hat er Land urbar gemacht, hat tausend Schwierigkeiten überwunden und ist, jetzt schon in der sechsten Generation, immer noch dort. Der Süden Brasiliens ist voller Deutscher, und irgendwie ist die Region sehr deutsch. Als die deutsche Theaterfrau Karin Beier nach multinationalem Stückestoff für ihren Einstand als Intendantin im Hamburger Schauspielhaus suchte, stieß sie auf den „Colonisations-Verein von 1849 in Hamburg“, der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts deutsche Siedler in das Gebiet des brasilianischen Bundesstaats Santa Catarina lockte. Karin Beier reiste nach Brasilien, und mit einem Mal hatte sie eine Menge authentisches Material: stundenlange Aufzeichnungen von Gesprächen mit Nachfahren deutscher Einwanderer, die sehr deutsch geblieben sind.

          Migration einmal andersherum. Keine Türken, die sich dem deutschen Gründlichkeitsdiktat beugen und möglichst rasch integrieren sollen, sich damit aber schwertun. Sondern: Brasilianer, die sagen, sie seien Deutsche, und die sich auch nach sechs Generationen noch nicht einer fremden Umwelt ganz angepasst haben. Und die eben so gründlich, perfektionistisch und fleißig sind, wie es eben Deutsche sein sollen oder sich einbilden, es zu sein. Das hat Karin Beier bei ihrer vom Goethe-Institut unterstützten Recherchereise fasziniert und, wie sie bekennt, auch schockiert. Ihr Stück hieß zunächst „Pfeffersäcke im Zuckerland“. Jetzt heißt es lapidar nur noch „Brasilien. 13 Kisten“. Der Bühnenbildner Johannes Schütz hat dazu eine museale Schaukastenlandschaft gebaut, in der die Welt der Deutschen in Brasilien als skurriles Panoptikum vorgeführt wird.

          Mitbewohner als Untermenschen

          Die von deutschen und brasilianischen Schauspielern verkörperten Figuren erzählen Episoden aus dem Leben ihrer Vorfahren und berichten von ihren eigenen Erfahrungen, schildern, wie schwierig es war, der ungezähmten Natur kultivierbares Land abzutrotzen und ein geordnetes Leben auf die Beine zu stellen. Zu dem Kampf mit der feindlichen Umwelt, den Krankheiten und dem Ungeziefer kam der unvermeidliche Umgang mit den „Caboclos“. Dazu haben sie pauschal alle gezählt, die nicht aus Deutschland stammten, Schwarze, Indios, Rassenverbindungen jeder Art, obwohl der Ausdruck im portugiesischen Sprachgebrauch nur Mischlinge aus Indios und Weißen bezeichnet.

          Der für deutsche Ohren despektierlich klingende Begriff eignete sich perfekt, um die gern als Sklaven gehaltenen Mitbewohner als Untermenschen zu charakterisieren. Aber die Caboclos haben „schnell gelernt, den Deutschen zu fürchten, weil die ja dessen Überlegenheit wohl oder übel anerkennen mussten“, lässt Karin Beier den deutschen Siedler Hermann Schucher (Yorck Dippe) sagen. Sie schlägt gar den Bogen bis in die brasilianische Diktatur (1964 bis 1985), wenn der sich als Berater der Generäle gerierende Robert Kranz (Markus John) seine „Überlegenheit anderen Völkern gegenüber“ der „deutschen Intelligenz“ zuschreibt.

          Deutsche Überheblichkeit

          Das Stück, soeben im Kulturzentrum Sesc-Pompéia in São Paulo als eine Art Probelauf für die Premiere am 11. Januar in Hamburg aus der Taufe gehoben, ist der bislang originellste, auf jeden Fall hintergründigste Beitrag zum „deutsch-brasilianischen Jahr“. Bei der Recherchereise waren auch die meisten Darsteller dabei, und außerdem war der brasilianische Dokumentarfilmer Jorge Bodansky mit von der Partie. Er hat Zuspielfilme für die Inszenierung geliefert. Wenn Karin Beier es bei den weniger Überlegenheit als Überheblichkeit demonstrierenden Schilderungen belassen hätte, wäre daraus entweder eine denunziatorische Posse oder ein abgeschmacktes Melodram geworden. Sie hat aber noch eins draufgesetzt und Elfriede Jelinek gebeten, ihr eine Art Kommentar zu den authentischen Äußerungen der Deutschen in Brasilien zu liefern.

          Daraus wurde ein völlig anders konzipierter zweiter Teil des Stücks. Man muss allerdings Jelinek-Texte so mögen, wie Karin Beier sie mag, um die grobmaschig gehäkelten und gezwirbelten Reflexionen über den Deutschen als den „über allen Menschen Gesetzten“ goutieren zu können. „In Brasilien ist der Deutsche mehr als der Brasilianer, der er doch noch gar nicht geworden ist. Deutscher zu sein, das genügt ihm schon, dann ist man mehr, dann wird man zur Kenntnis genommen.“ So ist das also mit dem Deutschen in Brasilien und überhaupt „anderswo“ nach Jelinek - aber doch nicht ganz: In São Paulo durfte nur ein Teil der kryptisch „Strahlende Verfolger“ überschriebenen Bezichtigung vorgetragen werden, denn Hamburg hat das Uraufführungsrecht.

          In der portugiesischen Übersetzung (George Bernard Sperber) wirkt der Text weniger aggressiv, als er wohl von Jelinek gemeint war. Karin Beier hatte allerdings mit der Brasilianerin Mariana Senne eine phantastische Schauspielerin zur Verfügung. In Hamburg wird eine Deutsche diese Rolle übernehmen, und möglicherweise wird die Partie, weil dann die komplette Fassung gespielt wird, auf mehrere Personen verteilt. Mariana Senne verwandelte sich mühelos von der Urenkelin deutscher Einwanderer, die sich so deutsch fühlt, dass sie nichts Brasilianisches an sich heranlässt, zur Museumsaufseherin und schließlich in eine Schwarze, eine „Caboclo“-Figur im Baströckchen, die den Deutschen buchstäblich aufs Dach steigt und ihnen mit dem Jelinek-Text die Leviten liest.

          Das hätte eigentlich genügt, um der deutschen Überheblichkeit zu Leibe zu rücken. Doch die Deutschen mussten noch zeigen, wie sie in der Not zusammenstehen und wie sie sich mit den aus der „Heimat“ in ihren Kisten mitgebrachten Requisiten, den Häkeldeckchen, Postkarten, Plakaten, Prospekten, Bildern und Pflanzen, regelrecht verschanzen, um ihre Welt heil zu halten. Schließlich kam auch noch eine Schar von Kindern herein, die staunend das museale Panoptikum der aus dem fernen Deutschland eingewanderten Exoten betrachteten. Aha, die Hoffnung stirbt zuletzt.

          Quelle: F.A.Z.

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