08.03.2009 · Zwei Regisseure, beide Anfang vierzig, haben jeder ein altes Stück inszeniert. In Wien zieht Stefan Bachmann die Trauer von Strauß ins Lächerliche, in Hamburg zieht Michael Thalheimer das Lächeln von Schnitzler in den Dreck.
Von Gerhard Stadelmaier, Wien/HamburgDas ist einhundertdreizehn Jahre alt: Die Dirne und der Soldat; der Soldat und das Stubenmädchen; das Stubenmädchen und der junge Herr; der junge Herr und die junge Frau; die junge Frau und ihr Ehegatte; der Ehegatte und das Süße Mädel; das Süße Mädel und der Dichter; der Dichter und die Schauspielerin; die Schauspielerin und der Graf; der Graf und die Dirne. „Reigen“ von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1896. Darin reichen sich die Begehrenden und Begehrten weiter, aber sie haben sich nie: lauter kopulierende Leerstellen, die zusammen nicht kommen können. Zusammen sind sie nur, wenn sie reden. Ihr Sprechakt ist der eigentliche Akt. Wenn sie sich rhetorisch umschmeicheln, attackieren, ausziehen, streicheln, sich erregen, in einander sich verschlingen, eindringen, ermatten.
Um ihre Körper geht es nicht. Diese sind längst aus dem Liebesspiel. Der Sexualakt ist denn auch logischerweise gestrichen. Vom Dramatiker. Nicht aus Gründen der Dezenz. Sondern aus Gründen der Wahrheit. Schnitzler macht stattdessen – Gedankenstriche. Sie verbergen den Tod der Liebe, die nicht am Betrug stirbt, sondern an der Unfähigkeit zum wahren Vollzug. Schnitzlers Menschen: Bauch an Bauch unvereint. Vereint nur Kopf an Kopf. Paare in Gedanken.
Ein heißer Sommer
Das ist zweiunddreißig Jahre alt: Susanne und Moritz; Moritz und Ruth; Ruth und Lothar; Felix und Marlies; Marlies und Johanna; Marlies und Richard; Franz und Elfriede; Martin und Viviane; Viviane und Answald; Answald und Susanne und Peter. „Die Trilogie des Wiedersehens“ von Botho Strauß aus dem Jahr 1977. Ein heißer Sommer. Vorbesichtigung der Ausstellung „Kapitalistischer Realismus“ im Kunstverein, die Moritz verantwortet. Schickeria, Snobs, Groupies. Und der Tod wohnt mitten unter ihnen. Nicht nur der Liebestod. Viviane hat Krebs. Johanna liest Briefe eines entfernten Geliebten, Felix will weg von Marlies, Lothar hat sich von Ruth getrennt, Answald ist die frigide Freundin weggelaufen, Ruth säuft. Und wenn Moritz, nach dem sich Susanne verzehrt, mit Ruth fliehen möchte, reicht es nur zu einem Quickie-Fiasko im Bundesbahnhotel.
Man reicht sich weiter von Bild zu Bild, von Begehren zu Begehren, von Sehnsucht zu Sehnsucht. Aber man hat sich nie. Man weht in den Gängen und Durchlässen des Kunstvereins aneinander vorbei. Nur im Sprechakt, im Sicherklären, -erläutern, -analysieren, im rhetorischen Seelenaufreißen sind diese Entzweiten, beziehungslos Beziehungssüchtigen, haltlos Getriebenen, glücksgierig Unglücklichen zusammen, die den anderen jeweils nur als Spiegel empfinden, aus dem einen die eigene Fratze entgegen grinst: Rücken an Rücken vereint. Das Strauß-Personal hätte eine panische Angst vor Schnitzlers Gedankenstrichen, vor dem also, was die Wirklichkeit an Liebestodmöglichkeiten außerhalb des Liebessprachspiels bereithielte. Aber auch hier sind Paare: nur in Gedanken Paare.
Gestrichene Gedanken
Im Hamburger Thalia Theater, wo jetzt Michael Thalheimer den „Reigen“ inszeniert, erlebt man statt Gedankenstrichen: gestrichene Gedanken. Auf der Drehbühne drehen sich neun Betten, in welche sich die gerade Abgerammelten verziehen. Thalheimer nämlich macht die Gedankenstriche Schnitzlers auf. An der Rampe vorne. Er zeigt zehnmal den Akt, den der Dramatiker verbirgt: jaulend, brüllend, zuckend, stoßend, keuchend, krauchend, wichsend. Seltsamerweise behalten Thalheimers verklemmte Sexualhelden dabei ihre Unterwäsche an. Feinripp an Nylon vereint. So treibt der Regisseur sie zu Paaren. Ihre Sprechakte sind nur mehr gurgelndes Geschrei, ihre Sexualakte vergewaltigendes Gewürge. Sie drehen sich im Reigen, als habe die Drehbühne sie ausgeworfen: Abschaum einer Hinterwelt, in der sie außer sich (und bitte: außer uns) die Liebe, die bei Schnitzler leise melancholisch stirbt, lauthals ermorden und zerquetschen. Und nach jedem Koitus windet sich jemand einsam pantomimisch stumm im Lichte und formt mit den Lippen das Wort „Scheiße“.
Die Inszenierung beschwört reaktionär herauf: den Sex als Schmutz, den Mann als Schwein, die Frau als Opfer, die Lust als Gewalt. Was Thalheimer hier anrichtet, hat was von kleinbürgerlichem Schauer-Beichtstuhl, in dem der Regie-Pfaffe mit einem dauernden „Ego non absolvo, ihr Drecksäue!“ die Szene fluchend segnet. (Die Schauspieler sind, bis auf das leuchtend lebende Süße Mädel der Katrin Wichmann, karikaturhaft leblose Krampfhähne und -hennen.)
Lauter Hinterweltler
Im Wiener Burgtheater, wo jetzt Stefan Bachmann „Die Trilogie des Wiedersehens“ inszeniert, dreht sich die Drehbühne und zeigt die Hinterwelt eines hohen Zylinders, in dessen Gestänge und zwischen dessen Durchgängen eine lustig in die lächerlich grelle Ledermantel-, Schlaghosen-, Stiefel-, Minirock- und Langhaarmode der siebziger Jahre gekleidete Boulevardgespenstergesellschaft sich tummelt, die der Regisseur zu Paaren treibt, die sich beknutschen und befummeln und belesbeln, schon auch mal, wenn sie was Dummes gesagt haben, in die Ecke gestellt werden wie ertappte Schulbuben, sich auf Sofas flezen, unaufhörlich durcheinander reden und sich ebenso unaufhörlich quietschfidel entlarven. Lauter Hinterweltler, einer Pappkameradenbeziehungskiste von vorgestern entpurzelt.
Wo Strauß sie aneinander vorbei wehen und tanzen und schweben lässt, hocken sie hier bräsig aufeinander. Wo Strauß sie in Einzelgruppen auseinander choreographiert, kleben sie hier kollektiv aneinander. Jede Intimität gerät sofort ins Öffentliche. Jedes geheime Begehren wird zur Sache aller. Die Sprachen ihrer Liebe, ihrer Sehnsüchte, ihrer Qualen, ihrer Rücken-an-Rücken-Vereinigungssucht, ihrer Verzweiflung an Zeit und Welt ist ihnen, wenn nicht ganz gestrichen, so doch ganz auf Oberfläche, auf Plapperstrich gebürstet. Am Ende geht der Zylinder auf. Es wallt Nebel. Und weil irgendwo einmal das Wort „Tod“ vorkommt, legen sie sich samt und sonders auf einem großen Haufen zum lustigen Sterben nieder.
Was Bachmann hier anrichtet, hat etwas von snobistischem Boulevardbeichtstuhl, in dem der Regie-Pfaffenkaspar dauernd mit einem „Ego non absolvo, ihr Lächerlichen!“ die Szene gratismutig krähend segnet. (Die Schauspieler sind bis auf die verzweiflungsflirrende Susanne der Regina Fritsch karikaturenhafte Glanzhähne und -hennen.) Zwei Regisseure, beide Anfang vierzig, haben jeder ein altes Stück inszeniert. In beiden geht es um die verzweifelte, schön-schreckliche Frage, die in einer frühen Komödie von Botho Strauß („Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“) sozusagen für alle dramatischen Zeiten gestellt wird: „Gibt es das? Ein Paar! Ein Paar, das diesen wunderbaren Namen verdient – und einer lässt sich vom anderen überraschen und fällt vor Überraschung aufs Parkett?“ Strauß trauert selig in der „Trilogie des Wiedersehens“, Schnitzler lächelt bitter im „Reigen“ über die Unmöglichkeit einer Antwort. In Wien zieht Bachmann die Trauer von Strauß ins Lächerliche, in Hamburg zieht Thalheimer das Lächeln von Schnitzler in den Dreck. Ein durchaus typisches Wochenende im Theater.
Warum können diese hochsubventionierten Regie-Zampanos ...
Peter Zentner (Caterwaul)
- 08.03.2009, 20:05 Uhr
Wie wär's
Hans-J. Hofmann (hans-j.hofmann)
- 08.03.2009, 20:57 Uhr