Gewöhnliche Menschen leben nur einmal und sterben ohne künstlerischen Ehrgeiz. Die serbische Performancekünstlerin Marina Abramovic kennt kein Privatleben und fürchtet keinen Tod, weshalb sie auch ihre Beerdigung schon bis ins Detail geplant hat. In Basel war jetzt schon mal zu sehen, wie sich der amerikanische Theatermacher Robert Wilson ihren Tod vorstellt: als grandios verkitschte Himmelfahrt einer Schmerzensmadonna.
Zu Beginn des Abends liegt die Königin der Performance ganz in Schwarz mit zwei Doppelgängerinnen auf Katafalken, selbdritt wie Jesus am Kreuz, beschnüffelt von drei Dobermännern und betrauert von montenegrinischen Klageweiberchorälen. Am Ende wird sie ganz in Weiß als dreifaltige Mater Dolorosa in den Bühnenhimmel entrückt. Dazwischen wird ihr Leben, Leiden und Streben chronologisch nacherzählt in suggestiven Tableaux vivantes, Heiligenbildchen, choreografisch gemessenen Gängen und getragenen Gesängen. William Dafoe, Martins Scorseses Christus und Lars von Triers Antichrist, macht dazu als Grabredner hinreißend böse Miene zum traurigen Spiel. Mit Clownsgrinsen, feuerrotem Stuwwelpeterhaar und kobolzender Ironie rekonstruiert er Stationen aus Abramovics Erdenwallen: Hassliebe zur übermächtigen Mutter; blutende Milchzähne; erste Liebe, frühes Leid; russisches Roulette in Vaters Bibliothek; Depressionen; Beziehungsprobleme. Kein Trauma bleibt ausgespart; aber Geschichte, Gesellschaft und auch Abramovics Kunst-Therapie müssen draußen bleiben.
Die Künstlerin lässt es sich gefallen. Gelegentlich staunend oder leicht belustigt, meist aber hoheitsvoll ungerührt, schreitet die Diva ihrer Grablegung entgegen. Maskenhaft geschminkt, aufgebockt auf allerlei Gestellen, lässt sie sich fast willenlos verzücken und entrücken. Tradition verpflichtet: Abramovics Onkel war Patriarch, ihr Vater jugoslawischer National- und Frauenheld, ihre Mutter eine Kontroll-Domina. Derart geprägt, erwarb sich Abramovic in den Siebzigern einen Ruf als „härteste Künstlerin der Welt“, küsste bis zum Umfallen, wusch bis zum Erbrechen Leichen und kämmte sich die Haare, bis die Kopfhaut blutete. Sie ging bei den tibetanischen Nomaden und Aborigines in sich, ritzte sich mit Rasierklingen einen fünfzackigen Stern in den Bauch, geißelte sich mit Peitschen, Feuer und Eis.
Inzwischen lässt sie es ruhiger angehen. Zuletzt saß sie im New Yorker Museum of Modern Arts 736 Stunden mit 1565 Gästen (darunter Sharon Stone, Björk und Lou Reed) schweigend an einem Tisch. Viele waren hinterher zu Tränen gerührt.
Wo aber Marina Abramovic ihr blutendes Herz herzeigt, stellt Bob Wilson künstliche Tableaus aus. Wo sich die Schmerzensmutter der Kunstreligion Stigmata zufügt und leibliche Authentizität aus allen Poren schwitzt, zelebriert Wilsons Hohe Messen abstrakten Schönheitskults. 2011 kam es beim Manchester International Festival zum Gipfeltreffen und seither tourt die internationale Koproduktion um die Welt. Anlässlich der Art Basel landete das Raumschiff aus dem New Yorker Kunstbetrieb jetzt für ein dreitägiges Gastspiel auch auf deutschsprachigem Boden. Nie sah das Basler Theater eine solche Invasion von internationaler Vernissagenschickeria mit Designerkleidern, iPhones und gelangweilten Mienen.
Das Theater galt Abramovic lange als niedere Kunstform; schließlich arbeitet es nur mit Kunstblut. Inzwischen hat sie die Kontrolle über ihre Biografie aber schon sechs Mal an Theatermacher abgetreten, und auch der Magier Wilson enttäuscht ihr Vertrauen nicht. Aus dem Zusammenstoß von Künstlichkeit und Körper, Maske und Gesicht, modernem Museum und altem Theater entstehen große, hypnotisch bezwingende Bilder, aus den Schluchten des Balkan und seelischen Abgründen steigen unerhörte Töne - aber auch jede Menge kunstgewerbliche Routine. Antony Hegarty mag ein großartiger Sänger und Komponist sein, betörend transsexuell.
Aber wenn der Todesbote wie in Trance von makellos rosigen Engeln, Opferlämmern unter Trauerweiden und Vulkanen aus Schnee raunt, wenn auf der Bühne Flügelwesen auf und nieder schweben und die irdischen Heerscharen Monstranzen und Tabernakel in Zeitlupe hin und her tragen, wird aus der Apotheose Kitsch, aus dem Soldatenballett eine Pekingoper für Arme, aus Marinas Liebesleid Beziehungsknatsch. Krieg, Schmerz, Trauer, Selbstzerstörung: Alles wird zu keimfreier Schönheit geplättet. Das Sein wabert in Kunstnebeln und zenbuddhistischem Kasperletheater. So zahlt Marina Abramavic einen hohen Preis für ihre Heiligsprechung: Ihr Leben verschwindet hinter ihrer Maske.
Warum verschwindet das Leben hinter einer Maske?
Axel Malik (axelmalik)
- 16.06.2012, 18:25 Uhr