23.04.2007 · Arme Würstchen am Höllenpsychogrill: Ingmar Bergmans beklemmenden Fernsehfilm „Aus dem Leben der Marionetten“ holt Andreas Kriegenburg in Hamburg auf die Bühne - auf künstlerisch brenzliger Sparflamme.
Von Irene BazingerIm Thalia Theater Hamburg winkt man seit neuestem nicht mit dem Zaunpfahl, sondern gleich mit einem ganzen Zaun. Der begrenzt eine quadratische, dunkel glänzende Spielfläche und besteht aus roten Metall-Lamellen, die in den Himmel wachsen, den viele kleine Lämpchen erleuchten. Die Menschen wirken wie Tiere im Zoo, obwohl sie elegante Anzüge und schicke Kleider tragen. Handelt es sich etwa um gutgetarnte Ungeheuer hinter Gittern? Besser verdienende Jedermänner und Biederfrauen, vor denen man sich fürchten muss?
In Ingmar Bergmans beklemmendem Fernsehfilm „Aus dem Leben der Marionetten“, den er 1980 für das ZDF drehte, jedenfalls nur bedingt: Dort sind es wohlsituierte Hohlkörper aus der gehobenen Mittelschicht, die an ihrer inneren Leere und dem geschmackvoll kaschierten Weltekel zugrunde gehen. Unter ihresgleichen sind sie ungefährlich, aber bei den Empfindlicheren können in fremdem Milieu die Schutzpanzer gegenüber der Realität Risse bekommen und explosive Reaktionen hervorrufen, sagt Mogens Jensen, der Psychiater in diesem Freundeskreis.
Versprengte Elementarteilchen
In der als Uraufführung deklarierten Theateradaption von Bergmans Film durch Andreas Kriegenburg sind die versprengten Elementarteilchen jedoch höchstens arme Würstchen am Höllenpsychogrill - unaromatisch, formlos und schlecht bei Stimme: Eingesperrt wegen der sträflichen Lustlosigkeit ihres Regisseurs, ihnen eine Geschichte oder ein dramatisches Profil zu geben. Einzig auf plakative Äußerlichkeiten fixiert, hat er ihnen als sein eigener Bühnenbildner ein künstliches, japanisch geprägtes Paradies mit zwei blühenden Kirschbäumen, einem Sofa und einem niedrigen Holzbett samt schwarzen Satinbezügen entworfen. Alles ist gepflegt, prätentiös und banal - wie freilich die gesamte Aufführung auch.
Und das ist schon eine erstaunliche Fehlleistung angesichts von Bergmans schockierend schlüssigem Drehbuch: Da bringt der nach außen hin glückliche und erfolgreiche Ingenieur Peter Egerman offenbar völlig unmotiviert eine Peepshow-Tänzerin im Bordell um, holt Jensen an den Tatort und verstummt, bloß noch mit seinem Schachcomputer im Dialog, sicherheitsverwahrt in einer Nervenklinik. Fast durchgängig in Schwarzweiß fotografiert, enthüllen die inhaltlich wie zeitlich locker verbundenen Kapitel eine gefühlskalte Gesellschaft mit blitzender Fassade, hinter der das nackte Elend grassiert.
Zaunpfahl! Zelle! Zwangslage!
Um das zu zeigen, lässt Kriegenburg die vordere Gitterwand manchmal hochfahren (Einblick), danach senkt sie sich regelmäßig wieder herab (Draufsicht): Zaunpfahl! Zelle! Zwangslage! Seine Schauobjekte von Daseinshäftlingen ziehen sich oft ein bisschen aus und dann von neuem an. Wenn's ernst wird, müssen sie brüllen, zumal in diesen Szenen die beiläufig plätschernde Musik stets bedeutungsvoll laut wird. Bisweilen rennt einer innen an der Lamellenumfassung entlang und produziert auf ihr mit der Hand oder einem Messer, das natürlich nicht fehlen darf, Geräusche. Am häufigsten indes werden von den Darstellern die Silben ihres Textes verschluckt, als hätte das triste Ensemble Hunger und der Regisseur es nicht zu sättigen vermocht.
Jörg Pose, der in der Rolle des Peter wie eine schale, überforderte Behauptung existentiellen Unglücks erscheint, schmeißt sich nach der Pause in einer hinzugefügten Sequenz überdies als Alleinunterhalter vergeblich an das Publikum heran und lacht dabei über seine Scherzchen selbst am meisten („Da müssen Sie jetzt durch“). Judith Hofmann spielt als seine Frau Katarina ebenso farblos und unkonturiert wie Hans Löw, der den Psychiater als überkandidelte Plappertasche verkauft. Wie sehr sie auch zappeln und zetern, Bergmans unerbittliche Wahrheiten erreichen sie nie, und Kriegenburg kann ihnen keine eigenen anbieten. Am Schluss duscht sich Peter nach dem Mord an der Prostituierten in einem dünnen Strahl aus Blut, als wäre wegen seines Verbrechens die Sprinkleranlage angesprungen. Oder doch eher wegen dieser einfallslos-hausbackenen Inszenierung auf künstlerisch brenzliger Sparflamme?