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Theater Friede? Elfriede!

 ·  Kannibalen, Huren und Plüschfrösche: Nicolas Stemann bringt in Wien Elfriede Jelineks „Babel“ auf die Bühne - Monologe über Gottessöhne und Gotteskrieger, Fleischeslust und Religion, Mütter und phallische Mächte.

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Zur rasenden Beliebtheit und zum Erfolg der Theaterautorin Elfriede Jelinek trägt sicher bei, daß sie den Regisseuren freie Hand läßt. Notgedrungen, denn Elfriede Jelinek schreibt bekanntlich keine Stücke, sondern glatte Prosa, in der wie in ihrer neuesten Textfläche „Babel“ zum Beispiel der Irak-Krieg, und wie die Medien ihn aufbereiten, weit austapeziert ist. Ein Theaterstück, beziehungsweise ein Bühnen-Event machen daraus dann Regisseure, die Textpassagen herausfiltern und auf Rollen verteilen. Elfriede Jelinek erfordert also automatisch Regietheater.

Interessant eigentlich, daß ausgerechnet die Feministin die Textknetmasse liefert, deren Formgebung aber großzügig den Herren Regisseuren überläßt. Beim „Sportstück“ machte sich Einar Schleef zum kongenialen Partner; im Kaprun-Stück „Das Werk“ erwies sich Nicolas Stemann als ihr Meister; der Kriegsflächenbrand „Bambiland“ bekam mit dem Chaoten Schlingensief freilich nur dessen egomanische Privatproblem-Einfärbung.

Fleischeslust und Religion

Jetzt war wieder Stemann dran, drei unter dem Titel „Babel“ zusammengefaßte Monologe über den Irak-Krieg, über das Foltern und Ficken, über Fernsehbilder, über Gewalt, Gottessöhne und Gotteskrieger, Fleischeslust und Religion, Mütter und phallische Mächte zu dramatisieren und so Kopftheater der Elfriede Jelinek im Wiener Akademietheater auf die Beine zu stellen. Eine Knochenarbeit, während der Stemann in Interviews immer wieder zubiß: „Ich frage mich, wer das außer dem Nobelpreiskomitee und Leuten wie mir, die dafür bezahlt werden, sonst noch liest.“

Der Abend freilich hob an mit grandioser Zärtlichkeit. Eine sonore Stimme bat die Mobiltelefone auszuschalten, und redete dann weiter wie eine sanfte Gewissensstimme, vom Umgang mit armen kranken Servern, von Immunsystemen, Viren und freien Radikalen, von Menschen, Maschinen und vom Fühlen, und der rote Vorhang öffnete sich einfach nicht, färbte sich im Lichtspiel immer wieder nachtschwarz. Die Stimme forderte zum Anschauen von Fotos auf, aber der Vorhang blieb zu, aber sein Blutrot leuchtete immer kräftiger und offenbarte die magische Schönheit des Theaters.

Die allmächtige Mutter

Mit solch rätselvoller Verhaltenheit, einem Bilderverbot, wurden Schaulust und Spannung eine raffinierte Viertelstunde lang gesteigert, bis ein giftgrüner Plüschfrosch hervorlugte und das Hörspiel zum Fernsehpuppenspiel mutierte. Bald waren es neun Sesamstraßenfrösche, die vor dem roten Vorhang von neuen Videos und scharfen Fotos quakten und schon auch aggressiv wurden.

Auftritt der allmächtigen Mutter. Es beginnt eine surreale Familienseifenoper des Titels „Die Jelineks“: Kinder kicken im blumentapezierten Wohnzimmer, das Christuskreuz über dem Kamin wird durch ein Bin-Ladin-Bild ausgetauscht, Barbara Petritsch gibt das Abziehbild eines abgründigen Muttertiers zwischen Burenwurst und Backrohr, in dem sie später den über alles geliebten Sohn, ihren Gott, den kleinen Penisträger und Triebwagen, brutzeln läßt.

Sohnmütter und Müttersöhne

In „Babel“ knöpft sich Elfriede Jelinek frei nach Lacans Inzesttheorie und anderen Psycho-Philosophien die Sohnmütter und Muttersöhne vor, die in dieser musikalischen Inszenierung zu Schalmeienklängen begeistert in den Krieg getrieben werden; so theatralisiert Stemann die Entwicklungsromane junger Männer.

Im nächsten Bühnenbild von Katrin Nottrodt phantasieren sie hinter Guantanamo-Gittern aufsteigende Jungfrauen, videoprojizierte Engel und Sex-Comics herbei; unter einem Kreuz, auf dem im Anzug mit Krawatte eine Bush-Puppe hängt, schreien sie herzzerreißend nach dem Papa, der sie verlassen hat; und wie in Abu Ghraib gestalten sie splitternackte oder transvestitische Folter-„Kunstwerke“. Und wenn die entblößten Krieger Philipp Hauß, Markus Hering und Philipp Hochmair sich dafür beim Publikum so unschuldig wie ironisch entschuldigen mit dem Satz „Wir dachten, das sähe lustig aus!“, dann meinen sie sich auch als Schauspieler.

Immer noch eine Groteske drauf

So setzt die Inszenierung dem süffisanten und oft parodistischen Jelinek-Ton immer wieder noch eine Reflexion, Groteske und Ironie-Stufe drauf. Vorgeführt werden nicht individuelle Personen, sondern Posen frei- und losgelassener Körper, wie sie Elfriede Jelinek ja überall sieht in der Werbe- und Medienwelt. Sauber reihen sich sexualisierte Lebensbilder: Eine Wiener Hure präsentiert sich in lasziven Stellungen, eine entzückende Japanerin entpuppt sich als Selbstmordattentäterin, eine Kannibalin trägt brav detaillierte Eßerlebnisse vor zu klassischen Klängen. Die anstößigste Szene ist also eine verbale (nicht aus der Feder von Elfriede Jelinek): Kannibalenkitsch mit Rotlicht. Und langsam fügen sich die Teile nicht mehr zum Ganzen, die babylonischen Bilder erschöpfen sich. Man kennt das alles schon.

Ein Veteran hat aber noch immer nicht genug, zappt sich mit Doppelklick durch Folterrevuen und Blutbäderfotos, blutbesudelte Schauspieler setzen mit einem brüllenden Flötenspieler (Hermann Scheidleder als mythologischer Marsyas) zu einem infernalisch grellen Finale an, bei dem einem Hören und Sehen vergehen soll. Dem majestätisch sitzenden Apoll mit der Leier ist das egal, er siegt. Viel Theaterblut ist geflossen. Ab in die Duschen!

Quelle: F.A.Z., 21.03.2005, Nr. 67 / Seite 35
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