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Theater : Ein Woyzeck auf dem Königsthron

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Zum Handkuss, Maman: Jeroen Willlems als König Ludwig II. von Bayern und Sylvana Krappatsch als Königin Mutter Bild: Rabanus

Traumtänzers Gefängnis: An den Münchner Kammerspielen adaptiert Regisseur Ivo van Hove Viscontis Filmklassiker „Ludwig II.“ - und zeigt den den bayerischen Märchenkönig als Mitleid erregende Identifikationsfigur.

          Ein leuchtender Kubus dominiert den schwarzweißen Raum auf der Bühne der Münchner Kammerspiele: Von innen Palast, von außen Bunker, innen spielen die Staatsgeschäfte, außen spielt die Musik (Wagner). Wie von Geisterhand öffnet und schließt sich die Tür zwischen den zwei Welten - als seien die Wege dazwischen vorbestimmt oder einfach nur den Gewohnheiten so gut angepasst, dass die Mechanik der Dinge hier zur erweiterten menschlichen Motorik gehört. Durch eine solche Tür muss Ludwig II., Bayerns unglücklicher Märchenkönig, öfter als ihm lieb ist, gehen. Er versucht den Zwinger, als den er seine Herrscheraufgabe empfindet, abzuschaffen, indem er ihn meidet.

          Ein guter Bühnenentwurf kann Grund genug sein, Luchino Viscontis Endlosfilm über das Leben Ludwigs II. für die Bühne zu adaptieren. Der flämische Regisseur Ivo van Hove, erprobter dramatischer Filmadapteur, hat für seine Inszenierung ganz auf die grafisch-symbolische Bühnengestaltung von Jan Versweyveld und die diskrete Videokunst von Yal Tarden vertraut. So erzeugen auch schon einfache Ideen starke Illusionen. Etwa, wenn gegen Ende des Abends die von Anfang an schwach sichtbaren Art-brut-Kreidezeichnungen auf den tafelartigen Bühnenbegrenzungswänden immer mehr durch Schwarzlicht herausgeleuchtet werden. Die naiven Storyboards über den Geisteszustand des Königs könnten auch einfach wie ein ziemlich plumpes psychologisierendes Gefasele wirken, aber sie geben dem Raum in immer neuen Perspektiven ein magisch-phosphorisierendes Gerüst.

          Der Drehbuch-Text bleibt beinahe unangetatstet

          Während also die Bühnengestaltung einen komplett neuen Rahmen für „Ludwig II.“ gibt und auch auf historische Kostümausstattung außer in Andeutungen verzichtet wurde, bleibt der Text von Viscontis Drehbuch beinahe unangetastet, nur ein wenig gekürzt und umgestellt. Damit wird nicht nur eine künstlerische Entscheidung getroffen, sondern auch ein kleines gesellschaftliches Wagnis begangen. Denn Viscontis Film durfte bei Erscheinen 1972 nach bayrischen Beschwerden nur zensiert gezeigt werden. Von Homo sexualität und Freitod des Königs wollte man (damals) nichts wissen. Schließlich ist Ludwig II. das Kulturerbe Bayerns zu verdanken: das Festspielhaus in Bayreuth und das Schloss Neuschwanstein. Der Mann hätte also eher heiliggesprochen werden müssen.

          Ludwig und Sisi zu Füßen der der projezierten Prinzessin Sophie (Katharina Hackhausen)

          Als 1998 der bayerische Kabarettist Georg Ringsgwandl „Ludwig II. - Die volle Wahrheit“ an den Kammerspielen zeigte, demonstrierten draußen sogenannte Guglmänner, Mitglieder eines Geheimbundes, die sich noch heute königstreu nennen und der Aufklärung von Ludwigs Todesumständen verschrieben haben. Zu van Hoves Premiere blieb aber alles ruhig und protestlos. Also kein Spektakeleffekt für die Inszenierung, die, Viscontis Geschichtsdarstellung folgend, sowohl die jährlich neu aufgelegten Verschwörungstheorien als auch den geschichtlichen Forschungsstand außer Acht lässt.

          Mischung aus pensioniertem James Bond und höherem Angestellten

          Van Hove erzählt die Geschichte eines königlichen Woyzeck, der, unfähig zu menschlichen Bindungen, sich in den Traum von einer besseren Welt flüchtet - und scheitert. Auch der Traum vom Gesamtkunstwerk einer ästhetisierten Politik zerbricht ihm: Also zertrümmert er den Flügel, der im zweiten Akt, wo Ludwig sich vor dem Deutsch-Französischen Krieg verkriecht, die Bühne dominiert. Der Film-Text wirkt auf der Bühne etwas gestelzt, macht es auch hochkarätigeren Schauspielern ein wenig schwer. Trotzdem gelingen Brigitte Hobmeier als Kaiserin Sisi, Steven Scharf als Diener Volk und Joseph Kainz oder Edmund Telgenkämper als Graf von Dürckheim einige sehr präzise Szenen.

          Den Hauptpart jedoch trägt in dreistündiger Dauerpräsenz der Schauspieler Jeroen Willems als Ludwig II. Er wechselt das Register zwischen Kunstschwärmerei, inszeniertem Textaufsagen, holländisch akzentuiertem Alltagsslang und cholerischen Ausbrüchen und bleibt dabei stets eine grundsympathische Mischung aus pensioniertem James Bond und melancholischem höherem Angestellten. Eine zum Schluss geradezu Mitleid erweckende Identifikationsfigur, an der sich der Zuschauer einmal mehr gegen die böse Welt da draußen festhalten kann. Die Tragik psychiatrischer Intrigen und politischer Machtkämpfe wird dadurch zwar ziemlich weggespielt, aber die Daseinsmelancholie vor dem Hintergrund der traurigen Tropfgeräusche aus den Boxen, die wie Einspielungen aus einem Tarkowski-Film wirken, entwickelt eine schöne Sogkraft.

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