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Theater : Draußen vor dem Nest

  • -Aktualisiert am

Zuständig für leichthändig inszenierte Zeitkritik: Philipp Löhle Bild: Nationaltheater Mannheim

Vier junge Dramatiker, vier junge Regisseure, vier neue Stücke, vier Uraufführungen. „4 × 4“ in Mannheim oder: Was tut sich in der Kinderstube des deutschen Theaters? Ein Überblick.

          Die dramatischen Stückebauer Juliane Kann, Lorenz Langenegger, Philipp Löhle und Ewald Palmetshofer sind zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt. Die Regisseure Konstanze Kappenstein, Angela Hölzle, Boris C. Motzki und Torge Kübler sind es auch. Sie könnten familienmetaphorisch betrachtet unsere Kinder sein. Wenn nun im Studio des Mannheimer Nationaltheaters die vier jungen Regisseure auf vier neue, kurze Stücke der vier jungen Dramatiker losgelassen werden, schauen wir sozusagen mal kurz in der Kinderstube des deutschen Theaters vorbei.

          Und womit spielen unsere Kinder? Mit ihrem Elend, das naturgemäß auch das unsere ist. Denn woher sollten sie es sonst haben? Sie haben sich allesamt damit in ihre jeweilige Ecke zurückgezogen, basteln ein wenig daran herum und besprechen und begrummeln es. Wie wenn sie so à la „Ja, was tust du denn da?“ zu einer Stoffpuppe monologisch staunend sprächen und ihr so Leben einzuhauchen versuchten.

          Die Welt als Zimmer

          Wobei auffällt, dass sie allesamt arbeitsame Kinder sind, denen ein sozialdemokratisches protestantisch leistungsethisches Wohlstandsgewissen sozusagen in dritter Generation vererbt und ihnen in Fleisch, Blut, Papier und Mentalität übergegangen zu sein scheint. Denn das äußerste Dramatische, zu dem sie sich versteigen, das schlimmste Elend, das sie sich offenbar vorstellen können, ist: die Arbeitslosigkeit. Das zweitschlimmste: die daraus resultierende Einsamkeit. Das drittschlimmste: die dann daraus resultierende Aus-der-Welt-Gefallenheit. Mehr fällt ihnen nicht ein. Ihre Stücke könnten alle den Titel tragen: „Draußen vor dem Nest“. Gespielt aber wird im Winkel. Man giert nach Welt, bleibt aber im Zimmer. Ist aber dabei, anders als ältere Dramatikerjahrgänge, nicht sentimental. Sondern geradezu tapfer. Als wollten sie sich dauernd selber Mut machen: Haben wir uns nicht so; es ist zu ertragen! Und so haben sie sich denn auch eingerichtet.

          Boris C. Motzki inszeniert die Seufzer von Löhles Arbeitslosen
          Boris C. Motzki inszeniert die Seufzer von Löhles Arbeitslosen : Bild: Nationaltheater Mannheim

          Noch am weitesten und frechsten aus einer Ecke heraus traut sich Philipp Löhle, der sogar an Herrn Scholz, den Arbeits- und Sozialminister der Bundesregierung in Berlin, einen Brief schrieb, mit der Bitte, sein Stück „Herr Weber und die Litotes“ zu prüfen und dazu Stellung zu beziehen, was der Minister natürlich abgelehnt hat. Im Stück wird ein Arbeitsloser, der illegal S-Bahn-Fahrkarten vertickt, von einer staatlichen, womöglich ministeriellen Geheimagentur von der Straße geholt, die ihn dazu anhält, zur Lösung des demographischen Problems (zu viele kostspielige, kranke Alte, zu viele Rentner) dadurch beizutragen, dass er die geriatrische Population streng nach Plan sauber ins Jenseits befördert (Tod durch sanftes, erstickendes Handauflegen).

          Der Regisseur hilft dem Dichter

          Löhle liebt das Groteske. Seine Aus-der-Welt-Gefallenen sind immer auch Ausgefallene. Aber der große, stille Ernst, mit dem der junge Regisseur Boris C. Motzki jeder Wortnuance, jedem Sprachseufzer des Arbeitslosen nachgeht, der sein Tun und Lassen einer dementen Alten im Rollstuhl erklärt, die in Gestalt der Schauspielerin Gabriele Badura zwischen halb entschlafener Hexe und erinnerungsloser Hass-Parze changiert, macht aus der spielerisch satirischen Sozialproblemübertreibungszuspitzung, hinter der naturgemäß eine große Sozialfürsorge hervorflackert, ein wundersames Kinderkammerspiel. Und die Todespointe ereignet sich verzweifelt zärtlich und beiläufig. So, als habe Tschechow mit Ionescos Handschuhhänden der Alten den Atem weggewischt. Wie überhaupt auffällt, dass die junge Regie den jungen Dichtern nicht übers Maul fährt, sondern ihnen dadurch dient, dass sie mehr aus ihnen heraushört, als diese hineinzupacken wagten.

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