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Theater Der Triumph des Kindskopfkaisers

09.04.2004 ·  Lebenslüge als Theatermärchen: Peter Zadek, der entspannteste und genialste aller alten Jugendtheatermeister, inszeniert „Peer Gynt“ am Berliner Ensemble. Das Resultat ist überwältigend.

Von Gerhard Stadelmaier
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Die berühmteste Küchenszene der Weltdramatik findet im Berliner Ensemble in einer Imbißbude statt. Currywurst laut Preistafel ein Euro achtzig. Hier schält Peer Gynt seine große symbolische Zwiebel. Heimgekehrt, ein Leben voller Lügen, Betrug, Laster, Schweinereien und Selbstsucht hinter sich, zieht er Schale um Schale ab. Die eine steht für den Lügner und Geschichtenerzähler, die andere für den Brauträuber, die dritte für das Schwein Peer, das sich ins Reich der geschwänzten und pissetrinkenden Trolle begab, um deren König zu werden, die vierte für den Goldgräber, für den Sklavenhändler, für den falschen Propheten unter Beduinen, für den Altertumsforscher Peer Gynt, der in einem ägyptischen Irrenhaus landete, die fünfte für den Peer Gynt, der auf der Heimreise nach Norwegen im Sturm einen Schiffskoch vom Rettungsboot in den Tod stieß, um selber zu überleben - und am Ende ist im Kern der Zwiebel: nichts. Noch jede "Peer Gynt"-Inszenierung erhebt hier den Zeigefinger. Das Ich - eine Nullstelle.

Hier ist es eine zeigefingerlose Lachstelle. In der Imbißbude fummelt kein alter, trauriger Mann am krokodilstränentreibenden Gemüse, der immer nur "er selbst" sein wollte, aber immer nur "sich selbst genug" war. Uwe Bohm trägt zwar als Peer Gynt einen langen, dunklen Mantel und einen leicht zerknautschten Hut, den Habit des Lebensende-Wanderers. Aber die Zwiebelschalen, die sein Leben bedeuten, präsentiert er ("Die Natur is witzich, nöch?") in Gestus und Miene eines lausbübisch aggressiv charmanten Prolo-Dandys. Der Tod hat schon mal bei ihm angeklopft. Der Abgesandte des Herrn des Himmels und der Erde, der Knopfgießer, ist mit römischem Kindergladiatorenhelm und blauer Radlerhose hinter ihm her und will Peer Gynt in der großen Kelle umschmelzen. Das große, kritische bürgerliche Stationen- und Mysterienspiel aus dem Jahr 1867 ist auf dem metaphysischen Höhepunkt. Aber Uwe Bohm scheint als Peer nicht so sehr nach der letzten Chance zu schielen, dem Welt- und Gottesgericht zu entkommen, als vielmehr eventuell nach der guten Butter zu gucken, in der er seine Zwiebel, also sein Leben, anbraten und sich am guten Duft berauschen könnte.

Lachendes Ego

Kein leeres Ich. Ein lachendes Ego. Denn gerade der Tod gerät diesem Peer Gynt zum letzten Triumph eines Kindskopfkaisers. Er wird Solveig, der Frau, die ein ganzes Leben lang auf ihn gewartet hat, ohne von ihm irgend etwas anderes zu erwarten, als daß er einmal heimkomme und auf ihren Schoß klettere, um zu sterben, auf eben diesen Schoß klettern wie ein großes, komisches, infantiles Reptil, wird sich noch einmal streicheln und wunderschön ansingen lassen. Und einfach die Augen zumachen.

Peter Zadek, der in zwei Jahren achtzig wird, der entspannteste und genialste aller alten Jugendtheatermeister, hat, wenn er Ibsen inszeniert, immer schon die Todgeweihten, denen der Dramatiker so absichtsvoll das Grab aus Lebenslüge, Schuld und Sühne bereitet, so hinreißend lebenssüchtig sterben lassen, als gingen sie nicht ins Jenseits, sondern nur mal ins Paradies um die Ecke. Hilde Wangels Jubel über den Todessturz ihres "Baumeisters Solneß" war 1984 im Münchner Residenztheater ein herrlicher Liebesschrei. Und "Wenn wir Toten erwachen", der letzte Gang von Professor Rubek mit Irene, in den Münchner Kammerspielen 1991, war kein Gletscherspaltensturz, sondern ein kindlich zutrauliches Verschwinden in einer Art Zaubergebirge. Rebeccas und Rosmers Ersaufen im Mühlenbach von "Rosmersholm" war in Wien 2002 nicht die Strafe für ein verquältes Leben, sondern der letzte Streich eines Paars, das erst im Tod die Liebe entdeckt, komisch, verrückt und zärtlich.

Das Leben als Geschenk

Es ist Mode geworden im Theater, das Theater zu verachten und nur noch vom sogenannten Leben zu reden. Alle wollen es. Alle quälen sich damit. Keiner kriegt es. Weil keiner mehr ans Theater denkt. Nur Zadek feiert unnachahmlich und locker und gewissenlos das Leben - weil er an nichts anderes denkt als an Theater. Und bekommt das Leben wie ganz natürlich und nebenbei geschenkt. Seine außerhalb der Ordnungen stehenden Helden, Träumer und Verbrecher sind die Probe aufs Exempel, daß das Theater das tollere, grausamere, witzigere Leben ist - wenn es ums Leben spielt. Ohne Requisite und Kulisse. Zadek bezahlt bar. Er macht lange schon keine Illusionsschulden mehr.

Die Bühne des Berliner Ensembles ist ganz leer. Die alte Frau in der Kittelschürze, die sich um Leib und Leben ihres Sohnes sorgt, der ihr eben erzählt, er sei auf einem Rentierbock einen Fjordgrat entlanggerast und ins Meer geplumpst, lauscht einer Lügengeschichte. Aber so, wie Angela Winkler als Peers Mutter Aase der alten, abgestandenen Story folgt, die Augen aufreißt, dem Kindskopf in der zerrissenen Hose und den hängenden Hosenträgern über den Wuschelschädel streicht, sich erschüttern läßt bis auf den Grund ihrer glutäugig zitternden Seele, wirkt es, als sei der leere Raum mit nichts gefüllt als mit Stürmen, rasenden Wolken, schwebenden Adlern, galoppierenden Rentieren. Die Phantasie folgt aufs Wort. Das Leben hat Pause. Das Lebenstheater des Kindskopfes Peer füllt die Welt total. Und Angela Winklers Aase wird durch dieses Theater streifen wie ein wunderbarer Mutterirrwisch zwischen Hingerissenheit und Verzweiflung: zugleich ein Höllenopfer und die Himmelskönigin in Peers Phantasiereich. Bis zum Tod.

Trolle mit Schwellköpfen

Und wenn dann in den leeren Raum einfach die Bauern purzeln, denen Peer die Braut stiehlt, mit der er sich dann post coitum halbnackt und urkomisch durch die Proszeniumsloge hangelt; wenn dann die große Sau der Trollkönigstochter hereinwatschelt, die Trolle mit Schwellköpfen und Schwänzen und Grunzschnauzen den Peer zu einem der ihren machen wollen; wenn sich dabei aber die Bauern einfach in Trolle verwandelt haben, wie sich später einfach die ägyptischen Irrenhäusler in norwegische Wellen verwandeln, und aus einem Irrenhausbuch einfach ein auf- und abtauchender Schiffsbug im Sturm wird, dann verwandelt sich alles. Bis auf Peer. Er wird nicht vom Rowdy zum Büßer, vom Anarchisten zum Kapitalisten, vom Outlaw zum Spießer. Der Träumer, der Geschichtenerfinder, der Lügner Peer, der sich schon als Kind zum Kaiser der Welt macht - bleibt Kind und Kaiser immerdar.

Zadek kritisiert die Peer-Figur nicht, wie es Peter Stein vor über dreißig Jahren in seiner berühmten Berliner Schaubühnen-Inszenierung tat, die den heruntergeputzten Helden in insgesamt sechs Gynts als sechs Varianten bürgerlich-weltlichen Fehlverhaltens aufgespalten hatte. Zadek drückt Peer lachend an sein Regie-Herz, den unsterblichen Gynt, die alleinseligmachende Version eines Welt-Spielers. Hier wird nicht das Individuum zum Verschwinden gebracht. Hier feiert das Ego seine große Lebenstheaterkomödie.

Gut gelungene Kopf-Geburt

Seine Mutter nimmt dieser Ego-Gynt, als sie stirbt, auf seine Schultern und wirbelt sie sanft ins Jenseits. Solveig, das kleine taffe Mädchen im blauen Kleid, das Annett Renneberg nicht als Madonna der Fjorde, sondern als erste staunende Zuschauerin und verliebte Kritikerin im großen Peer-Gynt-Theater gibt, behandelt der Lebenstheatermacher Gynt wie eine besonders gut gelungene Kopf-Geburt seiner Phantasie: als die Keuschheitsvariante seiner wüsten Weiber-Kreationen. Er durchlebt und durchleidet das nicht. Er durchspielt es. So beschenkt er als Kapitalist in Marokko seinen französischen, englischen, deutschen Geschäftspartner mit den Flöhen eines Dieners, dem der homophile Franzose allzusehr an die Wäsche geht, was sie allesamt zu seltsamen Kratz- und Zwicktänzen am Telefon zwingt. Als Araber-Prophet läßt er sich sich von der auch nackt noch schönen Anitra der Anouschka Renzi einen Beischlafdiebstahl schenken wie einen besonders guten Gag, während im Irrenhaus zu Kairo die Unvernünftigen, die an den "Kaiser" in Gynt als einer Realität wirklich glauben, aussterben, wobei einer sich erhängt, weil er nun nicht mehr König sein, der andere sich die Kehle durchschneidet, weil er nicht mehr Schreibfeder sein möchte: Gynts Theater hat auch Folgen. Aber so leicht und naiv wie in einem großen, manchmal sogar sympathisch unperfekten Kindertheater, in dem alle alles sein können.

Ein Stuhl kann eine Blockhütte, ein Tisch ein Baum, ein Mensch ein Tier, ein Lügner ein Dichter, ein Drama ein Märchen, ein Märchen ein Leben, ein Kaiser ein Kind, ein Kind ein Weltherrscher sein. Und ein Kopf - großes, überwältigendes Theater. Wenn der Kopf danach ist. Zadeks Kopf ist es.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2004, Nr. 85 / Seite 35
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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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