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Theater : Der Triumph des Kindskopfkaisers

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Kind und Kaiser: Uwe Bohm als Peer Gynt und Anouschka Renzi als Anitra Bild: dpa/dpaweb

Lebenslüge als Theatermärchen: Peter Zadek, der entspannteste und genialste aller alten Jugendtheatermeister, inszeniert „Peer Gynt“ am Berliner Ensemble. Das Resultat ist überwältigend.

          Die berühmteste Küchenszene der Weltdramatik findet im Berliner Ensemble in einer Imbißbude statt. Currywurst laut Preistafel ein Euro achtzig. Hier schält Peer Gynt seine große symbolische Zwiebel. Heimgekehrt, ein Leben voller Lügen, Betrug, Laster, Schweinereien und Selbstsucht hinter sich, zieht er Schale um Schale ab. Die eine steht für den Lügner und Geschichtenerzähler, die andere für den Brauträuber, die dritte für das Schwein Peer, das sich ins Reich der geschwänzten und pissetrinkenden Trolle begab, um deren König zu werden, die vierte für den Goldgräber, für den Sklavenhändler, für den falschen Propheten unter Beduinen, für den Altertumsforscher Peer Gynt, der in einem ägyptischen Irrenhaus landete, die fünfte für den Peer Gynt, der auf der Heimreise nach Norwegen im Sturm einen Schiffskoch vom Rettungsboot in den Tod stieß, um selber zu überleben - und am Ende ist im Kern der Zwiebel: nichts. Noch jede "Peer Gynt"-Inszenierung erhebt hier den Zeigefinger. Das Ich - eine Nullstelle.

          Hier ist es eine zeigefingerlose Lachstelle. In der Imbißbude fummelt kein alter, trauriger Mann am krokodilstränentreibenden Gemüse, der immer nur "er selbst" sein wollte, aber immer nur "sich selbst genug" war. Uwe Bohm trägt zwar als Peer Gynt einen langen, dunklen Mantel und einen leicht zerknautschten Hut, den Habit des Lebensende-Wanderers. Aber die Zwiebelschalen, die sein Leben bedeuten, präsentiert er ("Die Natur is witzich, nöch?") in Gestus und Miene eines lausbübisch aggressiv charmanten Prolo-Dandys. Der Tod hat schon mal bei ihm angeklopft. Der Abgesandte des Herrn des Himmels und der Erde, der Knopfgießer, ist mit römischem Kindergladiatorenhelm und blauer Radlerhose hinter ihm her und will Peer Gynt in der großen Kelle umschmelzen. Das große, kritische bürgerliche Stationen- und Mysterienspiel aus dem Jahr 1867 ist auf dem metaphysischen Höhepunkt. Aber Uwe Bohm scheint als Peer nicht so sehr nach der letzten Chance zu schielen, dem Welt- und Gottesgericht zu entkommen, als vielmehr eventuell nach der guten Butter zu gucken, in der er seine Zwiebel, also sein Leben, anbraten und sich am guten Duft berauschen könnte.

          Lachendes Ego

          Kein leeres Ich. Ein lachendes Ego. Denn gerade der Tod gerät diesem Peer Gynt zum letzten Triumph eines Kindskopfkaisers. Er wird Solveig, der Frau, die ein ganzes Leben lang auf ihn gewartet hat, ohne von ihm irgend etwas anderes zu erwarten, als daß er einmal heimkomme und auf ihren Schoß klettere, um zu sterben, auf eben diesen Schoß klettern wie ein großes, komisches, infantiles Reptil, wird sich noch einmal streicheln und wunderschön ansingen lassen. Und einfach die Augen zumachen.

          Peter Zadek, der in zwei Jahren achtzig wird, der entspannteste und genialste aller alten Jugendtheatermeister, hat, wenn er Ibsen inszeniert, immer schon die Todgeweihten, denen der Dramatiker so absichtsvoll das Grab aus Lebenslüge, Schuld und Sühne bereitet, so hinreißend lebenssüchtig sterben lassen, als gingen sie nicht ins Jenseits, sondern nur mal ins Paradies um die Ecke. Hilde Wangels Jubel über den Todessturz ihres "Baumeisters Solneß" war 1984 im Münchner Residenztheater ein herrlicher Liebesschrei. Und "Wenn wir Toten erwachen", der letzte Gang von Professor Rubek mit Irene, in den Münchner Kammerspielen 1991, war kein Gletscherspaltensturz, sondern ein kindlich zutrauliches Verschwinden in einer Art Zaubergebirge. Rebeccas und Rosmers Ersaufen im Mühlenbach von "Rosmersholm" war in Wien 2002 nicht die Strafe für ein verquältes Leben, sondern der letzte Streich eines Paars, das erst im Tod die Liebe entdeckt, komisch, verrückt und zärtlich.

          Das Leben als Geschenk

          Es ist Mode geworden im Theater, das Theater zu verachten und nur noch vom sogenannten Leben zu reden. Alle wollen es. Alle quälen sich damit. Keiner kriegt es. Weil keiner mehr ans Theater denkt. Nur Zadek feiert unnachahmlich und locker und gewissenlos das Leben - weil er an nichts anderes denkt als an Theater. Und bekommt das Leben wie ganz natürlich und nebenbei geschenkt. Seine außerhalb der Ordnungen stehenden Helden, Träumer und Verbrecher sind die Probe aufs Exempel, daß das Theater das tollere, grausamere, witzigere Leben ist - wenn es ums Leben spielt. Ohne Requisite und Kulisse. Zadek bezahlt bar. Er macht lange schon keine Illusionsschulden mehr.

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