09.11.2009 · Der Roman mit den Tieren als Theater mit der Maus: Dietmar Daths vielschichtig verästelter Roman „Die Abschaffung der Arten“ wird in Berlin in einer putzigen Mischung aus pädagogischem Schwank und salopper Infantilität auf die Bühne gebracht.
Von Irene BazingerKönnte es sein, dass Tiere die besseren Menschen sind? Und dass sie sich auf Dauer erfolgreicher an stetig veränderte Lebensbedingungen anpassen können? Wenn ja, wie ginge es dann evolutionstechnisch weiter auf der Erde? Wer käme als Nächstes und warum an die Reihe?
Mit solchen Fragen lässt sich in aller Kürze Dietmar Daths vielschichtig verästelter Roman „Die Abschaffung der Arten“ (2008) umreißen. Er findet in einer fernen Zukunft statt, in der die Menschen fast ausgestorben sind und vernunftbegabte Wesen in Tiergestalt, sogenannte Gente, die Weltherrschaft übernommen haben (siehe: Der Kampf um das gute Überleben: Dietmar Daths „Die Abschaffung der Arten“).
Was diese cleveren Geschöpfe, sei es die Libelle Philomena, der Wolf Dmitri Stepanowitsch, die Dachsin Georgescu, der Querzahnmolch Storikal, die Luchsin Clea Dora oder ihr Oberhaupt, der Löwe Cyrus Golden, den lieben langen Tag treiben, sieht in der Uraufführung von Kevin Rittberger vor allem ziemlich drollig aus. Denn der 1977 in Stuttgart geborene Regisseur setzt bei seiner Dramatisierung in der Box, der kleinen Studiobühne des Deutschen Theaters Berlin, voll und ganz auf die Atmosphäre eines veritablen Streichelzoos. Ihn hat der Grafiker Dirk Rittberger mit zweidimensionalen Pappviechern in plastisch bunter Comic-Manier ausgestattet und für die drei Stückabschnitte ähnlich possierliche Landschaftswandbilder respektive einen Bäckerladen entworfen.
Niedlich überspielt
Wenn Olivia Gräser, Judith Hofmann, Elias Arens, Jörg Pose in schwarzen Hosen und Rollkragenpullovern nicht tatenlos am Bühnenrand warten, stellen sie sich meist hinter eine der Tierfiguren, machen eine ovale Öffnung in deren Kopfbereich auf und stecken ihr Gesicht durch. Die Evolution, lernen wir gleich, ist einfach zu jedem Schabernack bereit. In einer putzigen Mischung aus pädagogischem Schwank und salopper Infantilität wird das utopische Glatteis des Buches so niedlich wie beschränkt überspielt: eine Art Theatersendung mit der Maus.
Das Ensemble stürzt sich mit Begeisterung in die Irrungen und Wirrungen des Textes und gibt sich süffisant den Anschein, ihn komplett zu verstehen, auch wenn es gerade um Kalorienökonomie, Perrhobakter oder Schnupperquanten geht. Immer wieder ironisch amüsiert ein eilfertiges „Ja, genau!“ einstreuend, wird ausgiebig mit dem belehrenden Zeigefinger gewackelt.
Die Cellistin Boram Lie verleiht der Aufführung eine pointierte Klangsprache, wenn sie etwa für die Libelle ein eigenes Geräuschmodul oder für das imaginäre Bett, in das Wolf und Luchsin springen, das entsprechende rhythmische Quietschen erzeugt. Zwischen Pop und Papperlapapp ausgesetzt, läuft sich Kevin Rittbergers Inszenierung bei allem handwerklichen und formalen Geschick an ihrem eigenen intellektuellen Spiegel platt. Kein Wunder, werden doch über fünfhundert Seiten Romanvorlage in weniger als zwei Stunden gepresst: Wer das Buch nicht kennt, hat im Deutschen Theater kaum eine Chance, es zu begreifen, und wer es schon kennt, braucht diesen Abend nicht mehr.