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Theater Der Kater auf dem kalten Raunzdach

31.01.2007 ·  Ausweichmanöver der Nervenknallbündel: Thomas Ostermeier inszeniert Tennessee Williams' „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ in Berlin und lässt Josef Bierbichler als Big Daddy die Welt beschimpfen.

Von Gerhard Stadelmaier
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In der „Katze auf dem heißen Blechdach“, einem Liebes- und Todes- und Lebenslügendrama von Tennessee Williams, das jetzt zweiundfünfzig Jahre auf dem sentimentalen Buckel hat, stirbt ein Vater an Krebs. Big Daddy erfährt an seinem fünfundsechzigsten Geburtstag zufällig die Wahrheit über sein karzinogenes Finale. Von Schmerzattacken eigentlich schon zerrissen und zerrieben, hatte der Besitzer von achtundzwanzigtausend Morgen Land „diesseits des Mississippi“ den lügnerisch barmherzigen Beschwichtigungsdiagnosen der Ärzte und der erbschleicherischen Familie geglaubt, die ihn mit dem Befund „Dickdarmkrämpfe“ beruhigten. Und nun muss er abrechnen. Vor allem mit dem Leben.

„Ja, Scheißdreck!“ Mit diesem hingeraunzten Unmutsschrei, der die Gegend „diesseits des Mississippi“ lautmäßig sofort nach Oberbayern (ungefähr diesseits des Starnberger Sees) verlegt, klettert Big Daddy in der Berliner Schaubühne aus einem Swimmingpool hinten und stiefelt nackt durch eine riesige, bühnenhohe Glasvitrine, die in ihrem unteren Teil eine Art Flur mit vielen Türen, in ihrem oberen Teil eine Art Voliere darstellt, in der ein echter, gut dressierter südamerikanischer Wüstenbussard hie und da auf einem großen Baumast sein Gefieder spreizt. Vielleicht ist dieser Vogel, der womöglich gerne auf- und wegfliegen möchte, aber auf der Bühne bleiben muss, ein Sinnbild. Für den Mann da unten, der, „Verschissen noch mal!“, eventuell auch aus seiner Haut fahren, abhauen oder auch dreinhauen möchte, aber auch auf der Bühne bleiben muss.

Dekorative Bauchkrämpfe

Josef Bierbichler, der den Big Daddy spielt, wirkt, als fühle er sich in der netten, vor die bühnenhohe Glasvitrine von Jan Pappelbaum aufgestellte Sofa-Wohnlandschaft sehr unwohl. Als wolle er die Inszenierung jeden Moment, „Is' mir doch wurscht!“, sprengen und sich mit jedem Schauspieler-„Normalvertrag Solo“ den Hintern wischen. Zwar windet sich Bierbichler sehr dekorativ in Bauchkrämpfen. Aber sie kommen bei ihm nicht vom Krebs. Sondern von einer Stinkwut.

Die Titelheldin des Stücks ist Meggie, die Katze auf dem heißen Blechdach, Schwiegertochter von Big Daddy, Frau von dessen Lieblingssohn Brick, die so lange auf dem Dach aushält, bis ihr die Pfoten verbrennen: Sie wartet auf Brick, der nicht mit ihr schläft, seit sein innig geliebter Freund Skipper starb, von dem Brick glaubt, dass er deswegen in den Tod ging, weil ihn Meggie auf seine Homosexualität und auf seine unmögliche Liebe zu Brick aufmerksam machte. Erst als Big Daddy seinem Sohn, der hier von Bierbichler mit „Du Sauhund! Geh her da! Jetzt sag' ich dir was!“ verprügelt wird, klarmacht, dass Brick selbst an Skippers Tod schuld war, weil er „dessen Liebe nicht aushielt“, ist der eventuelle Weg in Meggies Bett wieder frei. Und Big Daddy kann, obgleich er ihn nicht mehr erleben wird, auf einen Enkel hoffen.

Stammtisch im roten Ochsen

Zuvor jedoch muss Big Daddy, der die Krebs-Wahrheit erst am Ende des zweiten Aktes erfährt, im dritten Akt aber in der Urfassung gar nicht mehr auftritt (hinter den Kulissen nur noch mit tierischen Todesschreien zu hören ist), im Verein mit dem stier saufenden Brick mit der Familie, der Welt, den Kindern, der Liebe, dem Geschäft, dem Sex, dem Leben überhaupt rhetorisch abrechnen. Während er immer noch glaubt, ewig leben zu dürfen. Das gibt - gerade weil alle anderen inklusive der Zuschauer mehr wissen als der Todeskandidat - dieser Abrechnung den rührenden Rhythmus eines lebenssatten Tanzes am Grabesrand.

Diesem Grabesrand aber weicht Bierbichler vollkommen aus. Das Thema - die Aufrichtigkeit eines Lebens im Allgemeinen und einer schwulen Liebe im Besonderen, die 1955 noch „verboten“ war, heute aber niemanden mehr ob ihres Gegenstands, allenfalls ob ihrer tragischen Gefühle juckt -, dieses Thema eines stofflich, aber nicht emotional überholten Stückes, weil es Menschen in aller Pein nackt und bloß zeigt, wischt Bierbichler mit breiten, luftrudernden Pratzen beiseite. Er ist der Kater auf dem eiskalten Raunzdach. Er weicht der Figur einfach aus. Er macht Kabarett. Er zeigt, dass es ihm um etwas anderes geht als um den Gefühls- und Liebes- und Todeskram. Er holt Tennessee Williams gleichsam an den Stammtisch im Gasthof „Zum roten Ochsen“.

Die Figur hält ihn aus

Er schimpft auf die Politiker, auf die Globalisierung, die Reichen, die Armen, den gegenwärtigen Außenminister, der den armen „rotbärtigen Hund“ aus Guantánamo nicht rausgehauen hat. Und wenn er zwischenzeitlich ein bisschen Darmkrampf andeutet, dann nur, um zu zeigen, dass ihm als scheinberuhigtem Nervenknallbündel der Schick der Szene, die Logik des Stücks aus Liebe, Lüge und Tod furchtbar auf den Keks gehen. Der leidensresistente Grantler Bierbichler hat unendlich weniger zu sagen als die Figur des Big Daddy, die am Leben leidet. Es spricht aber für ihre geniale Lebensluft, dass diese Figur den Bierbichler aushält. Und es spricht für die handwerkliche Geschmeidigkeit der Regie Thomas Ostermeiers, dass Bierbichler nicht aus der Inszenierung herausfällt, sondern in sie hineinplumpst: sie dehnt und überspannt, aber nicht zerstört.

Bierbichler, der Ablenkungswüterich, fällt auch deswegen nicht so übertrieben auf, weil Ostermeier das ganze übrige Personal auch in lauter Ablenkungen hineinmanövriert. So wirkt es amüsant, wie Mark Waschke den in „Southern Comfort“ sanft ertrinkenden Brick gegen solche krebskabarettistische Vaterwut-Übermacht verteidigt: durch schauspielerisches Sohnes-Handwerk, das zur Fernbedienung greift, wenn es um Liebe und Schuld geht und sich mit Formel-1-Rennen und Rockmusik zudröhnt oder Videos abruft, auf denen Geier (oder Wüstenbussarde?) kreisen. Die unglückliche Neigung Ostermeiers, zu übergroßen Zeichen zu greifen (Todesvögel, Todesrennen) und eine megalomane Atmosphäre (geheimnisvoll bewegte Bilder) zu schaffen, aber sie in den doch zu kleinen Schauspielern kaum zu erreichen, schlägt hier als verzweifelter szenischer Witz zu Buche: Da alles thematisch längst abgehakt ist, genügen eigentlich auch nur Figurenzitate. Man sieht: Ablenkeriche.

Muntere Tortenschlacht

So ist Jule Böwe kieksend und nölend und in allerlei Unterwäsche sich spreizend die etwas schlecht gelaunt schnippische Comedy-Version einer Meggie: eine Eisprung-Zicke, die ihren Gynäkologen fragt, bevor sie ihrem Mann Fruchtbarkeitsavancen macht. Und Bettina Hoppe als Frau des anderen Big-Daddy-Sohnes Gooper ist die Gebärmaschine als harsche, taff ondulierte Schreckschraube, die schon fünf Kinder „geworfen“ hat, die das Publikum mit dem Einüben von schrecklichen Geburtsliedern endlos lang nerven, und das sechste als Waffe im Kampf um Big Daddys Erbe im Bauch vor sich herschiebt, als habe sie da eine Sprengladung stecken. In Rage wirft sie schon mal eine ganze Geburtstagstorte auf Meggie: beide, sahneverschmiert, ein Zitat aus „Mütter der Klamotte“.

Auch Kirsten Dene, die große Clownin aus Wien, spielt, wenn sie tänzelt und lockt und ihr „Bübchen“ umgarnt und wenn sie tobt und geifert, wenn sie die Wahrheit über Big Daddys Zustand erfährt, noch in der Explosion einer schrillen matronalen Gefühlsbombe sozusagen das Konzentratzitat aus allen Dene-Rollen: von der Lady Macbeth bis zu „Arsen und Spitzenhäubchen“. Lauter Ausweichmanöver. Keine Kerne.

Zu erleben sind hier nicht die rührenden Lebenswerte eines älteren Stücks. Zu sehen sind dessen pfiffige Schauwerte. Hübsch gemacht. Schnell gespielt. Viel gelacht. Also: Warum nicht? Aber andererseits: Warum dann überhaupt?

Quelle: F.A.Z., 01.02.2007, Nr. 27 / Seite 37
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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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