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Theater Das Narrenschiff als Aufklärer

18.01.2009 ·  Thomas Bernhard schickt in seiner Komödie „Immanuel Kant“ den Aufklärungsphilosophen zu Schiff nach Amerika. 1978 dachte man: Bernhard spinnt. Jetzt zeigt Matthias Hartmann im Zürcher Schauspiel irrenwitzig: Kant spinnt.

Von Gerhard Stadelmaier
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Zwar ist in dieser Zeitung schon lange keine Rezension über Thomas Bernhards Komödie „Immanuel Kant“ mehr erschienen, was daran liegt, dass dieses Stück nach seiner Stuttgarter Uraufführung 1978 so gut wie nie gespielt wurde und mit Peymanns Inszenierung damals auch irgendwie urversenkt schien (sie spielt auf einem Schiff). Aber auch diese Rezension zur Zürcher Wiederhervorholung unter der Regie von Matthias Hartmann muss mit der Vorbemerkung beginnen, dass der Philosoph Immanuel Kant, der von 1724 bis 1804 lebte, nie aus Königsberg herauskam, nie eine Schiffsreise nach Amerika unternahm, auch nicht in Begleitung seiner Frau, schon deshalb nicht, weil der weiberscheue Kant nie verheiratet war, auch keine Ehrendoktorwürde der Columbia-Universität annahm, zwar sehr schlechte Augen hatte, aber ob eines grünen Stars nicht die Augenärzte Amerikas als letzte Rettung aufsuchte und auch keinen Papagei namens Friedrich und keinen Bruder namens Ernst Ludwig besaß, den Kant zur Papageienbetreuung abrichtete.

All dies spendierte Thomas Bernhard seinem Immanuel Kant, einem Blinden, dem auch dann noch nicht die Augen aufgehen, als er im Hafen von New York statt von den Professoren der Columbia University von Irrenwärtern mit Zwangsjacken empfangen wird.

Dem Aufklärer geht das Licht aus

Was wollte Bernhard damit? Der Dramatiker der fortlaufenden Welt- und Todesverfinsterung machte aus „Immanuel Kant“ die Symbolkomödie der sarkastischen Zurücknahme all dessen, was Aufklärung und Fortschritt dem Menschen an Autonomie und Freiheit geschenkt zu haben glauben. Kant, der Philosoph des kategorischen Imperativs, der den gestirnten Himmel über sich und das Sittengesetz in sich, das Selberdenken im Kopf und die Aufklärung als Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit des Menschen im Sack hatte, verliert in Bernhards anachronistischer Komödie buchstäblich das Augenlicht der Aufklärung. Statt Autonomie bringt er seinem Bruder, den er unter der Knute hält, die Tyrannei.

Sein Menschendenken übereignet er ausgerechnet einem Tier, dem er abgöttisch hörig ist, seinem friderizianischen Plapperpapagei, in dem er „meine ganze Philosophie gespeichert“ hat und dessen Körnerfutter er vorkostet. Und Amerika, das Land, das die Kantschen Prinzipien des freiheitlichen Pragmatismus verwirklicht und vor allem an der Columbia University theoretisch weiterentwickelt hat, steckt den Freiheitsdenker in Zwangsjacken. Das Kantsche Prinzip des ewigen Friedens auf der Basis gegenseitiger Ökonomie degeneriert zu schäbiger, urkomischer Ausbeutung in Gestalt einer Millionärin, die als „Millionärrin“ das Untergangssupersymbol der kapitalistischen Welt, die „Titanic“, heben lassen will; ein mitreisender Kardinal symbolisiert die entleerte Religion, ein Admiral die Gemütsbrutalität des Militärs.

Kant („Ich bin der einzige Sozialist“) sucht dauernd auf dem Schiff die „Ideallinie“, findet aber nur den Weg in den Irrsinn. Auch wird hier die Zeit, das Signum eilenden Fortschritts, zum statischen Raum: Bernhards Komödie gliedert sich nicht in Akte, also in Fortläufe, sondern in bleibende Örtlichkeiten, Vorderdeck, Mitteldeck, Hinterdeck. Kurz: keine Menschen – nur thesenhafte Repräsentanten, Über- und Unterhöhte, die alle Aufklärung dementieren und die todesdunkle irre Seite der Vernunft komisch demonstrieren. Ein für alle Mal.

Kommando Irrenwitz

Dass die Aufklärung ihre Nachtseiten habe, war 1978 auch schon gang und gäbe, wurde aber in Form dieser Komödie doch als zu leichtgewichtiger, beziehungsreich geschwätziger Irrenwitz wahrgenommen. Man dachte damals, Bernhard spinne, habe aber auch schon mal besser gesponnen. Heute aber, im allgemeinen Strudel notorisch gewordener Unvernunft, würden einen ja auch mehr wieder die Tagseiten der Vernunft interessieren. Die Nachtseiten haben wir langsam so ziemlich durch. Wieso also noch „Immanuel Kant“?

Im Zürcher Schauspielhaus beantwortet Matthias Hartmanns Regie die Frage im kantschen Sinn ganz pragmatisch, indem sie den Irrenwitz, den man nur für die Verkleidung dieser Komödie hielt, schlicht und schlau beim Wort nimmt. Der kurz geschorene, auf einem Auge fast völlig trübe, scharf-böse tyrannische Herr im gehrockkurzen Mantel und mit dem Spazierstock als Feldherrnzüchtigungsstab in der Hand ist hier nicht Kant. Er hält sich wohl nur für Kant: so, wie sich andere für Gott, Napoleon, Hitler oder sonst wen halten. Vielleicht war er im Hauptberuf irgendwann irgendein Vorstand. Jetzt ist er durchgedreht, das heißt: hat sich aus der Welt hinausgedreht in eine eigene Welt. Michael Maertens als Wahn-Kant haut mit dem Stock in die Luft, als kommandiere er jetzt nur noch seinen Wahnsinn – den Restbestand, den die Welt ihm ließ.

Verrücktsein als Überlebensmittel

Augenlicht, Amerika, Ehrendoktor, kategorischer Imperativ, die Ekliptik der Himmelskörper, das Ding an sich, der Papagei, die Kümmelsuppe („Keinen Kümmel in die Kümmelsuppe!“): lauter Selbstbespiegelungsmittel eines Verrückten, der in einer völlig närrischen Welt das Verrücktsein als Überlebensmittel für sich entdeckt hat. Die Flucht zu Schiff sich ausgedacht hat. Sich herrisch in Liegestühle wirft. Den mit einer Plüschbrokathülle umgebenen Papageienkäfig beschmust, als sei’s ein Frauenhintern. Gegen Amerika anwütet‚ als sei’s die Hölle. Auf Amerika hofft, als sei’s der Himmel. In aller Blindheit sehend geworden: über sich. Als völlig Trostlosen.

Maertens spielt dies mit der Laune aggressiver, chancenloser Verzweiflung in einer Art Existenz-Stakkato. Die Kant-Maske ist nur die irrste unter allen möglichen Irrsinnsmasken dieses Herrn, der haarscharf auf allen Graten über Hirnrissgrüften nölend, tobend, jaulend entlangsurft. Ein armes Durchschnittsschwein mit philosophischen Wahnideen – aus der Bahn geworfen. So kommt Bernhards Intellektuellenkomödie im theatralischen Mittelstand an: auf dem Schiffsboden unserer verrückten Tage.

Spielmeister des Wahns

Das Schiff, das Volker Hintermeier gebaut hat, besitzt kein Vorder-, Mittel- und Hinterdeck, sondern ist eine Art Schiffssimulator: ein geschlossener, jederzeit in schwankende Bewegungen zu versetzender Innenraum mit Deckenlampen und Lüftungsschlitzen, aber aufgemaltem Himmel und Wolken, eine Art große Gummizelle, in die man den nautisch Verrückten gelotst hat, um ihm im Gefangensein alle Illusion freier Luft zu lassen. Eine Narrenschiffszelle als Kursalon. Alle spielen darin mit, so, wie Kant, Spielmeister seines Wahns, sie haben will. Karin Pfammatter ist als Frau Kant ganz die verhuschte Demut im engen, blauen Kostüm. Die heimlich gerauchten Zigaretten drückt sie in ihrer Handtasche aus.

Wenn Kant doziert, erstarrt sie zur Säule, auch wenn sie gerade das Feuerzeug in der Hand hält und sich die Finger verbrennt. Siggi Schwientek hockt als Latzhosenleichtmatrose in Gestalt des Bruders Ernst Ludwig unaufmuckend und vom Leben und von Kant zusammengeschlagen wie ein Stück dürr-verknittertes Elend in der Reelingecke. Wolfgang Michael als Steward salutiert, von Frau Kant beflüstert, gelangweilt; Traugott Buhre (der 1978 in Stuttgart noch den Ernst Ludwig gespielt hat) mümmelt als Admiral das Dinner in sich hinein; Hans-Michael Rehberg schmückt als purpurroter Kardinal, Fritz Schediwy als Kunstsammler asseccoirebunt die Irrenszene.

Her mit der Denkerwäsche!

Maertens ist der große düstere Irre des Abends. Sunnyi Melles als Millionärin aber ist dessen strahlende, leuchtende Irre. Im schwarzen Badeanzug auf dem Pseudosonnendeck unter Deck mit Napoleonzweispitz auf dem Haar fliegt sie mit kaputter Kniescheibe, der sie ein Gesicht aufgemalt hat („In Duisburg hat man mir eine Kniescheibe eingesetzt, die nicht rostfrei gewesen ist“), durch die Tiraden dieser Dummschwätzerin („Ich liebe Rrrrembrandt, Rrrrrembrandt weiß immer wohin mit der Farbe“, „Was philosophiert denn Ihr Mann so, Frau Kant?“) wie ein glücklich zwitschernder besoffener Schnapskolibri. Dem Kant geht sie streichelnd und knutschversucherisch an die Denkerwäsche, sie legt sich beim Kapitänsdinner quer über den Tisch, macht Liegestütz, hat einen schwarzen Kopfputz auf wie eine Edel-Carmen, lässt die BH-Träger rutschen und erzählt von ihrem Proletariermann, den sie als Kapitalistentochter zu sich herauferzogen hat, als zerquetsche sie das Leben dieses Würstchens wie eine Cocktailkirsche zwischen ihren blutroten Vampirlippen.

Sunnyi Melles spielt überschäumend und selbstgenießerisch und losgelöst die Quintessenz dieser Inszenierung, die das Narr- und Irrsein nicht beklagt und kritisiert, sondern es witzig und achselzuckend gelöst feiert. Hartmanns Aufführung leistet keinen Widerstand. Sie ergibt sich ins verrückte Unvermeidliche. Aber das tut sie mit humanem Charme und dem witzigen Wissen darum, dass dem gegenwärtigen Irrsinn draußen jeder theatralische Irrenwitz drinnen unterlegen sein muss.

Am Ende betreten Irrenwärter das Schauspielhaus und führen den um Hilfe schreienden Kant ab. Die anderen gehen nicht wie in Bernhards Stück von Bord des Narrenschiffsimulators. Sie bleiben dort und winken ihrem größten Irren fröhlich zu. Ihr Irrenspiel aber geht weiter. Bis zur nächsten Zwangsjacke. Amüsierter Jubel.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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