06.09.2007 · Die Kriegswunden der geschundenen afghanischen Hauptstadt heilen schwer. Ein Theaterfestival hilft mit viel Witz und Wirbel beim geistigen Wiederaufbau. Am Ende stürmt das Publikum begeistert die Bühne. Von Renate Klett.
Dubai International Airport - nicht das Glitzerteil mit seiner verrückten Mischung aus künstlichen Palmenpromenaden und Luxusboutiquen, Alkoholausschank und tief verschleierten Frauen, sondern der weitab liegende Terminal 2 mit den Flügen in Krisenregionen. Für die Maschine nach Bagdad sind ausschließlich Männer gebucht; sie sehen aus wie Söldner in Zivil und sind meist Amerikaner. Der Flug nach Kabul hat weniger Amerikaner, mehr Frauen und sogar Kinder. Das ist irgendwie beruhigend, und dass man die Wasserflasche durch alle Sicherheitskontrollen hindurch behalten darf, angesichts der mörderischen Temperaturen ein Akt der Barmherzigkeit.
Der erste Eindruck von Kabul ist überraschend friedlich: Staub und Bazargetümmel, Maultierkarren neben schweren Geländewagen, Verkehrsstaus und Frauen in blauen Burkas. Im Zentrum verkaufen Kinder Kaugummi, wischen Autoscheiben oder betteln, in den Wohnvierteln lassen sie ihre Drachen steigen. Natürlich gibt es überall Wachposten und Sicherheitsschleusen, und an der Hoteleinfahrt wird die Unterseite des Autos mit Spiegeln kontrolliert - trotzdem ist der Alltag stärker als die Angst.
Gelebter Surrealismus
Je mehr man von der Stadt entdeckt, desto schärfer wird der Blick auf schwarze Mauern mit Splitterschutz und Stacheldraht, gepanzerte Fahrzeuge und Straßensperren. Die Woche in Kabul wird zu einer Schule des Sehens, bei der die innere Kamera zwischen orientalisch Exotischem und martialisch Erschreckendem hin- und herschwenkt. Beides zur Deckung zu bringen gelingt erst nach ein paar Tagen und nur dadurch, dass man abstumpft. Und wenn man das Glück hat, im Kabul Serena zu wohnen, dem luxuriösesten und sichersten Hotel des Landes, das wie eine Insel der Seligen aus der Kriegszerstörung herausragt, dann kommt man sich spätestens am sonnenüberfluteten Swimmingpool wie im Urlaub vor. Gelebter Surrealismus.
Solche Absurditäten bestimmen Kabul, das Großstadtdorf aus Bitterkeit und Hoffnung mit vermutlich vier Millionen Einwohnern. Nur wenige Straßen sind asphaltiert, viele Häuser noch in Schutt und Asche, die Viertel am Berghang haben kein Wasser, Elektrizitätsausfälle sind an der Tagesordnung. Was Stadt und Land am meisten brauchen, das weiß jeder, ist Stabilität, Normalität und Wiederaufbau. Und die kriegen sie auch, vielleicht zu wenig und sicher zu langsam, aber es geschieht, und das ist positiv.
Inhalt geht vor Form
Ein Steinchen im Puzzlebild des neuen Afghanistan ist das Theaterfestival, das seit 2004 alljährlich stattfindet und in seiner vierten Saison fünfzig Vorstellungen aus allen Teilen des Landes präsentiert. Es sind Aufführungen, bei denen der Inhalt wichtiger ist als die Form, meist nicht länger als dreißig Minuten, ohne Bühnenbild und Technik. Knappe Geschichten, die von Krieg und Gewalt handeln, von Frauenunterdrückung, Polizeikorruption oder Aberglauben - politisch engagiertes Amateurtheater, das die Wunden des Landes vorzeigt und manchmal auch deren Heilung. Es wird vorwiegend von Männern gespielt, aber es gibt ein paar Frauengruppen, bei denen junge Mädchen mit viel Lust und ein bisschen Rache böse oder dumme Männer darstellen. Und es gibt Aufführungen, die durch ihre Direktheit große Kraft entwickeln, so die fast Dario-Fo-reife Terror-Komödie „What for?“ aus der Provinz Nangarhar oder „Dissent“ aus der Provinz Bakh, die Sowjetbesetzung, Bürgerkrieg und Talibandiktatur anrührend als Pantomime darstellt.
Die meisten Stücke sind selbstgeschrieben und handeln vom Alltag mit seinen großen Problemen und kleinen Freuden, von der blutigen Vergangenheit und der Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Die Studenten der Faculty of Fine Arts der Kabul University versuchen sich an Heiner Müllers „Horatiern“, an Tschechow-Novellen oder der „Mandragola“ von Machiavelli, aber ihre Arbeiten gehören zu den schwächsten. Bei den Schauspielern lassen sich durchaus Begabungen erkennen, aber Regie findet nicht statt. Denn das neu erstandene afghanische Theater steht noch ganz am Anfang und hat nichts außer dem Wunsch zu existieren. Es gibt weder Räume noch Mittel, kein Handwerk, keine Ausbildung, aber es gibt einen großen Enthusiasmus und den Willen weiterzumachen. Das ist viel in einem Land, wo Theater jahrelang verteufelt und verboten war und bis heute für Frauen als unschicklich gilt. Deshalb ist das Festival so wichtig für die Theaterleute, denn es ist ihre einzige Gelegenheit, voneinander zu lernen und sich Mut zu machen.
Plattform und Werkschau
So meint denn auch Lien Heidenreich, Leiterin des Goethe-Instituts Kabul und Hauptorganisatorin der Veranstaltung, wichtiger als die Werkschau-Funktion des Festivals sei die Plattform-Funktion: für die Theaterleute aus den Provinzen die einzige Möglichkeit, überhaupt Theater zu sehen, das von anderen gemacht wird als von ihnen selbst. Das Goethe-Institut ist der Initiator des Festivals, inzwischen sind auch das Institut Français, der British Council und die Kulturabteilung der amerikanischen Botschaft mit im Bühnen-Boot, dazu etliche afghanische Institutionen, vom staatlichen Fernsehen, das alle Vorstellungen aufzeichnet, bis zu einer privaten Fluggesellschaft, die jene Gruppen nach Kabul fliegt, für die der Landweg zu gefährlich wäre.
Der einzige internationale Beitrag des Festivals kommt aus Deutschland: „Return to Sender“, Helena Waldmanns neue Version der „Letters from Tentland“, die sie im letzten Jahr fürs Fadj Festival in Teheran mit iranischen Schauspielerinnen erarbeitete. Nun sind es fünf Deutsch-Iranerinnen, die hier die Zelte zum Tanzen bringen und auf Farsi spielen, das dem in Afghanistan gesprochenen Dari verwandt ist. Sprachbarrieren gibt es also nicht und mentale sowieso nicht, denn die Frage nach Identität und Exil, woher man kommt und ob man vielleicht lieber woanders wäre, ist dem hiesigen Publikum bestens vertraut. Und so wird die Aufführung zu einem Riesenerfolg, trotz der ungewohnten Ästhetik und Abstraktion.
Auch der Körper spielt eine Rolle
Und den Unterricht, den Waldmann am nächsten Tag gibt, ist wie ein Befreiungsschlag. Im afghanischen Theater besteht der Schauspieler wie im arabischen vorwiegend aus Kopf und Händen. Nun lernen zwei Dutzend Frauen aus der Provinz, dass auch der Körper auf der Bühne eine Rolle spielt, und sie haben viel Spaß bei den Übungen zu Reaktions- und Erinnerungsvermögen. Eine nach der anderen nehmen sie sogar das Kopftuch ab, das bei so viel physischem Einsatz sowieso verrutscht.
Wie sehr die Freiheit die Kunst beflügeln kann, lässt sich bei der wohl besten afghanischen Gruppe studieren, dem Aftaab-Theater aus Kabul. Das bezieht seinen Namen „Sonnen Theater“ von einem Seminar, das Ariane Mnouchkine vor zwei Jahren in Kabul hielt. Aus 120 Bewerbern wählte sie einundzwanzig aus, mit denen sie vier Wochen lang arbeitete. Danach inszenierte Maurice de Rozière mit ihnen „Romeo und Julia“ in Kabul und Hélène Cinque „Tartuffe“ in Paris, beides in Zusammenarbeit mit dem Théâtre du Soleil und beim zweiten und dritten Kabul-Festival gezeigt. Diesmal präsentiert Aftaab Brechts „Kaukasischen Kreidekreis“ in der Inszenierung des Iraners Arash Absalan.
Phantasievoll und unverkrampft
Es ist großes, buntes Volkstheater, witzig und schnell, das die Parabel von der wahren und der falschen Mutter so phantasievoll und unverkrampft erzählt, wie es seit Simon McBurneys berühmter Aufführung nicht mehr zu sehen war. Das Bühnenbild besteht aus einer großen Treppe, die sich in mehrere Teile zerlegen und neu zusammensetzen lässt, zum Gouverneurspalast, Gebirge oder Richterstuhl; die Darsteller tragen weiße Kostüme und spielen mit so viel Verve und Lust, dass die Zuschauer aus dem Szenenspontanbeifall gar nicht mehr herauskommen.
Schon wie hier Männer und Frauen zusammen über die Bühne toben, sich in die Augen schauen und sich anfassen, ist eine kleine Revolution, und als Simon in den Krieg zieht und seiner Grusche zum Abschied eine Kette umhängt, fällt ihr das Häubchen herunter. Aber die Darstellerin denkt gar nicht daran, es hastig zurechtzuzupfen, sondern spielt einfach weiter, mit Haaren oder ohne - erst beim nächsten Auftritt ist sie wieder züchtig bedeckt. Überhaupt diese Grusche! Fatima Wazha ist eine Vollblutschauspielerin, vital und sinnlich, die so scheu lächeln kann und so trostlos verzweifelt gucken, dass es einem schier das Herz bricht.
Alles ist möglich
Kurz vor dem Urteilsspruch baut Absalan ihr eine große Szene, und die ist wirklich Welttheater: Grusche springt von der Bühne, rast durchs Parkett, umarmt die Zuschauerinnen und schreit ein ums andere Mal: „Ich kann mein Kind doch nicht zerreißen.“ War bei der vorherigen Publikumsabstimmung die Meinung, wem das Kind gehört, noch gespalten, so sind nach dieser furiosen Glanznummer alle für Grusche. Brecht as Brecht can - dass gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind, war als Lehre aus dem Stück noch nie so mehrheitsfähig.
Der Rest ist Jubel. Die Schauspieler tanzen, umarmen und küssen sich, werfen die Blumen zurück und sind trunken vor Freude - das Publikum ist es auch und stürmt die Bühne. Theaterglück pur, und unten und oben, Männer und Frauen alles eins. Das ist nicht mehr Kabul, das ist vom Begeisterungsgrad her mindestens die Cartoucherie der Ariane Mnouchkine in Vincennes. Und ist die Utopie von Afghanistan, von der Kunst und vom Leben. Alles ist möglich, und es wird auch geschehen.