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„Ring des Nibelungen“ in Wien : Hoffnung kennt die Spaßgesellschaft nicht

  • -Aktualisiert am

Rheintöchter in der Patsche: Mirella Hagen (Woglinde), Ann-Beth Solvang (Flosshilde), Raehann Bryce-Davis (Wellgunde, von links), hinten Alberich und Hagen Bild: Herwig Prammer

Ungewohnt kurz und lebendig: Das Theater an der Wien schrumpft den „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner von vier Teilen zur Trilogie und bilanziert am Ende dennoch groß.

          Langsam nähert sich der gedrungene Mann dem knabenhaft wirkenden Helden. Fingert noch rasch an seiner langen Waffe, die er aus einem Baugerüst gerissen zu haben scheint: Keinen Speer, sondern ein schnödes Stahlrohr trägt der düstere Hagen, der sich hinter Siegfrieds Rücken duckt, um mit geballter Energie zum tödlichen Hieb auszuholen. Viermal schlägt er zu in der „Ring“-Trilogie des Theaters an der Wien, jedoch nicht unmittelbar nacheinander, sondern jeweils am Beginn der drei Abende und im Finale aus der „Götterdämmerung“.

          Die nur von einem leisen Paukenwirbel begleitete Szene nimmt zwar stumm den tragischen Höhepunkt vom „Ring des Nibelungen“ vorweg, verweist jedoch dramaturgisch auf dessen Bedeutung bei der Entstehung von Richard Wagners Monumentalwerk: Auf das Jahr 1848 gehen die ersten Arbeiten zur „Nibelungen“-Vertonung des Komponisten zurück, die ursprünglich nur aus einer Oper, „Siegfrieds Tod“, bestehen sollte. Rasch bemerkte Wagner jedoch, dass die komplexe Siegfriedsage nicht an einem einzigen Abend erzählt werden kann, und so gewann die spätere, gleichwohl auf den Tod des jugendlichen Helden zugespitzte Tetralogie erste Konturen.

          Zweite Generation im Fokus

          Jetzt, da sich in der Literatur, auf den Bühnen und im Film die Adaptionen des Nibelungen-Stoffes signifikant häufen, wird auch Wagners Weltentwurf in Wien neu umgesetzt. Bereits 1999/2000 war in Stuttgart die Einheit der Tetralogie aufgebrochen worden, als der damalige Intendant Klaus Zehelein die Inszenierungen vier verschiedenen Regisseuren übertrug. Das Theater an der Wien geht noch einen Schritt weiter in der Auflösung der Ganzheitsidee: Gekürzt auf elf Stunden und dramaturgisch umgestellt, läuft dort eine „Ring“-Trilogie der Regisseurin Tatjana Gürbaca, mitgestaltet durch die Dramaturgin Bettina Auer und den Dirigenten Constantin Trinks.

          Wagners Mythos, verhackstückt zu billigem Trash? Keinesfalls, denn es geht Gürbaca um einen Wechsel der Erzählperspektiven, den sie durch – meist erstaunlich schmiegsam gelingende – Umstellungen erreichen will: Im Fokus ihrer Inszenierung steht die zweite Generation der Wagnerschen „Nibelungen“, also Hagen, Siegfried, Brünnhilde, die durch die Schandtaten ihrer Väter, Wotan und Alberich, viel Leid erfuhr und weitergibt.

          Dies zu zeigen, wie sich mörderisches Unheil über Generationen fortpflanzt, gelingt im ersten, auf die dunkle Figur des Hagen konzentrierten Abend am besten. Er beginnt zwar mit der „Götterdämmerung“, die von Siegfrieds Tod zurückführt zu jener Szene, als Alberich mahnend fragt: „Schläfst du, Hagen, mein Sohn?“, um dann unvermutet im „Rheingold“ zu landen. Plötzlich finden wir uns auf dem schlammigen Grund des Rheins wieder, wo der lüsterne Alberich von den Rheintöchtern (Mirella Hagen, Raehann Bryce-Davis und Ann-Beth Solvang, die auch eine starke Waltraute sang) geneckt wird, bis er kopfüber in der braunen Suhle landet – stumm beobachtet von seinem kleinen Sohn Hagen, der auch die Gier genauestens registriert, mit der sein Vater verklebte Geldscheine anstelle von Gold aus dem rheinischen Dreck zieht.

          Erzählweise zeigt die Traumata der Figuren

          Es sind also gleichsam filmische Rückblenden, durch die Gürbaca den Blick des Publikums schärfen will für die Traumata, die Hagen und später auch Siegfried und Brünnhilde erleiden müssen. Dazu blendet die Regisseurin die mythologische Götterwelt bis auf Wotan (deklamatorisch tadellos, doch stimmlich zu klein: Aris Argiris) und Loge (Michael J. Scott) vollständig aus, was deren Handeln umso brutaler, weil teilnahmslos wirken lässt.

          Wie Gentlemen-Gangster, gekleidet in schnieke Anzüge (Kostüme: Barbara Drosihn), tänzeln Wotan und Loge um das dreckige Szenario, das der Bühnenbildner Henrik Ahr in einem anfänglich offenen, weißen, doch zunehmend verschmutzenden Würfel zeigt, der sich im Verlauf der Trilogie verengen wird, bis er im Finale der „Götterdämmerung“ vollends geschlossen ist.

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