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„Ring des Nibelungen“ in Wien : Hoffnung kennt die Spaßgesellschaft nicht

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Nicht minder gierig als Alberich, den Martin Winkler als lechzendes Ekelmonster mimt, versinken auch die beiden Götter bald im Sumpf, um schließlich dem Nibelungen vor den Augen des kleinen Hagen die Hand abzusägen und blutig den Ring an sich zu raffen. Solcherart geschädigt und von Alberich zur Rache instrumentalisiert, wird später, als die Handlung wieder in die „Götterdämmerung“ gleitet, Hagens schroffe Psyche verständlich: Großartig gerät Hagens Wacht in der Gibichungenhalle Gunthers (der junge, vielversprechende Kristján Jóhannesson), in der die existentielle Einsamkeit dieser von Samuel Youn dunkel gesungenen Figur spürbar wird.

Das Orchester spielt zu laut

So verheißungsvoll der erste Abend, „Hagen“, gelingt, so wenig überzeugt der zweite, „Siegfried“, der mit dem ersten Akt der „Walküre“ beginnt. Singen Liene Kinča als Sieglinde und Daniel Johansson als Siegmund noch ein solides Liebespaar, so ist Daniel Brenna als dessen Spross stimmlich ziemlich überfordert. Merkwürdig belegt wirkt das Timbre dieses wenig intonationssicheren Siegfried, in den Höhen der Partie zudem überaus angestrengt.

Wenig hilfreich ist es für ihn, dass das Radio-Symphonieorchester Wien arg laut spielt, obwohl ihm die Wagner-Tuben fehlen. Constantin Trinks am Pult nutzt die Gunst der Stunde selten, dass das Orchester aufgrund des kleinen Grabens im Theater an der Wien stark reduziert werden musste. Anstatt die keinesfalls nur motorischen Binnenstrukturen der Partitur herauszuarbeiten, setzt er auf einen eher kompakten Sound, sieht man von den zarten „Walküre“-Teilen dieser „Ring“-Trilogie einmal ab.

Regisseurin Tatjana Gürbaca geht es um einen Wechsel der Erzählperspektiven.

Weniger Mythologie, mehr Menschliches

Auch Gürbaca verheddert sich bei „Siegfried“ in unnötigen Verkleinerungen, mit denen sie die Entmythologisierung des Stoffs provokant unterstreicht: Zu einem nüchternen Lederfauteuil ist die Weltesche mutiert, aus dem Siegmund anstelle eines Schwerts unter glitzerndem Goldregen ein Küchenmesser zieht. Der musikalisch gestrichene Feuerzauber wird szenisch nur angedeutet: En miniature ist das brennende Modell des Bühnenwürfels zu sehen, der in den naturdominierten Szenen trotz zahlreicher Rotationen und aufklappender Öffnungen an seine Grenzen stößt.

Die wenigen grünen Büsche vor der Höhle Fafners (Stefan Kocan, der auch Hunding verkörpert), hinter denen der bunt gekleidete Waldvogel (Mirella Hagen) hervorlugt, schaffen noch keine geheimnisvolle Waldatmosphäre. Das befremdet, ist aber natürlich konzeptuell gedacht: Durch das grellweiße Licht von der Decke hängender Fluter (Beleuchtung: Stefan Bolliger) soll nicht nur die Mythologie entzaubert, sondern auch der Kern der menschlichen Geschichte ausgeleuchtet werden: Gier nach Macht und Geld.

Ungewohnt lebendige Inszenierung

Das ist in der weit besser gelungenen „Brünnhilde“ deutlich zu spüren. Auf die heiße Liebesszene aus dem Finale der „Walküre“, das nicht auf einem Felsen, sondern in einer Art riesiger Stele mit einem eingravierten, Unheil raunenden Rabenkopf spielt, folgt Siegfrieds ernüchterndes Vergessen. Zwar verzichtet Gürbaca nicht auf einen betäubenden Trank, doch lässt sie keinen Zweifel daran, dass der im T-Shirt umherhopsende Knabe keinesfalls so unschuldig ist, was schon sein rüder Umgang mit Mime zeigt, dem der etwas übertreibende Marcel Beekman seine klare Stimme verleiht.

Die Gegenfigur zur herrschaftssüchtigen Männerwelt bildet zweifellos die von Ingela Brimberg auch tadellos gesun-gene Brünnhilde. Sie emanzipiert sich nämlich nach und nach vom Übervater Wotan, der dadurch selbst eine Wandlung erfährt. Auch in den Teilen aus der „Götterdämmerung“ präsent, beobachtet der alternd im Rollstuhl sitzende Gott fassungslos das dekadente Treiben von Hagens Mannen (gesungen vom prägnanten Arnold Schoenberg Chor): ein verblödetes Cricket-Team, das Siegfried mit einem Baseballschläger den endgültigen Garaus macht. Kein Wunder, dass Brünnhilde die Türen hinter sich schließt: Für Hoffnung ist in der Spaßgesellschaft wenig Platz.

Allen Einwänden und Siegfrieds vierfachem Tod zum Trotz: So lebendig war Wagners „Ring“ in letzter Zeit nur selten zu erleben.

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