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Theater als Literatur Mörder ohne Eigenschaften

 ·  Werner Düggelin inszeniert im Theater Basel Albert Camus' Roman „Der Fremde“ und macht die Sprache allein zum Hauptdarsteller. Das Theater stellt sich ganz in den Dienst großer Literatur.

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Wenn der Vorhang aufgeht über der Kleinen Bühne im Theater Basel, sieht man rechts ein Buch liegen. Es scheint sehr locker gebunden und ist mit einem weißen Umschlag versehen, als habe es nie einen Verlag gefunden. Es liegt auf einem halbhochlehnigen, mit braunem Leder überzogenen Zweisitzersofa. Auf der linken Bühnenseite ein großes, weiß überzogenes Futonbett. Auf dem Bett zwei junge Männer, Mitte, Ende zwanzig. Sie liegen Kopf an Fuß. Zwei kultivierte, lockere, aber verloren wirkende Müßiggänger, als seien sie ein bisschen aus aller Welt und aller Gesellschaft gefallen.

Der eine in dunkler Hose und mit grauem, dünnem Pullover, der andere in dunkler Hose und mit weißem Hemd. Der Graue ein großer, sanfter, blonder Junge mit arglos neugierigen Augen. Der Weiße ein leicht gelangweilter und übersättigter intellektueller Typ mit Brille und schwarzem Wuschelhaar, der plötzlich vom Bett auffährt und irgendwas von einer „tollen Sache“ murmelt, an der er „dran sei“, worauf der Graue in ein höhnisches Twist-Tänzchen ausbricht, was beides vor der großen, magisch leuchtenden Wand, die hinter ihnen fast die ganze Bühne einnimmt, etwas unangemessen, kindisch und hilflos wirkt.

Alles in den Text

Diese simplen, ja fast verlegenen Eröffnungsbewegungen der Schauspieler Jan Bluthardt (der Graue) und Sandro Tajouri (der Weiße) waren aber auch fast schon alles an Aktion, was der Abend zu bieten hatte. Höchstens dass Bluthardt zum braunen Zweisitzerledersofa rechts ging, darin oder auch auf dessen seitlicher Lehne saß, vom Sofa aufstand und sich an die Rampe oder in einen Stuhl rechts im Proszenium, nahe den Zuschauern, setzte. Tajouri blieb die ganze Zeit auf dem Bett sitzen, veränderte höchstens mal Bein- und Körperstellung. Die Szene war fünfundsiebzig Minuten lang unbelebt – wenn man bei „belebt“ an Bilder, an Effekte, an Körperkämpfe, an Dialogspannung, an die szenische Darstellung einer Geschichte, eines Dramas, eines Konflikts denkt.

Wenn aber der graue, aus der Welt und der Gesellschaft gefallene Müßiggänger vom Bett zum Sofa geht, dort das Buch, das da liegt, ergreift, es dem Weißen auf dem Bett zum Lesen gibt und dann anfängt, die ersten Sätze des Buches wie träumerisch, aber tonlos, gespannt, aber fassungslos herzusagen: „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht“, und wenn der Weiße auf dem Bett diese Sätze stumm mitliest, später dann Teile daraus, öfters sich verhaspelnd, vorliest, während der Graue die Geschichte auswendig kann und sie ganz zu der seinigen macht, sich in sie hineinbohrt, hineinlebt, hineinträumt, während der Weiße distanziert kritisch mitlesend bleibt – dann ist alle Aktion, alles Drama, sind alle Konflikte, die tollsten Bilder, die tödlichsten Vorgänge dem besten, dem wirksamsten Mittel aufgeladen, das vom Theater zu haben ist: der Sprache. Zum Hauptdarsteller wird der Text. Dass dies hier der Text eines Romans ist, tut nichts zur Sache. Eben weil er die Sache ist.

Dem Roman zusehen

Es ist ja große Theatermode derzeit, Romane zu bearbeiten. Regisseure und Dramaturgen lieben das. Weil sie sich dann um ein Stück, um dessen Sprache und Figuren, die ja doch noch von einem anderen, dem Dramatiker herkommen, vollends nicht mehr kümmern müssen, sich selbst zu Autoren machen und die Szene mit dem bevölkern, was ihnen assoziativ zum Roman durch die Rübe rauscht (bei Dramen macht das Rübenrauschtheater es längst so). Dass unlängst Andrea Breth, eine Romanbearbeitungsverächterin, in Salzburg Dostojewskijs Roman „Verbrechen und Strafe“ dramatisierte, dass jetzt Werner Düggelin, der Schweizer Regie-Altmeister und Romanbearbeitungsverächter, in Basel den „Fremden“, einen Roman von Albert Camus, in Szene setzt, geschah und geschieht nicht aus Rüben-Überhebung, sondern gerade aus Herzensdemut. Es ist die Demut, die man Mördern schuldet, deren tödlichem Schrecken und Qual man anders als durch erschrockene Einfühlung nicht nahekommt.

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