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Thalheimer inszeniert Horváth in Berlin : Donauwalzernd in den Untergang

  • -Aktualisiert am

Vielleicht wird ein Kuss daraus: Katrin Wichmann spielt die Marianne, Peter Moltzen den Oskar in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ im Deutschen Theater Bild: Marcus Lieberenz

Aus dem Niemandsland der Horrorkabinette: Michael Thalheimers bravouröse Inszenierung von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Deutschen Theater Berlin.

          Wenn die Welt auf dem Kopf steht, muss auch das Theater auf dem Kopf stehen. Und deshalb werden nun diejenigen, die sonst im Dunkeln sitzen, nämlich die Zuschauer, im Deutschen Theater Berlin hell angestrahlt, während diejenigen, die sonst auf der Bühne im Hellen sind, kaum erkennbar tief hinten im Dunkeln warten. Dazu erklingt am Anfang von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in der Regie von Michael Thalheimer der bekannteste und glamouröseste Walzer aller Zeiten, den man nicht lieben muss, dem man aber nicht ausweichen kann, den der Musikkritiker Eduard Hanslick 1874 als eine „wortlose Friedens-Marseillaise“ bezeichnet hatte und der in vielen Ländern zu Silvester gespielt wird und im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker und immer, wenn es feierlich und festlich wird.

          Laut und gnadenlos und unter dem Dirigenten Herbert von Karajan ziemlich martialisch ertönt also „An der schönen blauen Donau“. Das Publikum staunt und tuschelt, auf der Bühne herrscht gespenstische Reglosigkeit. „Schaut auf diese Musik!“, verlangt Thalheimer, der radikalste und gescheiteste aller heutigen Theaterpuristen, und so gibt es auch im eigentlichen Sinne kein Bühnenbild (und das Programmheft nennt keinen Bühnenbildner), sondern nur einen den weiten halbrunden Raum eingrenzenden schwarzen Vorhang und im Hintergrund einen Tisch und ein paar Stühle, wo meist verharrt, wer gerade nicht dran ist. Das wahre Bühnenbild formulieren Johann Strauß und sein Donau-Walzer, der den ganzen Abend lang oft unterschwellig aufrauscht und mit den flirrenden Geigenpassagen zitiert wird, die wie ein „Klingen und Singen“ in der Luft sind, das sich Horváth für sein Volksstück gewünscht hatte und der Bühnenmusiker Bert Wrede erzählerisch verfremdet und plastisch komprimiert.

          Er wartet wie ein Schlachter auf das Schaf

          Wenn dann plötzlich das Licht im Saal erlischt und auf die Bühne wechselt, wenn die Welt folglich nicht länger auf dem Kopf zu stehen und die Verhältnisse wieder einigermaßen im Lot zu sein scheinen, wird allerdings schnell klar, dass nichts davon stimmt. Die junge Marianne soll an den rechtschaffenen Fleischer Oskar verheiratet werden, der ihr nicht unsympathisch ist, aber die große Liebe hat sie sich anders vorgestellt. Eher in Gestalt von Alfred, der ein Hallodri ist, auf Rennplätzen wettet und dem die Frauen nachrennen, weil er einfach etwas ungebunden Abenteuerliches hat.

          Die nicht mehr so junge Tabakladeninhaberin Valerie hat seine Angebereien längst über, möchte jedoch trotzdem auf den Spaß mit ihm nicht verzichten. Er und Marianne kriegen, obwohl nicht verheiratet, ein Kind, für das er keine Nerven hat, von den Finanzen ganz zu schweigen. Und Marianne, die von Freiheit und Glück träumte, sich nicht beugen und schurigeln lassen wollte, wird zu Oskar zurückkehren, der auf sie gewartet hat wie ein - Horváth sagt es zwar nicht, Thalheimer macht’s fühlbar - Schlachter auf das Schaf, das noch ein bisschen im Stall herumtoben durfte, ohne dem Messer letztlich ausweichen zu können.

          Die Noten sind andere geworden

          All diesen in ihren Vorurteilen, Sehnsüchten und Nöten gefangenen Menschen ist anzumerken, wie sie die neue Zeit spüren (das Stück wurde 1931 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt) und nervös, ängstlich, krampfhaft zweckoptimistisch sind. Einzig Marianne, deren Glück schon zerfällt, während sie danach greift, von der fulminanten Katrin Wichmann wahnwitzig hoffnungsfroh und grandios scheiternd als ein von sämtlichen Mühlsteinen der Erde zermalmtes Sterntalermädchen gespielt, passt nicht dazu. Ob das gut oder schlecht ist, beantwortet Michael Thalheimers herzzerreißend nüchterne Inszenierung nicht. Sie lässt allen, wie sie da aus dem schwarzen Niemandsland an die Rampe treten und sich Horváths garstig genaue Sätze um die Ohren hauen, in ihren Untiefen beklemmende Wahrhaftigkeit widerfahren. Was kann denn der Oskar des Peter Moltzen dafür, dass er für seine Braut zwar Pralinen mitgebracht hat, diese aber minutenlang nicht aus der Sakkotasche herausfummeln kann? Wie vermöchte der Alfred des Andreas Döhler über die Runden kommen, wenn kein Mensch Geld hat, um ihm als Vertreter Hautcremes, Füllfederhalter oder orientalische Teppiche abzukaufen?

          Seine Großmutter ist alt, doch voller Lebensgier, und hat den Tod von Mariannes kleinem Sohn verursacht, der in ihrem Haus in Pflege war. Vergnügt fängt Simone von Zglinicki zu tänzeln an, während sie Katrin Klein als ihrer verhärmten Tochter den verlogenen Brief diktiert, in dem Marianne informiert wird, „dass Sie, wertes Fräulein, kein Kind mehr haben sollen“. Almut Zilcher als bissig-überdrehte Trafikantin, Harald Baumgartner als spießiger Rittmeister, Moritz Grove als deutschnational verbiesterter Student, Henning Vogt als griesgrämig-lüsterner Fleischergeselle, Michael Gerber als Mariannes larmoyant-brutaler Vater, Jürgen Huth als sentimentaler Auslandsösterreicher mit den Taschen voller Dollars und Georgia Lautner als unschuldig süßes Wiener Mäderl und neugierig erregte Elevin der Leidenschaften bilden ein geschlossen großartiges Ensemble, das sich - walzerselig gemildert - zusammenfügt wie aus dem Geist von George Grosz’ Horrorkabinetten der Weimarer Republik: Totentanz im Dreivierteltakt.

          Wenn Marianne später, gänzlich verstoßen, in einem Nachtclub mit blankem Busen auftritt, rieseln unendliche Mengen von buntem Konfetti herab und geben dem Untergang der zerstörten Frau eine hinreißend poetische Atmosphäre. Als Letzte von allen setzt sich Marianne eine flüchtig aus braunem Pappkarton geschnittene Maske auf, die Oskar vorsorglich bereithält. Und wenn am Schluss dieser formvollendet analytischen, meisterlich gelungenen Inszenierung wieder der Donau-Walzer erklingt, sind die Noten andere geworden als am Anfang. Und wir auch.

          Quelle: F.A.Z.

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