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Thalheimer inszeniert „Die Weber“ : Aufstand der Abständigen

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Das färbt ab: Hauptmanns Weber im Blaurausch des Indigopulvers in Thalheimers Berliner Inszenierung Bild: Joachim Fieguth

Rebellionsverdammung und Aufmuckversuch: Michael Thalheimer inszeniert am Deutschen Theater Berlin Gerhart Hauptmanns Stück vom Aufstand der „Weber“ - und zeigt alle Figuren in ihrer Seelenblöße.

          Die Bühne lässt nur zwei Wege offen: nach oben oder nach unten. Kein Ausweichen. Eine riesige, portalbreite, wuchtige Treppe mit großen, luftigen Abständen zwischen den Trittbohlen drängt aus den Höllenregionen, vorne unter der Rampe, hinauf untern Bühnenhimmel. Wo aber auch nur Leere lauert. Was der Bühnenbildner Olaf Altmann hier hingeklotzt hat, wirkt schon wie ein gebauter Verzweiflungsschrei: aus der Tiefe. Im Berliner Deutschen Theater, dort, wo 1894 die erste öffentliche, von Zensur, Prozessen und politischen Interventionen begleitete Aufführung von Gerhart Hauptmanns „Webern“ stattfand, am Ort also seiner szenischen Geburt, wird das Stück jetzt wiedergeboren: aus dem Geiste seiner Urwucht.

          Kein Stück geht so weit hinunter. Gorkis „Nachtasyl“ ist ein Salondrama dagegen. Unter den Weber-Figuren ist ja nichts mehr. Sie liegen nackt und in Fetzen und verhungert mit ihren totgeborenen oder dahinsiechenden Kindern, ihren kranken Frauen und ihren krüppeligen, um einen Silbergroschen Lohn wie um ein Almosen bettelnden Männern auf dem bloßen Boden der Verhältnisse von 1844; als es in Schlesien zum Weber-Aufstand kam; die Villen der Saus-und-Braus-Fabrikanten gestürmt wurden, die den Webern die Hungermindestlöhne auf ein Sterbensquantum kürzten; als Leute, die nichts mehr außer dem bloßen Leben zu verlieren hatten, zu Äxten, Mistgabeln und Hämmern griffen und zuschlugen in einem Rausch der Verzweiflung - bis Militär anrückte und sie zusammenschoss.

          Die Tragödie eines Kollektivs

          Hauptmann, der Mitleidsdichter, der in seinem Stück mehr von der Bergpredigt („Selig sind ...“) als vom „Kommunistischen Manifest“ sah, setzte den einzigen, wahrhaft proletarischen Revolutionären der deutschen Geschichte, gegen die alle späteren doch ziemlich abfallen, fünfzig Jahre später ein dramatisches Denkmal: nicht als Zeitstück, sondern als Kunststück. Weshalb „Die Weber“ überdauern. Als Tragödie einer massenhaften - gerechten! - Empörung. Eines Kollektivs. Aus lauter Einzelschicksalen. Alle in einem. Einer in allen. Darin liegt der Kunstcharakter. Und in der Sprache.

          Das Stück hieß erst „De Waber“. Und ist auch in der dem Hochdeutschen leicht angepassten Fassung immer noch in einem Schlesisch, das mit seinem „aso“ und „komm ock“ und „gittichst“ und „derheeme“ schon 1892 außerhalb von Schlesien die wenigsten richtig verstanden. Und seit Schlesisch nach 1945 von der Landkarte deutscher Sprachprovinzen verschwand, verschwanden mit ihm auch die „Weber“. Das Stück wird selten gespielt. Und wenn, dann um assoziativer Aktualbetrügereien willen: Castorf machte aus ihnen in den neunziger Jahren eine DDR-BRD-Rentner-Farce, wo sich die reiselustigen Proletarier mit ihren Mallorca-Flugtickets die Hintern wischten; Volker Lösch ließ sie in den Nullerjahren in Dresden zu Hartz-IV-Prolos im Laien-Chor verkommen, die skandierten, was ihnen gerade durch die populistische Rübe rauschte. Verkleinerungen.

          Ein von wirtschaftlichen Zwängen gepeinigter Unternehmer

          Jetzt, in Berlin, ist das Gegenteil zu bestaunen. Der Regisseur Michael Thalheimer lässt aus der Tiefe abgerissene, von unten wie von einem Hadeslicht angestrahlte, seltsame, in sich versunkene, wie aus einer Betäubung aufgeschreckte Gestalten auftauchen. Gespenster aus der Existenzhölle. Sie reden in einer tollen, fremden Sprache, die sie schnell und hart und atemlos, aber wie in Granit gehauen von sich stoßen. Es ist Hauptmanns Schlesisch, das hier nicht lächerlich, nicht verniedlicht wirkt, sondern: wie aus einer anderen Welt.

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