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Tanztheater Wuppertal : Ein offensichtlich dramatisches Versagen

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Heute tanzen sie, aber wer tanzt morgen? Die Tänzer Stephanie Troyak und Sebastian Campione beim Brecht/Weill-Abend „Die sieben Todsünden“ von Pina Bausch Bild: Franziska Strauss/Tanztheater Wuppertal Pina Bausch/dpa

Pina Bausch hatte das Tanztheater Wuppertal zu internationaler Berühmtheit gebracht. Unter seiner neuen Intendantin Adolphe Binder ist der Ruf in Gefahr. Bisher liegt nicht einmal ein Spielplan für die neue Saison vor.

          In der gestrigen Beiratssitzung des „Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch“ wurde erörtert, ob seine Intendantin und Künstlerische Leiterin, Adolphe Binder, fristlos entlassen werden soll. Am Ende wurde beschlossen, dass in der kommenden Woche auf einer außerordentlichen Sitzung dazu endgültig entschieden wird.

          Damit zieht sich die Entladung eines seit Monaten über dem berühmtesten Tanzensemble der Republik drohenden Führungskrisengewitters eine weitere Woche hin. Die Leitungsebene des Tanztheaters Wuppertal bezeichnet das Verhältnis zur Chefin Binder als vollkommen zerrüttet. Nach außen trat das Problem jetzt deutlich zutage, als die üblicherweise Anfang Juni stattfindende Spielzeitkonferenz ausblieb und keinerlei Informationen über die Saison 2018/19 herausgegeben wurden.

          Pina Bausch starb 2009.

          Die neunundvierzigjährige Adolphe Binder leitet das nach dem Tod von Pina Bausch 2009 künstlerisch verwaiste Ensemble erst seit einem Jahr. Man hatte ihr die Bausch-Compagnie ungeachtet der Tatsache anvertraut, dass die in Rumänien geborene Deutsche an ihrer vorherigen Wirkungsstätte, der Göteborgs Operans Danskompani, gehen musste, nachdem dort ihr Führungsstil massiv in die Kritik geraten war. Die Hoffnung mag gewesen sein, dass sie Choreographen finden werde, die für das Tanztheater Wuppertal bedeutende neue Werke schaffen. Diese Hoffnung hat sich bislang nicht erfüllt.

          Wäre künstlerische Ahnungslosigkeit im Hinblick auf Tanz allein ein Entlassungsgrund, müssten allerdings einige deutsche Theaterintendanten gehen. Tanz und Ballett sind vielerorts das fünfte Rad am Wagen. Außerdem wäre eine Entlassung aufgrund von ästhetischem Unvermögen nach einer Spielzeit vielleicht auch ein bisschen hart. Was also sind nun die Gründe?

          Wie jedes Unternehmen, so muss auch das Tanztheater Wuppertal finanzielle und produktbezogene Entscheidungen vorausplanen. Die Worte „Budget“ oder „Etat“ spielen eine gewisse Rolle. In einer Stadt wie Wuppertal kommt das Geld schon gar nicht wie der Strom aus der Steckdose. Zwar ist die Kartennachfrage sowohl am Standort wie international unverändert groß. Zwar gastiert das Tanztheater weltweit nach wie vor mit großem Erfolg. Viele Wochen jeder Spielzeit leben die Tänzer aus dem Koffer. Aber bei vierzig spielbaren Stücken, die Pina Bausch hinterlassen hat, kann man sich vorstellen, dass man einige Kenntnisse braucht, um ein Saisonprogramm zu erstellen, das allen internen und externen Anforderungen Genüge tut. Mit welchen Stücken wird gastiert, welche werden zu Hause getanzt, wer übernimmt welche Rollen, wer leitet die Proben? Entscheidungen dieser Art erfordern große personelle, bühnenpraktische, logistische und ästhetische Urteilskraft. Manche Beobachter halten sogar die Antwort auf die Frage nach dem möglichen Überleben der Werke Pina Bauschs für davon abhängig, wie lange für ihre eigensinnige Mischung aus Tanz und Theater noch geeignete Tänzer zu finden sind.

          Adolphe Binder ist als Intendantin des Tanztheaters Wuppertal gekündigt worden.

          Genau hier nun liegt Binders offensichtlich dramatisches Versagen. Wie diese Zeitung erfuhr, hat Adolphe Binder trotz mehrfacher Aufforderungen bis heute keinen Spielplan 2018/19 vorgelegt. Es ist Juli. Zum Vergleich: Die anderen Sparten der Bühnen der Stadt Wuppertal haben am 2. Juli mit ihrem Vorverkauf für die nächste Spielzeit begonnen. In genau zwei Monaten beginnt jene Saison 2018/19. Nach den Entwürfen Binders kann offenbar kein funktionierender Wirtschaftsplan erstellt werden, denn diese Entwürfe sollen zu viele finanzielle und künstlerische Unwägbarkeiten enthalten. So soll eine Vielzahl von Gästen mit „N.N.“ angegeben sein, also als noch nicht feststehend. Es tanzt demnächst also jemand. Unter den NNs sind dabei angeblich Personen, die von ihrem Angefragtsein nicht einmal etwas wissen. Mit „Sweet Mambo“ und „Kontakthof“ habe Binder außerdem zwei Stücke angesetzt, von denen interne Sachverständige erklären, man habe derzeit gar nicht die richtigen Tänzer dafür. Das allein ist schon eine ziemliche Kapitulationserklärung. Mindestens so katastrophal ist, dass bisher offensichtlich nicht feststeht, welche Künstler neue Choreographien mit dem Ensemble erarbeiten sollen.

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          Neben diesem Vorwurf einer offensichtlichen Verletzung ihrer Pflichten als Intendantin gibt es Vorwürfe aus dem Ensemble, Vorwürfe von Mobbing, herabsetzenden Äußerungen, sexistischen Bemerkungen, von autoritärem und diskriminierendem Benehmen. Das alles könnte man dahingestellt sein lassen, wenn es kein Zeichen dafür wäre, dass das Vertrauen zerstört ist, die Arbeitsatmosphäre vergiftet.

          Nicht nur droht hier also ein Erbe verspielt zu werden, und zwar eines der besten, das der deutsche Tanz hat. Es wird auch für die Zukunft einer ganzen Gattung nichts getan. Wer schlechte Choreographen engagiert, schadet der Kunst. Wer gar keine engagiert, schadet der Institution, für die zu arbeiten eine Intendantin bezahlt wird. Dass dies ausgerechnet an einem Ort geschieht, dem bis zur Erschöpfung die ganze Hingabe der Frau galt, die ihn berühmt gemacht hat, Pina Bausch, ist ein Skandal.

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