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„Exodos“ von Sasha Waltz : Als gäbe es kein Tanztheatermorgen

  • -Aktualisiert am

Wovor flüchten sie? Sasha Waltz untersucht in ihrer Neuproduktion „Exodos“ kollektive Dynamiken. Bild: Gregor Fischer/dpa

„Exodos“ von Sasha Waltz hat in Berlin Uraufführung – eine in jeder Hinsicht schweißtreibende Angelegenheit.

          Die Luft im Berliner Radialsystem steht und ist unfassbar heiß. Noch die Klangwolken, Beats und Echtgeräusch-Fragmente, die das Soundwalk Collective von einer Empore gesteuert durch Lautsprecher aus großer Höhe herunterströmen lässt, scheinen den Raum aufzuheizen. Diese Halle wird die nächsten zweieinhalb Stunden nicht der angenehmste Aufenthaltsort sein. Der bequemste auch nicht: Nur zwei lange Reihen schmaler, niedriger Bänke auf den Längsseiten der Halle bieten Sitzgelegenheiten für die paar Hundertschaften Publikum, die gekommen sind, um das neue Stück der Choreographin Sasha Waltz zu sehen. Der Rest sitzt auf dem Fußboden oder steht sich die Beine in den Bauch. Herumlaufen ist eigentlich nur in der ersten halben Stunde passend, solange „Exodos“ wie eine Installation mit Tänzern angelegt ist.

          Die Uraufführung „Exodos“, im Alten Testament den Auszug der Israeliten aus Ägypten bezeichnend, schien sich mit diesem Titel als künstlerischer Beitrag zur Flüchtlingsthematik ankündigen zu wollen. Womit sich eine Diskussion der Hitze- und Freie-Stehplatz-Wahl-Politik des Theaters noch vor dem ersten Schritt als politisch nicht korrekt erledigt hatte. Wer wollte bei diesem Thema schon als verpimpter Klimabeschwerdeführer gelten, nur weil es zweieinhalb Stunden keine Pause geben würde. Also blieben alle klaglos eingesperrt, nur später brach sich vereinzelt aufgestauter Unmut Bahn.

          Zwischen Narration und Abstraktion

          Bereits in ihrer großartigen Uraufführung vom vergangenen Jahr, „Kreatur“, das am selben Ort gespielt wurde, gab es Verweise auf Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit und das Zusammenrücken und beengte Unterkommen in der Fremde. Im neuen Stück werden Kreidestriche um Zuschauerfüße gezogen, als wollte man Migrationsbewegungen des Publikums im Raum dokumentieren. Ein Waschbecken mit Wasserversorgung aus dem mitgeführten Kanister wird freundlich durch die zwischen den Tänzern Umherwandernden gerollt und zur Handreinigung angeboten. Später werden Wege aus Tänzerkörpern gelegt, formen kleine Gruppen ihre Arme zu Ausstiegen wie von Booten oder Flößen herunter, durch welche die Tänzer einzeln klettern. Diejenigen, die schon durchgeschlüpft sind, strecken den Nachkommenden helfende Hände aus. Es gibt einen langen Zug von Wandernden, die Klimakatastrophen, Kriegsszenarien oder Wirtschaftszusammenbrüchen zu entkommen versuchen könnten.

          Den Ausbruch wagen: „Exodos“ beginnt mit in Vitrinen eingeschlossenen Tänzern.

          Leider erweist sich hier auch schon das Schwierige des Abends, treten die Gründe für sein eigentliches Scheitern klar zutage. Denn solche Bilder von Migration und Hilfebedürftigkeit sind so offensichtlich und naheliegend, so vorhersehbar in den Abläufen selbst bei einer derart originellen Choreographin wie Waltz, dass man zwar nicht unberührt bleibt, aber doch zu schnell begreift und dann recht bald das Interesse verliert. Trotz vielen wundervollen rein tänzerischen Passagen, manch gelungener Szenen und einer schier überwältigenden Spiellust und Bewegungsvirtuosität aller 26 Tänzer beweist der Abend die Schwächen eines Genres wie des Tanztheaters zwischen Narration und Abstraktion.

          Fabelhaftes Tanzensemble

          Denn auf der anderen Seite des thematischen Bilderbogens, den Überdeutlichkeiten und dem nur zu anschaulich Bebildernden gegenüber, steht das Unverständliche, Idiosynkratische, Surrealistische. Phantastisch ist, dass Waltz und ihr Ensemble in der Mitte des Stücks den Ausgang aus dem eigenen, nicht funktionierenden Stücksystem finden und drauflosrocken, als gäbe es kein Tanztheatermorgen. Da scheint es in den Kreisformationen, den Rave-Parties, dem ganzen witzigen Clubbing und Dancing unter Zuschauerbeteiligung auf der Bühne plötzlich um einen Exodos ganz anderer Art zu gehen. Wovor flüchtet jeder einzelne, vor welcher lange nötigen Tat, vor welcher Mutprobe, vor welcher Befreiung, und was würden wir uns umgekehrt zu tun wünschen, wenn die Welt eine ideale wäre, ohne unnötige Konventionalität, ohne gesellschaftlichen falschen Schein, erzwungene Freundlichkeit und geheuchelte Aufrichtigkeit? Dann würden alle ausflippen vor Übermut, und genau diesen Exodos aus langweiliger Routine und angeblichen Verhaltensvorschriften demonstriert das großartige Ensemble, dass einem schwindlig wird, nicht vor Hitze, sondern vor Begeisterung über das Temperament von Waltz’ Leuten. Alle sind fabelhaft; aber die französische, an der Pariser Oper ausgebildete Peggy Grelat-Dupont ist die Sahnetorte in dieser Theater-Konditorei. Immer wenn man denkt, na gut, sie hatte diese irrsinnig gute Szene gerade, dann kommt sie zurück und setzt noch eins drauf. Allein um sie anzuschauen, lohnt es sich, in „Exodos“ zu gehen.

          Was mit in Vitrinen eingesperrten Tänzern so waltz-bekannt beginnt und im Grunde mit einem fast nackten, zärtlichen Duett von Unterhosenmann und Unterhosenfrau endet, hat dazwischen so viel Gewagtes, so viel das Waltz-Repertoire Übersteigendes und großartig Irres zu bieten, dass man ganz satt nach Hause geht und denkt, kein Wunder, dass man auch als Zuschauer schwitzt. War ja auch eine Zumutung. Aber stellenweise eine herrliche.

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