Home
http://www.faz.net/-gs3-6wzsx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tanz in Gelsenkirchen Karrt den Zeus doch endlich ins Museum!

22.01.2012 ·  Gelsenkirchen als theatrale Lebensform: Bridget Breiner belebt mit ihrem Operntanzprojekt „Großstadt-Triptychon“ am Musiktheater im Revier drei prophetische Kurzopern der zwanziger Jahre.

Von Wiebke Hüster
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)
© Pedro Malinowski Ist das die Dame auf dem Cremetopf? Zeus zweifelt in Gelsenkirchen

Zeus kommt es in den Sinn, vom Olymp herabzusteigen. Der in die Jahre gekommene Göttergroßvater steht in seinen Birkenstock-Sandalen mitten auf dem Potsdamer Platz und kapiert nicht, dass die Cremetopf-Reklamedame Elida und die Eintänzerin, die ihm um den weißen Bart geht, nicht identisch sind – erst recht nicht mit seiner begehrten Europa. Ein klarer Fall von Spätvergreisung. Szenenwechsel: Schmidt lebt in der Großstadt, wo die modernen Mädchen im Akkord auf Schreibmaschinentasten hauen und man hinter dünnen Wänden zur Untermiete wohnt – einsam, wie man es nur unter Millionen Menschen sein kann.

Szenenwechsel: Da leuchtet der Mond über Alabama, über Charly, Billy, Bobby, Jenny und Co. Drei Kammeropern aus den Jahren 1928, 1929 und 1927 hat die designierte Ballettdirektorin Bridget Breiner am „Musiktheater im Revier“ für ihren Regieeinstand mit „Großstadt-Triptychon“ zusammengespannt. Und die als Erste Solistin des Stuttgarter Balletts bekannte amerikanische Tänzerin, die das „Ballett im Revier“ vom Herbst an leiten wird, nutzt dieses Debüt so klug wie phantasievoll: zu einer gelungenen Zusammenarbeit von Musikern, Sängern und Tänzern.

Zustand teilnehmender Entspanntheit

Ihre Regie überstürzt nichts, sie hält sich choreographisch eher zurück, dirigiert dabei aber die vielen Akteure meist geschickt zwischen abstrakten Bühnenbildelementen hindurch, die Fenster, Türen, Wohnungen, Hochhäuser andeuten. Sie stellt die Sänger und Tänzer zwanglos nebeneinander, mit der Anweisung, sich locker zu machen und, wann immer es nichts zu singen oder zu tanzen gibt, bloß nicht zu mimen, sondern in einem Zustand teilnehmender Entspanntheit bis zum nächsten Einsatz zu verweilen. Die in Grau, Weiß und Rot gehaltenen Zwanziger-Jahre-Kleider fallen so locker, dass die körperlichen Unterschiede zwischen den überschlanken Tänzern und den Sängern stilvoll nivelliert werden.

Schon in Stefan Wolpes irrwitzig schräger Kurzoper „Zeus und Elida“ von 1928 strahlt Alfia Kamalovas anstrengungslos schöner Sopran in der schwierigen Titelpartie, als gleite die ausdrucksvolle Stimme durch eine Serie heiterer Lieder. Etwas unausgewogen war hier noch die Abstimmung von Orchester und Sängern, das eine zu laut, die anderen mitunter übertönt. Am Ende verbietet der Staatsanwalt den Potsdamer Platz, und Tomas Möwes’ volltönender Zeus wird mit der Sackkarre ins Museum gefahren. Der Pianist und Komponist Wolpe war ein Dada-verliebter, hochbegabter Außenseiter, musste 1933 fliehen und strandete schließlich in den Vereinigten Staaten. Schon in dem kabaretthaften Stück „Zeus und Elida“ hört man außer Bildungskalauern frühen, bösen Hitler-Spott.

Aktionen ohne erkennbare Bedeutung

Erich Kästners „Leben in dieser Zeit“ war ein Avantgarde-Hörspiel in den Anfangsjahren des Rundfunks und wurde gleich darauf ein Erfolg an Dutzenden Bühnen. Kein Wunder, sind doch die Lieder teils schmissig, teils schmelzend schön und die Texte bitterster, zu Herzen gehender Kästner in schönsten dramaturgischen Galoppwechseln. Edmund Nick hat eine weniger aufreibende, gefälligere Musik geschrieben für diese „Laien-Kantate“ (Kästner), die ursprünglich Kurt Weill vertonen sollte. Der aber winkte ab, weil er bereits an seiner „Mahagonny“- Musik arbeitete. In Gelsenkirchen hat Christa Platzer als „Chansonette“ glänzende, gefühlvolle Auftritte, ebenso als Jenny im „Mahagonny-Songspiel“, wo ihre und Kamalovas Stimmen sich ideal verbinden. Aber auch Lars-Oliver Rühl als Schmidt ist ein einfühlsamer Sänger-Schauspieler von großer Präsenz. Der Chor singt präzise und agiert aufmerksam und gespannt. Clemens Jüngling dirigiert eine mit Feuer und Witz musizierende Neue Philharmonie Westfalen.

Die Inszenierung des abschließenden „Mahagonny-Songspiels“ ist Breiner am schwächsten geraten. Die Sänger stehen mehr so herum; dazwischen bewegen sich in glänzend-weinroten Shorts und Rollkragen-Oberteilen – seltsame Kombination – die Tänzer. Drehen sich auf den Knien um sich selbst, verschwinden und kriechen unter dem Vorhang noch einmal hervor. Man weiß nicht so genau, was der Tanz hier bedeuten will.

Am rechten Ort

Breiner gelingt es aber, die drei Opern schlüssig zu verbinden. In musikalischer Hinsicht geben sie einen bewegenden Einblick in eine Zeit, in der alle Bühnen diese kurzen Zeitgemälde verbrauchten wie die Kabarettisten ihre tagespolitischen Witze. Der aufziehende Faschismus wirft bei Wolpe erste Misstöne in eine ohnehin als Satirestoff empfundene Gegenwart. Das von dunkler Großstadtmüdigkeit und Skepsis gefärbte „Leben in dieser Zeit“ führt hinüber zu Brecht/Weills Goldgräberstimmung für alle, die den Metropolen den Rücken kehrten.

Mit dem Stuttgarter „Großstadt-Triptychon“ von Otto Dix teilt Breiners Inszenierung nur die Epoche; die groteske Hässlichkeit und seelische Nacktheit der Figuren von Dix liegt Breiner ganz fern. Gelsenkirchen aber, der ausgeträumte Traum einer Großstadt inmitten eines Ballungsraums im permanenten Wandel, gibt für den Abend die denkbar passende Hintergrundkulisse ab.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3