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„Tannhäuser“-Skandal an der Rheinoper : Abendquatsch

  • -Aktualisiert am

Ein braver Theaterregisseur mit kühnen Opernideen, ein erst zu ruhiger, dann zu aufgeregter Intendant, dazu ein paar Springerstiefel aus dem NS-Fundus: Schon hat man den Düsseldorfer „Tannhäuser“-Skandal.

          In Düsseldorf, einer der seltsamsten Theaterstädte Deutschlands, in der die Intendanten (Schauspiel) entweder ausbüxen oder (Oper) einknicken, ist zurzeit der Abendstern, der über Richard Wagners „Tannhäuser“ normalerweise leuchten sollte, abrupt erloschen, wenigstens szenisch: Christoph Meyer, Chef der Deutschen Oper am Rhein, hat angeordnet, die Inszenierung Burkhard C. Kosminskis gleich nach der Premiere vom Spielplan zu nehmen, bei der es zu Zuschauerzusammenbrüchen und Notarzteinsätzen gekommen war. Etlichen Premierengästen ging der Venusberg als KZ samt allfälligen Vergasungen und Judenerschießungen (an denen sich auch Tannhäuser beteiligt haben soll) derart an die Nieren, dass sie kollabierten oder unter lautstarken Protesten den Saal verließen.

          Es geht um Schuld, Sünde und Vergebung

          Zumal Kosminski, normalerweise ein braver, durchschnittlich einfallssüchtiger Schauspielchef in Mannheim, offenbar mit Wagners Musik so wenig anzufangen wusste, dass er sie auf offener Szene anhielt, um seinen KZ-Galimathias abzuziehen. Dass ein Schauspielregisseur auch mal Oper machen will und, da er von Musik keine Ahnung hat, wochenlang darüber brütet, womit er Aufsehen oder Skandal erregen könnte, und dabei, egal ob bei „Palestrina“ oder „La Traviata“, sofort auf die guten alten Nazis verfällt (nackte SS-Männer in Springerstiefeln mit Äxten machen sich besonders gut!), ist normal. Dass aber ein Intendant eine Oper in seinem Hause herausbringen lässt, in der es um Erlösung, um Schuld, um Sünde und Vergebung, um irdische und himmlische Liebe, kurz um einen Mann zwischen zwei Frauen, zwischen Venus und Elisabeth, Sex und Blümchen geht, der am Ende vom Papst in Rom eins auf die Büßermütze kriegt - und dass der Intendant sehenden Auges einen Einfallspinsel wie Kosminski den Abendstern zum Abendquatsch degradieren lässt, darin liegt der eigentliche Skandal. Der sich nun zum zuschauergestützten Zensurfall weitet.

          Denn jetzt will der Herr des Hauses mit dem, was er darin hat anrichten lassen, plötzlich nichts mehr zu tun haben und den „Tannhäuser“ nur noch konzertant und garantiert KZ-los präsentieren. Wieso aber hat Meyer nicht frühestens bei der ersten Konzeptionsbesprechung, spätestens aber beim ersten Durchlauf gesagt: „Kosminski, Sie haben wohl ein Rad ab“ (wahlweise: „eine Schraube locker“), und das Ding gar nicht erst auf die Bretter gelassen? Deformation professionelle als Feigheit vor der Regie-Rübe, durch die so was rauscht? Mehr Mut, ihr Intendanten! Aber bitte gleich, nicht erst nachher.

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