Königin Viktoria soll zwar aufs höchste angetan gewesen sein von der „Tannhäuser“-Ouvertüre, die sie, von Richard Wagner selbst dirigiert, im Juni 1855 hörte - wobei ihr die Satinhose des Komponisten (wie dieser seiner Frau berichtete) offenbar besonders gut gefiel. Obgleich die „Times“ bei der Londoner Premiere der Ouvertüre wenige Wochen vor Königin Viktorias Besuch im Konzertsaal gedonnert hatte, selten sei einem Publikum eine derart aufgeblähte Zurschaustellung von Extravaganz und Getöse dargeboten worden, etablierte sich die Oper rasch im britischen Repertoire.
Unterdessen ist „Tannhäuser“ in Britannien allerdings fast eine Rarität geworden: In Covent Garden wurde die Oper, an der Wagner bis zuletzt immer wieder feilte, schon seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr aufgeführt. Das lange Fehlen wird mit dem Mangel an Tenören erklärt, die imstande wären, die strapaziöse Titelpartie zu bewältigen. Nun, da sich der Südafrikaner Johan Botha gefunden hat, steht das Werk in der Wiener Fassung von 1875 (ergänzt durch Walther von der Vogelweides Lied aus der Dresdner Fassung) endlich wieder auf dem Programm - in einer eindrucksvollen Aufführung, die ihre Kraft vor allem aus der gestalterischen Sensibilität des Dirigenten Semyon Bychkov und aus der musikalisch wie psychologisch eindringlichen Interpretation der Figur Wolfram von Eschenbachs durch Christian Gerhaher bezieht.
In Tim Alberys düsterer Inszenierung sitzt Tannhäuser als Zuschauer auf der Bühne, vor einer etwas verkleinerten Kopie des Covent-Garden-Proszeniums, mitsamt den goldbestickten Initialen der Königin auf dem roten Samtvorhang. Mit diesem Verfremdungskunstgriff markiert Albery nicht nur die Grenze zwischen Wirklichkeit und Illusion. Der abseits plazierte Minnesänger wird gleich zu Beginn als jene gesellschaftliche Außenseiterfigur eingeführt, als die sich Wagner selbst empfand. Venus tritt als Operndiva in hautengem schwarzem Paillettenkleid in Szene, umschart von wollüstigen jungen Höflingen, die Tannhäuser mit einem - von Jasmin Vardimon fulminant choreographierten - Tanz des sinnlichen Exzesses auf die Bühne und mithin aus dem Irdischen in das dionysische Reich der Liebesgöttin locken.
Sie können nicht zusammenkommen
Zerrissen zwischen Erotik und Geist, zwischen heidnischer Ausgelassenheit und christlicher Moral, zwischen Freizügigkeit und Konvention, flüchtet der Minnesänger zurück in eine winterliche, kriegsversehrte Wartburg. Dort waltet Christof Fischessers expressiv modellierter Landgraf Hermann wie ein balkanischer Kriegsherr, beschützt von Leibwächtern mit Maschinengewehren. Die Sängerhalle liegt in Schutt und Asche. Elisabeth liest den Vorhang vom Boden auf und hält ihn beglückt an ihre Brust: Die Kunst kann aus den Trümmern gehoben werden. Es geht Albery jedoch mit der Verortung in einem Kriegsgebiet darum, hervorzuheben, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Diejenigen, die reine Liebe und holde Kunst besingen, greifen auch schnell zur Waffe, wenn man sich ihren Vorstellungen widersetzt.
Dass die Inszenierung trotz mancher Ungereimtheiten dabei nicht ins Platitüdenhafte verfällt, verdankt sie Alberys detaillierter Personenführung, zumal des großartigen Chors, den er vor schwarzem Hintergrund zu eindringlichen Tableaus arrangiert, aus denen tiefe Verzweiflung spricht. Den Widerstreit zwischen sinnlicher und irdischer Leidenschaft untermalt die Regie, indem sie Tannhäuser und Elisabeth szenisch trennt. Während er liebestrunken auf der einen Bühnenseite singt, atmet sie auf der anderen den reinen Duft der weißen Rose ein, die der sehnlich Vermisste ihr bei der Wiederbegegnung überreicht hat. Als Elisabeth dann nach dem Eklat beim Gesangswettbewerb realisiert, dass die beiden nie zusammenkommen werden, lässt sie die abgefallenen Blüten geistesabwesend aus der Hand rieseln.
Mehr als bloße Stimmkraft und Schönklang
Geschickt geht Albery mit der stämmigen Statur des schauspielerisch nicht sonderlich begnadeten Johan Botha um, indem er ihn möglichst oft sitzen lässt. Mit strahlendem Tenor meistert Botha mühelos die gefürchtete Tessitura der Rolle, wobei man sich mitunter einen nuancierteren Ausdruck gewünscht hätte - gerade im Vergleich zu Christian Gerhahers wunderbar moduliertem, grandios gespieltem Wolfram. Sein tief bewegendes, von Großmut und Verzweiflung zeugendes „Lied an den Abendstern“ zeigt freilich, wie viel mehr den großen Interpreten auszeichnet als bloße Stimmkraft und Schönklang.
Kein Wunder, dass dem lyrischen Bariton, der damit sein Hausdebüt an Covent Garden gab, am Schluss der größte Beifall zuteilwurde. Dem kraftvollen, mitunter etwas kantig klingenden Mezzosopran Michaela Schusters fehlt es in der Rolle der Venus an verführerischem Zauber. Die niederländische Sopranistin Eva-Maria Westbroek evoziert mit üppiger Expression eine in den Wahnsinn abgleitende Elisabeth. Getragen wird die Aufführung von Semyon Bychkovs ebenso durchsichtiger wie kontrastreicher Klangmalerei: Subtil leuchtet Bychkov fast jedes Detail aus und spannt dabei souverän einen großen Bogen über das ganze Werk.