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Veröffentlicht: 18.04.2017, 14:55 Uhr

Marcia Haydée zum Achtzigsten Die Unvergleichliche

Schon in jungen Jahren strahlte sie neben ihrer Fröhlichkeit etwas Schwermütiges aus. Sie wirkte zart und gleichzeitig stark, zerbrechlich und doch unbeirrbar: Zum Achtzigsten der Tänzerin Marcia Haydée.

von Alexandra Albrecht
© Getty Ballerina und Camp-Fee: Marcia Haydée zu Beginn ihrer Laufbahn.

Eigentlich sollte eine Primaballerina nicht auf der Bühne stolpern. Es widerspricht so ganz den Vorstellungen, die man von einer klassisch ausgebildeten Tänzerin hat, von der man Eleganz und Perfektion erwartet. Marcia Haydée jedoch stolperte als Katharina in „Der Widerspenstigen Zähmung“ so wunderbar, dass man es nie vergessen wird. Gleichzeitig ungelenk und doch gekonnt, tollpatschig und unsicher und dabei höchst virtuos, drückte sie all die Bockigkeit und Schüchternheit ihrer Figur mit den Füßen aus, die ihr so im Wege standen wie diese junge Frau sich selbst. Marcia Haydée hatte sich mit der komischen Partie nicht leichtgetan, dann aber ohne Übertreibung und mit der ihr eigenen schauspielerischen Ausdruckskraft eine anrührende Interpretation verkörpert, die viel dazu beitrug, dass John Crankos in Stuttgart uraufgeführte Choreographie zu einem Klassiker wurde.

Dabei wollte der Generalintendant der Württembergischen Staatstheater, Walter Erich Schäfer, die gebürtige Brasilianerin gar nicht verpflichten, sie habe keine Ausstrahlung, beschied er ihr. Sein Ballettdirektor John Cranko aber setzte sich für die anfangs technisch nicht perfekte Tänzerin ein und hatte fortan mit ihr eine Partnerin zur Seite, die seine Ideen sofort verstand, umsetzen konnte und maßgeblich am Stuttgarter Ballettwunder beteiligt war. Ein Begriff, der im Übrigen völlig falsch ist, denn hier ereignete sich kein Wunder, vielmehr war die Kulturpolitik willens, das Ballett so auszustatten, dass es Weltniveau erreichen konnte, und engagierte mit Cranko den Richtigen dafür.

Die sich selbst befreiende Frau

Der Brite erneuerte das Handlungsballett mit seinen eindringlichen, unmissverständlich erzählten Werken und baute eine herausragende Compagnie auf, zu der weitere Tänzerpersönlichkeiten wie Birgit Keil, Sabine Kupferberg, Egon Madsen und Richard Cragun gehörten, Haydées bildschöner Romeo, auf der Bühne und viele Jahre auch im Leben. Deutschland, Entwicklungsland in Sachen Ballett, wurde plötzlich im Ausland wahrgenommen, Publikum und Kritik feierten die Stuttgarter in den Hochburgen des Tanzes, in New York und Moskau.

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Mit der Partie der Tatjana in seinem Meisterwerk „Onegin“ schuf Cranko seiner Primaballerina eine der wohl dankbarsten Rollen für eine Tänzerin. Hier führte sie die Entwicklung vom ernsthaften, zurückhaltenden Mädchen zu einer unglücklich liebenden, sich aus dieser Abhängigkeit selbst befreienden Frau ergreifend vor. Schon in jungen Jahren strahlte sie neben ihrer Fröhlichkeit immer auch etwas Schwermütiges aus. Sie wirkte zart und gleichzeitig stark, zerbrechlich und doch unbeirrbar. Diese aparte Mischung machte sie zu einer interessanten Darstellerin vielschichtiger Figuren, mit der auch andere namhafte Choreographen arbeiten wollten, so etwa Maurice Béjart und Kenneth MacMillan. John Neumeier schuf zwei seiner besten Ballette für sie: „Endstation Sehnsucht“ und „Die Kameliendame“. Als Letztere uraufgeführt wurde, befand sich Marcia Haydée mit 41 Jahren in einem Alter, in dem die meisten ihrer Kolleginnen schon Bühnenabschied genommen haben. Sie dagegen sorgte mit dafür, dass zunehmend auch Partien für ältere Tänzerinnen geschaffen wurden.

45928628 © dpa Vergrößern Strenger Blick: Marcia Haydée im Februar 2012 bei einer Probe für „Das Fräulein von S.“ an der Stuttgarter Oper.

Nach dem plötzlichen frühen Tod John Crankos übernahm sie wenige Jahre später, 1976, die Direktion des Stuttgarter Balletts, um das Erbe ihres Förderers zu bewahren. Trotzdem stand sie auch noch auf der Bühne, später arbeitete sie zudem als Choreographin. Die Unermüdliche förderte neue Talente wie William Forsythe und Jiři Kylián und öffnete das Ballett für das Tanztheater. 1996 gab sie die Leitung des Stuttgarter Balletts ab, seit 2002 führt sie das Ballett von Santiago de Chile. Ihr Vertrag wurde gerade um sechs Jahre verlängert. Und am 30. Mai wird sie in Moskau den „Benois de la danse“ für ihr Lebenswerk bekommen. Heute wird die unvergleichliche Marcia Haydée achtzig Jahre alt.

Glosse

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