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Bochums neuer Konzertsaal : Das bringt die ganze Stadt zum Klingen

Glücklich: Die Bochumer Symphoniker an ihrem neuen Arbeitsplatz. Bild: Lutz Leitmann

In Bochum feiern die Symphoniker fröhlich die Eröffnung ihres neuen Konzertsaals. Das Publikum ist hin und weg, und die Musiker sind es auch. Sie müssen lernen, anders zu spielen.

          Seht her, so geht das! Bochum, bekannt als Currywurst-Stadt, Grönemeyer-Stadt, Lammert-Stadt, ist jetzt zu „BoSy“-Stadt geworden. Am Wochenende feierten die Bochumer Symphoniker die Eröffnung ihres ersten eignen Konzertsaals. Wie es dazu kam, das war eine dolle Geschichte von Bürgerstolz und Eigensinn (F.A.Z. vom 27. Oktober). Und jetzt ging es vier Tage lang zu wie in einem Bienenstock. Das halbe Ruhrgebiet kommt zum Gucken. In allen Winkeln, auf allen Brücken und Treppen des neuen Hauses summt und brummt es. Polizeichor, Musikschulkinder, Mitsingzirkel: „Kein schöner Land in dieser Zeit.“ Die Straße wird gesperrt, Partyzelte werden aufgeschlagen, es gibt Bier, Reibekuchen, Apfelmus.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Dieser Konzertsaal, auf den die 1919 gegründeten „BoSys“ 97 Jahre hatten warten müssen, ist etwas Besonderes. Als Foyer dient das Langschiff der alten Marienkirche, die beinahe abgerissen worden wäre. Ihr Backsteinturm überragt, als ein nunmehr kunstreligiöses Wahrzeichen, die umliegenden Flachdächer. Anders, als das heutzutage Usus zu werden droht, ist der Konzertsaal auch nicht jottwede in eine stadtplanerische Problemzone verklappt worden, wo nur die paar Kulturfuzzis hinfinden, die auch wirklich unbedingt dort hinwollen, wie in Paris der Fall, oder in München geplant (glauben darf man das aber erst, wenn dort Richtfest war).

          Das ging sogar ohne Milliardenloch

          Auch hat der Bochumer Saal kein Milliardenloch gerissen, wie im schönen, reichen Hamburg, das es sich freilich leisten kann, seinem neu erschaffenen Luxusviertel, der Speicherstadt, ein krönendes Megamützchen aufzusetzen. Nein, der neue Bochumer Konzertsaal, der sich tiefstapelnd und gemütlich „Anneliese Brost Musikzentrum Ruhr“ nennt, liegt zehn Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, fußläufig zwischen Rathaus und Schauspielhaus, sodass nun im Herzen der Stadt alles dicht beisammen ist, was zu den Stützpfeilern städtischen Bürgersinns gehört. Bauzeit: vier Jahre. Deutlich mehr als ein Drittel der Kosten, die nicht explodierten, wurde privat aufgebracht, von 20000 privaten Spendern. Die sind nun stolz. Alle Bochumer sind stolz. „Sie waren da drin? Los, erzähl!“, sagt die Bardame. Der Taxifahrer stellt die gleiche Frage, noch bevor er weiß, wo es hingeht. Und die „BoSys“? Achtzig Musiker sind überglücklich, und ihr Chefdirigent, Steven Sloane, ist es auch.

          Das versteht jeder im Saal, wenn die Musik beginnt. Ich habe zwar nicht auf jedem der 960 Plätze gesessen, Parkett oder Hochparkett, Rang und Galerie. Aber ich habe mich umgehört: Offenbar gibt es keine akustischen Löcher, die Nachhallzeit stimmt. So kompakt ist diese Schuhschachtel entworfen, dass die Entfernung zum Podium von fast allen Plätzen aus kurz bleibt. Musik und Ohren sind einander nahe. Die Decke hängt tief, ist freilich durchlässig, so wird nichts unvorhersehbar reflektiert, auch keine Frequenz verschluckt. Keine Akustiksegel nötig, der Klang geht den direkten Weg. Und es klingt wunderbar.

          Klar wie Glas, wuchtig und warm zugleich: Obgleich sich die Farben satt mischen, treten die einzelnen Stimmgruppen, Holzbläser und Blechbläser, tiefe und hohe Streicher, dennoch charakteristisch hervor. Nichts matscht, kein Ton geht verloren. Man hört aber auch jeden Atmer, jede Klappe, jeden noch so winzigen Patzer. Nein, barmherzig mit den Musikern ist dieser von drei Akustik-Designern ausgetüftelte Saal nicht gerade, jedoch, für ein ehrgeiziges Orchester wie dieses, ist er wie ein Sechser im Lotto.

          Eine rührende Kantate

          Zuerst muss in einem neuen Musikhaus ein neues Stück gespielt werden. Der Bochumer Komponist Stefan Heucke hat eine rührende, gut halbstündige Kantate geschrieben, gefügt aus festlich punktierten Pfundnoten, strahlenden Fanfaren sowie ein paar Prisen Filmmusik. Erst steht Sloane allein auf leerer Bühne, ein Kind bringt ihm den Taktstock. Dann trudeln nach und nach die Musiker ein, fiedelnd und blasend, singend und klingend, kommen sie in Grüppchen aus dem Zuschauerraum, die Symphoniker, das ChorWerk Ruhr, der Philharmonische Chor Bochum, der leuchtende Solobariton Martijn Cornet, die zauberhaften drei Knaben-Solisten von der Chorakademie Dortmund, und vereinen sich zu einer gewaltigen Amen-Fuge, während menetekelnde Schriftzüge auf dem hellen Holz des Galerie-Umlaufs erscheinen und verschwinden, die lieben „Bochumerinnen und Bochumer“ grüßend.

          Dazu passt die Aura fröhlicher Privatheit, die der „Wohnzimmertitan“ ausstrahlt, in den Gustav Mahlers erste Symphonie sich unverhofft verwandelt, unter Sloanes umsichtiger, alle Widersprüche befriedenden Zeichengebung. Weich und rund lässt er musizieren, ohne Ecken und Kanten. Keine Ironie zu spüren, alle Jean-Paulschen Dämonen sind diesmal draußen geblieben, weil das Orchester, zumal in den Streichern, über eine famose Legato-Kultur verfügt: nicht das Fragmentarische wird herausgearbeitet, sondern der Konsens.

          Die Bläser haben noch etwas Mühe

          Mit der Dynamik des neuen Saales hadern noch die hellen Bläser; die Celli und Kontrabässe müssen sich erst daran gewöhnen, dass man sie nun individuell heraushören kann. Fünf Hörner, vier Trompeten, vier Posaunen nehmen anderntags Aufstellung auf der zweiten Galerie und holen tief Luft für das festliche Getöse der Oktoberrevolutionsouvertüre op. 96 von Dmitri Schostakowitsch. Und auch solistisch funktioniert der Saal ausgezeichnet. Frank-Peter Zimmermanns kostbare Geige flüstert, jubelt und jauchzt in Béla Bartóks zweitem Violinkonzert, im „Feuervogel“ von Igor Strawinsky dürfen die Holzbläser ihrem Affen Extrazucker geben, jeder einzeln, die Pikkoloflöte voran. Nachts strahlt der Saal aus allen Schießscharten-Fenstern hinüber zum Bermuda-Dreieck, wo das Nachtleben tobt. Bochums Kulturlandschaft wird sich, so viel steht jetzt schon fest, beleben und verändern durch diesen Saal.

          Schon jetzt wurden mehr Abos verkauft als je zuvor, und für die „BoSys“ beginn ein neues Zeitalter: „Wir müssen uns neu erfinden“, sagt Sloane, nach dem dritten Konzert im neuen Saal: „Wir lernen, anders zu spielen“.

          Quelle: F.A.Z.

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